Foto: Maximilian Mühlens / jugendfotos.deConstanze meint, die Borg sind unter uns. Sie sieht sie wieder donnerstags auf Pro Sieben.

Alles Realität

Die Borg sind wie Ameisen oder Bienen: einen Staat bildende Wesen mit einer Königin an der Spitze. Das Individuum existiert nicht. Der Staat besteht aus Cyborgs – Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Ihre Ideologie ist die Effizienz und Verbesserung des eigenen Körpers und der eigenen Technologie. Sie saugen jedes Individuum auf ihrem Weg durch das All erbarmungslos auf und assimilieren es. Wer sich widersetzt, wird ausgeschaltet. „Widerstand ist zwecklos.“ Dies ist nicht mehr die Dystopie aus Star Trek. Die Borg sind längst unter uns.

Die Königin

Zur Zeit kann jede* Donnerstagabend die Borg bei ihrem Feldzug beobachten. Es gilt, die Mission „Wer ist das schönste Mädchen Deutschlands? Wer wird Germany’s Next Topmodel?“ auszuführen. Angeführt werden die Borg von Königin Heidi. Kaum taucht sie irgendwo auf, bildet sich ein Rudel an Untergebenen um sie. Alle lauschen gespannt ihren Äußerungen und saugen sie in sich auf. Ihre Cyborgs nennt sie „Mädchen“. Das sind keine Frauen mit Charakter und Geschichte, sondern austauschbare Wesen, die in ihren Staat passen müssen. Das wissen die Mädchen ganz genau und haben sich lange auf ihre Mission im Borg-Staat eingestellt.

Jede* kann Teil der Borg sein

„Ich habe alle Staffeln von Germany’s Next Topmodel gesehen“, sagen die meisten. Sie sind 17 oder 18 Jahre alt und haben sich neun Jahre lang vorbereitet. Sie kennen das Heidi-Universum und wissen sich einzufügen. Passgenau wie ein Baustein. An den richtigen Stellen weinen, schmollen, lachen sie, rasten aus. Auch sprachlich unterscheiden sie sich nicht. „Es sind so viele schöne Mädchen hier.“ „Mein größter Traum ist es, Model zu sein.“ „Ich bin bereit, für meinen Traum alles zu geben.“ Alles schön auswendig gelernt. Die Borg Queen betet es mantragleich in jeder Folge runter, damit es auch noch die* Letzte versteht.

Sie werden mehr

Der Borg-Staat wächst, weil immer mehr dazu gehören wollen. Um einmal Fast-Model zu sein, geben sie alles. Sie unterwerfen sich der völligen Effizienz von Heidis Team, um ihre Körper so nah wie möglich in den Optimalzustand zu bringen. Statt Metall verwenden sie Make-up, Personal Trainer, Diäten. Nur so ist der Titel und der Platz im Staat möglich. Die Borg empfinden ihr früheres Leben als unvollkommen. Sie erinnern sich an die Vergangenheit, vermissen sie aber nicht. Auch Heidis Mädchen streben einer utopischen Realität entgegen, die sie aus dem Fernsehen kennen und rund herum bestätigt sehen. Wer sich anstrengt, kann es schaffen. Das vermitteln Casting Shows einer Studie zufolge. So lehren uns die Mädchen, wie man sich im Job durchsetzt. Oder eben selbst Teil des Klum-Universums wird. Und das glauben immer mehr junge Menschen. Ungebrochen ist der Andrang auf die Castings. Wer es nicht in die Staffel schafft, versucht wenigstens so lange wie möglich die Aufmerksamkeit der Jury und damit der Kamera zu erregen.

Rebellion war früher

Anpassung ist en vogue. Statt bestehende Strukturen, Wertvorstellungen oder Lebensentwürfe zu kritisieren, besteht das Ziel der Jugendlichen heute darin, sich möglichst perfekt anzupassen. Dafür geben die Shows genug Anreize. Sie belohnen Leistungsbereitschaft und Disziplin. Je früher sie beginnen desto besser. Es wundert nicht, dass mehrere Kandidatinnen immer wieder betonen, wie sehr sie es sich und der Welt beweisen wollen. Die eine hat extrem abgenommen und will dafür Lorbeeren ernten. Die andere will beweisen, dass auch Mädchen, die nicht dem „Schönheitsideal“ entsprechen, es schaffen können, und unterwirft sich sofort der Borg-Ideologie.

Was bleibt

Die Borg-Welt ist eine unerbittliche. Wer nicht nach den Regeln tanzt und Heidi bedingungslos folgt, wird ausgestoßen. Aus der Traum. Wer kein Foto bekommt, weint, als ob die Welt unterginge. In dieser Wirklichkeit tut sie das auch. Das betreffende Mädchen ist nicht mehr Teil des Kollektivs und muss in ihr altes, langweiliges, unvollkommenes Leben zurück. Und die Gewinnerin? Sie hat den zweifelhaften Titel, aber mehr nicht. Den Ruhm heimst die Königin mit dem Format ein. Keine hat bisher eine nennenswerte Karriere vorzuweisen. Im besten Fall tummeln sie sich als Fußballer-Freundinnen und Möchtegern-Celebrities in den Klatschblättern. Sie sind neues Futter für die Agentur One Eins Management. Ab und zu rebelliert die ein oder andere Cyborg und klagt sich aus den Verträgen oder schmeißt schon während der Show hin. Deren Karrierechancen sehen wesentlich besser aus. Doch das wagen nur die weinigsten.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen den Borg aus Star Trek und Heidis Mädchen: In der Sience Fiction Serie werden die Opfer assimiliert, hier wollen sich die Mädchen freiwillig assimilieren. Sie sehen sich auch nicht als Opfer. Der verheißt nichts Gutes.

Foto: Maximilian Mühlens / jugendfotos.de

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger Beitrag27. Februar Nächster BeitragFaules Gemüse

7 Kommentare

  1. Rene says:

    Mrz 12, 2015

    Antworten

    Eine interessante und wirklich nicht abwegige Analogie. Interessant ist, dass das Kollektiv auch über indirekte Zugriffe sich in Szene setzt. In Halle sind sie stolz auf ihre Teilnehmerin. Nicht ein kritischer Ton darüber, ob Schule nicht das das Bessere wäre. Nein, Inszenierung im Sinne: wer was will kann es auch schaffen. Selbstoptimierungsbebilderung befriedigt auch hier den Wunsch nach Assimilierung.

    • Constanze says:

      Mrz 15, 2015

      Antworten

      Bis vor kurzem wollte jede Stadt einmal „Wetten, dass…“ und ein eigenes Tatort-Team haben. Heute ist es eine Teilnehmerin bei GNTM unter den letzten 20. Dient das dem Stadtmarketing oder soll da ein „Wir-Gefühl“ erschaffen werden? Dazu hat jeder Ort, jede Region einen eigenen „Schönheitswettbewerb“. Das ist Stadt- und Produktmarketing, wenn die Stadt oder Region sonst nichts zu bieten hat.

  2. Kathy says:

    Mrz 12, 2015

    Antworten

    Schöner Vergleich. Ich stimme jedoch nicht zu, was die freiwillige Assimilation angeht. Ich frage mich, wie „freiwillig“ Minderjährige das machen, deren Träume (wie naiv man sie auch objektiv finden mag) man ausnutzt um die Königin in Szene zu setzen.

    • Rene says:

      Mrz 13, 2015

      Antworten

      Hey! Das mit der Freiwilligkeit ist eine wirklich schwierige Sache. Letztendlich werden doch alle Menschen von Kind an beeinflusst/erzogen/sozialisiert etc. Die Königin kann sich ja nur in Szene setzen, weil es diesen quantifizierten run auf das eigene Selbstwertgefühl gibt. Einschaltquoten, Youtubezahlen, Facebookfreunde, Dates, Sexpartner, so viele Zuschauer wie möglich bei you now, etc. Wie setze ich mich, meinen Körper in Szene für andere. Ich würde sogar so weit gehen und Constanze wiedersprechen, dass es ein Zurück gibt. Die Borg Welt ist eine unerbittliche, weil das Unvollkommene der Anlass der Assimilation ist. In der realen Welt nie endender Impuls es immer besser zu machen und das auch zu zeigen.

      • Constanze says:

        Mrz 15, 2015

        Antworten

        Du hast wahrscheinlich Recht, Rene. Ein Zurück gibt es nicht. Das permanente in Szene setzten und sich bewerten lassen, aber auch selber bewerten, ist leider ein fester Bestandteil in unserem Leben. Beruflich, privat, im Freundeskreis ist Selbstoptimierung, Zielzahlübererfüllung und die dafür erhoffte Anerkennung die Richtschnur. Und das wird an die eigenen Kinder weiter gegeben. Da kommt keine* so einfach raus. Es fängt im Kindergarten an, setzt sich in der Schule, Uni fort und gipfelt im Berufsleben.

    • Constanze says:

      Mrz 15, 2015

      Antworten

      Sie werden jedenfalls nicht von den Eltern abgehalten. Im Gegenteil. Sie werden ermuntert. Freudig äußern sie sich vor der Kamera: „Ich wußte schon immer, dass meine Tochter was besonderes ist.“ Oder. „Jeder soll sehen, wie schön unsere Tochter ist.“ Hier geht es auch um den „Erfolg“ der Eltern. Um Heidi zu „dienen“, einmal in ihrer Nähe zu sein und vielleicht ein klein wenig bekannt zu werden, wird fast alles in Kauf genommen.

  3. […] Damit der Punkt auch richtig klar wurde, platzte sie um sechs Uhr morgens in die Schlafzimmer ihrer Mädchen, weckte sie und schoss Out-of-Bed-Fotos von ihnen. Die fanden das natürlich nicht so toll. Kann […]

Antworte darauf!

Name required

Website