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Ungeschminkt im Supermarkt abgelichtet? Pfuibäh. No-Make-up-Selfie gepostet? Applaus. Aber wer entscheidet eigentlich, wann wie viel Make-up auf weiblichen Gesichtern gut ist? Auch mit „Natürlichkeit“ kann mächtig viel pseudo-emanzipatorisches Schindluder getrieben werden, findet Kathy.

Letzten Donnerstagabend redete Heidi Klum auf ProSieben darüber, wie wichtig es sei, sich auch ungeschminkt zu akzeptieren. Damit der Punkt auch richtig klar wurde, platzte sie um sechs Uhr morgens in die Schlafzimmer ihrer Mädchen, weckte sie und schoss Out-of-Bed-Fotos von ihnen. Die fanden das natürlich nicht so toll. Kann ich verstehen. Ich würde mich auch nicht gerne ungefragt nackt auf den Marktplatz zerren lassen, um die Kulisse für eine Akzeptiere-deinen-Körper-wie-er-ist-Rede zu sein.

Mut?

Ich halte es für kein besonders mutiges Statement, ein Foto von sich ins Netz zu stellen, auf dem man ungeschminkt ist. Vor ein paar Jahren geisterte eine derartige Aktion durch Facebook. Dahinter stand eine Awareness-Kampagne zum Thema Brustkrebs. Schminke dich heute nicht und nutze die Zeit stattdessen dazu, deine Brust abzutasten, poste ein Bild von deinem ungeschminkten Gesicht und mache so auf Krebsvorbeugung aufmerksam. Dieses Anliegen ist leider unter den ganzen Du-bist-so-schön!-Bekundungen in den Kommentarspalten untergegangen.

Und die Fotos waren wirklich schön. Sie waren ausnahmslos alle überbelichtet und aus günstigen Winkeln fotografiert. Die Haare schön über die Schultern oder das Kissen drapiert, die Haut durch die Überbelichtung schön ebenmäßig, die Kontraste stärker, Gesichtszüge und Augen dadurch betont, Fältchen und müde Augen durch breite Grimassen kaschiert. Fotografisches Make-up. „Natürlich“ war da gar nix. Und es war auch nicht besonders emanzipatorisch. Denn offensichtlich wollten die Selfie-Posterinnen sich gar nicht „natürlich“ zeigen. Sie machten dennoch mit. Warum? Vielleicht dachten sie, es sei mutig, sich (einmal) natürlich zu zeigen. So, als bedeute Ungeschminktsein, frei zu sein von gesellschaftlichen Normen, und Geschminktsein, unfrei zu sein. Zur Zeit schwappt wieder eine Welle von No-Make-up-Selfies durch die sozialen Netzwerke. Dazu passend nudeln männliche Promis in den üblichen Boulevardmagazinen Statements herunter, wie schön sie natürliche Frauen fänden und dass sie gar nicht so auf „richtig geschminkt“ stünden. Cool, das Patriarchat hat die Natürlichkeit abgesegnet, jetzt also besser die Pinsel und Kajalstifte ruhig halten. Merkt ihr was?

I don’t care

Was aber, wenn ich mir gerne das Gesicht anmale? Wenn ich dabei gar nicht darauf höre, wie andere das finden? Wenn ich es schlichtweg mag, wie mein Gesicht mit dem Lidstrich und dem Rouge wirkt? Immerhin ziehe ich ja auch die Klamotten an, die ich mag, ich trage die Frisur, die ich mag. Ich tue viel, um so aufzutreten, wie ich es will.

Seit ich 15 bin, ziert ein schwarzer Lidstrich meine Augen. Ein Freund, der mich einmal ungeschminkt sah, sagte zu mir, ohne das Augen-Make-up sähe ich viel niedlicher aus. I don’t care. Warum nahm er an, dass das ein Kompliment sei? Dass ich niedlich aussehen wolle? Der Lidstrich blieb und wurde fortan noch dicker. Jemand anderes sagte mir, der Lidstrich wäre gar nicht gut, zu streng. I don’t care. Der Lidstrich blieb. Wieder jemand anders sagte mir, das sähe richtig klasse aus. I don’t care. Manchmal frage ich mich, ob auf meiner Stirn steht: „Bitte, bitte, bitte sag mir, wie ich mein Äußeres nach deinem Gusto optimieren kann.“

Ich habe lange Haare. Ein Bekannter von mir findet es schön, wenn ich einen Dutt auf dem Kopf trage. Er wies mich auch über ein Jahr hinweg immer wieder darauf hin, wie schön er das fände, wie gut das an mir aussähe und dass das ja nur ein gut gemeinter Tipp sei. Am Anfang ignorierte ich das oder nickte es weg. Irgendwann jedoch platzte mir der Kragen und ich erklärte ihm, dass ich mich so frisiere, wie es mir gefällt, dass ich zur Kenntnis nehme, dass offene Haare nicht seine Lieblingsfrisur sind, mir das aber auch schlichtweg egal ist, weil ich mich nicht für ihn oder irgendjemanden sonst frisiere. Mein Körper ist keine Projektionsfläche für die Vorlieben anderer. Mein Äußeres steht nicht zur Diskussion.

Zum Scheitern verurteilt

Kommen wir zu den natürlichen Selfies zurück. Ich halte sie nicht für mutig, weil ich es nicht feige finde, sich zu schminken. Mein Eyeliner ist meine Entscheidung. Die zwingt mir niemand auf. Ich weiß aber auch, wie verunsichert man sein kann, wenn der* Partner* einem zu verstehen gibt, dass die Ohrringe/die Hose/das Make-up nicht gefallen. Entweder, man versucht sich davon zu lösen, oder man akzeptiert, dass man seinem* Partner* gefallen will und berücksichtigt dessen Meinung.

Wie frei unsere eigenen Präferenzen sind, ist natürlich streitbar. Wir wurden alle mit bestimmten Schönheitsidealen und Erwartungen an weibliche Körper sozialisiert. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass es gesünder ist, sich von diesen zu lösen. Das geht nicht von heute auf morgen, ist die Reise aber wert, denn als Frau kann man ohnehin nur verlieren. Promis posten ungeschminkt Selfies von sich? Die Medien feiern sie. Promis werden ungeschminkt auf der Straße abgelichtet? Die Medien ziehen über sie her. Im Bikini abgelichtet und man sieht einen Hauch Rippenknochen? Igittigitt, viel zu dünn. Im Bikini abgelichtet und man sieht den Hauch eines Röllchens am Bauch? Igittigitt, viel zu dick. Madonna zeigt sich im knappen Bühnenoutfit? Total peinlich, dass die ihr Alter nicht akzeptiert. Madonna wird ohne Make-up abgelichtet? So alt sieht sie wirklich aus!

Das nach patriarchischen Vorlieben definierte Idealbildnis von Frauen ist so eng gefasst, dass nie genug Platz für uns alle darin sein wird. Und das hat auch seinen Grund. Verunsicherte Frauen sind leichter zu kontrollieren. Verunsicherte Frauen geben viel Geld dafür aus, perfekt zu sein. Männer tragen ihren Bierbauch selbstverständlich vor sich her, Frauen kaufen „Shaping-Wäsche“. Werbung, die uns einen Bikini-Body verspricht, sehen wir überall, die für den Badehosen-Body muss man suchen. Und das ist noch lange nicht alles. Cellulitemittel, Faltencremes, die die Haut „bis zu zehn Jahre jünger aussehen lassen“, Wundermittel, die Abnehmen ohne Hungern versprechen – all das muss im Kapitalismus an die Frau gebracht werden.

Nun sag, wie hast du’s mit dem Eyeliner?

Frisuren, Make-up, Körperbehaarung und Kleidung, die sich abseits der Norm bewegen, können dabei durchaus politische Botschaften beinhalten, die sich gegen das Patriarchat richten. Aber sie müssen es nicht. Es ist nicht per se feministisch, sich nicht zu schminken, die Haare kurz und das Achselhaar lang zu tragen und Röcke zu meiden. Der Eyeliner ist nicht die Gretchenfrage. Es ist egal, ob man Eyeliner trägt oder nicht, es ist egal, ob die Haare lang oder kurz sind, es ist egal, ob man Rock oder Hose trägt, es ist egal, ob die Achseln rasiert sind oder nicht, solange man sich selbst dafür entschieden hat.

Wer sich gerne Farbe ins Gesicht malt, soll das tun. Wer sich gerne in knallige Jumpsuits wirft, die „eher was für große, schlanke Frauen“ sind, ohne eine solche zu sein, soll das tun. Wer sich gerne die kurzen Haare pink färbt, soll das tun. Wirklich befreit ist es, sich nicht darum zu scheren, wie man „aussehen soll“, sondern so auszusehen, wie man selbst es möchte – mit oder ohne Farbe im Gesicht. Dafür ist es unerlässlich, zunächst einmal gängige Schönheitsnormen (weiß, schlank, wahlweise niedlich oder Vamp – Hauptsache nicht wirklich bedrohlich) kritisch zu hinterfragen. Ihr müsst niemandem etwas beweisen. Macht mit euren fantastischen Körpern bitte einfach, was ihr wollt.

 

Wer sich mit viel Freude Farbe ins Gesicht malt, dafür noch Inspiration sucht, Feminismus und Krawall aber nicht missen möchte schaut bei Riotschminke vorbei.

 

 Foto: Renata Alves dos Anjos

 

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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4 Kommentare

  1. […] eben habe ich auf FemStern gestöbert und bin auf dem Artikel “Wie es euch gefällt” hängen geblieben. Manchmal liest man etwas und hat plötzlich eine Menge Gedanken dazu im Kopf […]

  2. Inga says:

    Apr 23, 2015

    Antworten

    Super Text! Allerdings verunsichert er mich etwas.

    Er setzt voraus, dass ich mich nur für mich selbst „schön“ mache. Und das ist schon allein deswegen nicht so, weil den Großteil der Zeit nicht ich mich selbst, sondern andere mich anschauen. Da würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich nicht interessiert, ob ich anderen gefalle. Besonders bei meinem Partner. Ich frage sogar nach, ob ihm meine Garderobe, meine Schminke, meine Frisur gefällt. Manchmal setze ich mich zwar darüber hinweg, wenn etwas nicht so sein Ding ist, aber er hat durchaus eine Art Vetorecht. Und ich habe es bei ihm.
    Die Frage, die sich mir da eher stellt, ist: Wem will ich eigentlich gefallen? Gewiss nicht jedem dahergelaufenen Nörgler, sondern vor allem demjenigen, der auf meiner Wellenlänge ist. Denn mein Aussehen verrät schließlich einiges über mich, was Worte so schnell gar nicht sagen können. Das ist natürlich mehr als oberflächlich, aber ich für meinen Teil kann und will mich davon gar nicht frei machen. Dafür mag ich es viel zu sehr, mir ästhetische Menschen anzusehen, die meinen Geschmack treffen.

    Wenn du sagst, dass es dich sogar nicht interessiert, dass jemand deinen Eyeliner schön findet, meinst du das tatsächlich so? Je nach Absender finde ich Komplimente etwas sehr Schönes – besonders von anderen Frauen. Ich verteile auch sehr gern Komplimente, wenn ich sie ernst meine. Sogar an Fremde. Und bisher hielt ich das für eine gute Eigenschaft an mir. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

  3. Trish says:

    Apr 23, 2015

    Antworten

    Guter Beitrag, der auf jeden Fall nachdenklich macht. Etwas unstimmig finde ich nur den Hinweis auf der Männer, die uns Frauen das Leben schwer machen.
    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mehr „Angst“ vor blöden Kommentaren von irgendwelchen Frauen in meinem Alter habe, als vor Kommentaren von Jungs. Die meisten von denen sind da nicht so anspruchsvoll. Aber Frauen können sich selbst schon ganz gut runtermachen, da brauchen wir nicht mal Männer für. Leider.
    Und ich muss sagen, dass ich Kommentare zu meinem Äußeren kritisch betrachte und ggf. auch durchaus annehme. Da fühle ich persönlich mich nicht in meiner Meinung eingeschränkt. Aber das ist meine Meinung.
    Ich bin auch Ingas Meinung: Viele Komplimente sind eben das, Komplimente nämlich. Das soll doch kein Eingriff in deine Privatsphäre sein, sondern im Gegenteil, dich aufmuntern und bestätigen.
    Alles in allem sprichst du viele Punkte an, in denen du mir aus der Seele sprichst, aber andere Dinge finde ich etwas begrenzt schwarz/weiß betrachtet. :)

  4. Kathy says:

    Apr 25, 2015

    Antworten

    „Je nach Absender finde ich Komplimente etwas sehr Schönes“ – das ist der springende Punkt. Was ich nicht mag, ist wenn die vermeintlichen Komplimente völlig aus dem off kommen und eine Selbstverständlichkeit transportieren, als wäre es völlig normal, dass jetzt jemand mein Äußeres bewertet, oder sogar noch mit einer Erwartungshaltung verbunden sind.

    Als das NYC street harassment Video rauskam, schrieb mich ein Kumpel an. Er mache eigentlich gerne Komplimente wenn ihm jemand gefalle, auch fremden Frauen, versuche das auch gar nicht „creepy“ zu verpacken und habe dabei auch gar keine Hintergedanken. Jetzt sei er verunsichert ob er das noch machen könne. Ich wusste es auch nicht. Mir fällt es aber auch durch catcalling etc. zunehmend schwerer, mich über Komplimente zu freuen, bzw. sie als solche zu erkennen/ sie nicht als Objektifizierung oder Reduktion aufs Äußere zu werten. Bei guten Freund*innen weiß ich, dass es diese Ebene nicht gibt, und Komplimente sind kein Problem (Wellenlänge…=

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