Foto: Roman, Mariesol Henn, FumyUnternehmen profitieren davon, wenn sie Frauen einstellen. Aber warum müssen eigentlich immer ökonomische Gründe herhalten, wenn es um Frauenquoten geht?

In meinem Job führe ich Seminare mit Studentinnen zum Thema Berufseinstieg durch. Ich bespreche mit ihnen nicht nur allgemeine Tipps zu Bewerbung und Gehaltsverhandlung sondern auch die Themen Gender Pay Gap, Karriereknick und Frauenquote. Letztens sagte eine junge Teilnehmerin, sie wolle keine Quotenfrau sein. „Warum sollte mich jemand einstellen, nur weil ich eine Frau bin? Das schadet doch dem Unternehmen.“

Ich kann der Studentin nicht vorwerfen, dass sie damit allen Frauen schadet und sie selbst dran Schuld ist, wenn sie das so sieht. Ihr Denken entspricht dem allgemeinen neoliberalen Klima weltweit. Nicht der Mensch ist das Maß der Dinge sondern die Wirtschaft. Wirkt sich ein Aspekt positiv auf die Bilanz eines Unternehmens oder das Wirtschaftswachstum eines Landes aus, ist es legitimiert und wird nicht mehr in Frage gestellt.

„Frauen sind nicht wirtschaftlich.“

Diese Woche macht sich die CDU zum/zur Anwalt* der deutschen Arbeitgeber*. Wegen der schwächelnden Konjunktur sollen Unternehmen wirtschaftlich entlastet werden, wenn sie die Frauenquote einführen. Allerdings will Manuela Schwesig nicht mal mehr eine 50-Prozent-Quote für die Dax-Unternehmen und den öffentlichen Dienst einführen. Schon ein Quötchen stellt die Arbeitgeber offenbar vor unkalkulierbare finanzielle Belastungen und degradiert Frauen zu einem Minuspunkt in der Bilanz. Der Sturm dagegen weht nur als laues Lüftchen durch die Medien- und Parteienlandschaft.

Arbeitgeber* werben gerne mit Gleichstellungsbeauftragten, Diversitiy Management, Nachwuchsprogrammen für Frauen und Selbstverpflichtungen um die gut ausgebildeten Frauen – und Männer. „Seht her. Wir tun was. Freiwillig.“ Getan hat sich bisher nichts. Freiwilligkeit führt nicht zu mehr Frauen in Führungspositionen. Und wenn es dann ernst werden soll – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – ziehen die Unternehmen den Schwanz ein. Es wird jedes nur undenkbare Argument hervorgebracht, um eine gesetzliche Verpflichtung zu verhindern. Neben der viel gepriesenen Freiwilligkeit stellen die Arbeitgeber* gut ausgebildete Frauen als Mangelware dar. „Wir würden ja gerne, aber es bewerben sich leider nicht genug.“ Oder „Wir würden ja gerne, es gibt aber leider nicht genug qualifizierte Frauen für welche Position auch immer“. Nun sind Frauen aus wirtschaftlichen Gründen nicht tragbar.

„Frauen sind wirtschaftlich.“

Was lese ich dann aber für Argumente zur Verteidigung der Frauenquote? Justizminister Heiko Maas weiß die Vorteile von Frauen ins rechte Licht zu rücken. „Von mehr Frauen in Führungspositionen wird am Ende auch die Wirtschaft profitieren“, sagt der SPD-Politiker. Fällt denn niemandem was anderes ein, außer dass Frauen gut fürs Geschäft sind?„Sie führen anders. Eben weiblich. Sie bereichern die Teams und sind kreativer. Sie kommunizieren anders und damit besser.“ Frauen sind ein Wirtschaftsfaktor. So versuchen Eltern ihren Sprösslingen Appetit auf Spinat zu machen. Muss man so Frauen in Unternehmen anpreisen? Dank der vielen Verteidiger einer Quote muss ich nun neben der besten Freundin, potenziellen Mutter, tollen Liebhaberin, Generation Y, toughen Karrierefrau, guten Ehefrau, eifrigen Konsumentin und Wählerin auch noch ein Wirtschaftsfaktor sein.

Ich will den Posten nicht, weil ich den Job gut, anders oder besser ausführen kann als ein männlicher Kollege. Ich will den Job, weil ich ihn verdiene. Ich will den Job, weil er mir zusteht. Ich will den Job, weil Artikel 3 des Grundgesetzes genau dies sagt. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Mir ist grundsätzlich egal, ob ich als Frau für das Unternehmen profitabel bin. Ich will nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen Karriere machen. Wenn Frauen sich nicht positiv auf Unternehmen auswirken würden, dürfte ich dann keine Führungsposition ausüben?

Frauen sind Menschen!

Scheinbar brauchen wir vorgeschobene Argumente für eine einfache Sache. Warum sagt niemand, dass Frauen die Gleichberechtigung in jedem Bereich zusteht? Wie die Studentinnen im Workshop haben Kommentator*, Politiker*, die Gesellschaft im Ganzen Angst davor zuzugeben, dass wir eine gehörige Portion Feminismus brauchen. Stattdessen werden Pseudoargumente vorgeschoben und das eigentliche Problem unter den Teppich gekehrt. Die deutsche Gesellschaft ist noch lange nicht so fortschrittlich, wie sie glauben will. Sich das einzugestehen, würde bedeuten, dass Politik und Gesellschaft versagt haben. Davor schützen sich Politik und Gesellschaft. Und sie meinen, auch die Frauen beschützen zu müssen, und verkaufen sie daher als Gewinn für die Unternehmen.

Gesellschaft, Politik, Industrie und jede* einzelne* haben Feminismus nötig. Sie brauchen mehr Emanzen, die ihnen auf die Füße treten und auf ihre Rechte pochen. Dann kann sich die alte konservative Garde nicht mehr feixend hinter diesen Scheinargumenten verstecken. Sonst bewegt sich hier nichts und das Grundgesetz bleibt nur eine inhaltslose Aneinanderreihung von Buchstaben.

 

Foto: Roman, Mariesol Henn, Fumy

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. […] sozialinvestive Politik zielt darauf, ökonomische Potenziale weiblicher Erwerbsarbeit zu heben. Frauen als ökonomischer Faktor, allerdings nicht gleichgestellt zu männlicher Erwerbsarbeit. Weder in der Entlohnung, noch bei […]

  2. […] Deutschland muss mehr Geld in Bildung investieren, damit die Unternehmen wettbewerbsfähig sind. Frauen sollen – wenn es denn nun sein muss – in Führungspositionen, weil sie besser führen. Wir sollten – wenn es denn nun sein muss – mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber nur die gut […]

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