Bild: Surija / "Sray"Spätestens mit Anfang 30 bekommen Frauen den Geburtsdruck zu spüren. Mitleidige Blicke, verständnisloses Kopfschütteln, nervende Fragen. Warum? Constanze versteht es nicht. Hier ihre sieben Gründe, warum es nicht lohnt Kinder zu bekommen.

Liebe Leserin*,

meiner Erfahrung nach, muss sich heute jemand in Deutschland nur für zwei Dinge rechtfertigen: warum sie* keinen Alkohol trinkt und warum sie* keine Kinder hat oder bekommen will. In beiden Fällen akzeptieren nahe wie auch fremde Menschen die Beweggründe nicht. Meist folgt ein „Ach, komm schon“ oder „Los, nur ein Glas.“ Bei der Kinderfrage lauten die Antworten dann analog „Los, nur eins“ oder „Ach, das wird schon noch.“ Da findet keine Diskussion statt, sondern sie* versucht das Gegenüber von ihren* eigenen Vorstellungen zu überzeugen, ohne dabei nach dem Beweggrund zu fragen.

Die Diskussion um die Frage „Kinder ja oder nein?“ taucht immer mal wieder in unterschiedlicher Form in den Medien auf. Regelmäßig fühlen sich Parteien dazu berufen, Anreize für den Nachwuchs zu schaffen oder diesen zu honorieren – Stichwort Betreuungsgeld und Reform der Pflegeversicherung. Wissenschaftlerinnen* beschäftigen sich mit der nicht ausfüllenden Mutterrolle, Zeitungen berichten über Alltagserfahrungen von kinderlosen Frauen. Wer sich dazu bekennt, keinen Wunsch nach Nachwuchs zu haben, ruft Shitstorms hervor. Wer seine* Elternschaft zelebriert, dient als Zielscheibe für deren Gegnerinnen*, die das Lebensmodell mit Kindern lächerlich machen und deren Vertreterinnen* als konservative Vorzeigepaare darstellen. Eine sachliche Diskussion, die Argumente austauscht und die Gegenposition akzeptiert (!) findet nicht statt.

Daher ist mein Beitrag kein Aufwärmen der alten Suppe, er soll vielmehr die ideologische Debatte versachlichen. Weg von der Kampfrhetorik,weg von den Beleidigungen, weg von den Generalvorwürfen – hin zu Argumenten.

 

1. Die Rente ist sicher

Wenn ich mich als kinderlos bekenne, höre ich oft das Argument: „Aber wer soll denn mal deine Rente zahlen?“ Da liegt ein Denkfehler vor. Stimmt, Kinder waren früher die Versicherung fürs Alter. Nur wer welche hatte, wurde auch gepflegt, wenn er* oder sie* nichts mehr zum Familieneinkommen beitragen konnte. Reichskanzler Bismarck führte Ende des 19. Jahrhunderts das Rentenversicherungssystem ein. Jeder, der einzahlte, erwarb Ansprüche darauf. Das Prinzip gilt bis heute. Ich zahle in die Rentenversicherung ein und erwerbe damit individuelle Ansprüche. Die bekomme ich, weil ich und die Arbeitgeberinnen* fleißig eingezahlt haben. Und nicht, weil es die nächste Generation tut. Als Frau verdiene ich ohne Kinder statistisch gesehen mehr und zahle somit auch mehr ein als Mütter. Mehr Kinder heißt nicht automatisch, dass ich eine höhere Rente bekomme. Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Beitragszahlerinnen* und dem Rentenniveau, aber bei der Berechnung spielen noch weitere Faktoren eine Rolle. Wo ist die Generationengerechtigkeit, wenn der Nachwuchs nur in Minijobs/Teilzeit/befristet arbeitet oder mit dem Mindestlohn abgespeist wird und damit die Rentenbeiträge sinken? Da sorge ich doch lieber für mich selbst vor, als darauf zu hoffen, dass die nächste Generation finanziell abgesichert ist.

2. Die Deutschen werden immer weniger – zum Glück

Das Argument haut mich jedes Mal um, wenn man mir vorwirft, wegen mir würden die Deutschen aussterben. Rassismus pur kommt aus den Mündern der vermeintlich Aufgeklärten und Gebildeten, die alles daran setzen, dass sie* in Vierteln mit geringen Ausländerinnen*anteil leben und ihre Kinder auf Schulen für Bio-Deutsche schicken. Das ist einfach ekelhaft und gehört mit einer Anzeige honoriert. Dieser Rassismus bestärkt mich nur in meiner Haltung. Je weniger dumme Leute es gibt, desto besser.

3. Ich bin Demokratin

Kinder waren mal wichtig als Altersversicherung (s. Punkt 1) und zur Fortführung der Linie, des Hauses, des Namens. Legitime und illegitime Kinder waren der Grund für Kriege, Intrigen und Betrug im Kampf um Thron und Herrschaft. Ich bin überzeugte Demokratin und lehne Monarchien mit ihrem Nachwuchsdruck auf die Frauen der Familie ab. Als Frau besteht meine Aufgabe nicht mehr darin, (ausschließlich) Mutter zu sein. Ich gehe regelmäßig wählen, engagiere mich gesellschaftlich und habe damit meine sogenannte Bürgerinnen*pflicht erfüllt.

4. Es gibt bessere Trennungsgründe

Eltern sind nach der Geburt unglücklicher als vorher. Das ist eine Tatsache und lässt mich doch gehörig am angeblich glückbringenden Faktor Kind zweifeln. Unglück und Überforderung führen meist zur Trennung. Wenn ich mich von meinem Partner trennen will, brauche ich dazu kein Kind. Ein Kind rettet auch keine Beziehung. Im Gegenteil. Wie oft höre ich: „Wegen der Kinder bleiben wir zusammen.“ Teilweise gehen beide Elternteile regelrecht auf in ihrer neuen Rolle. Beide stürzen sich nach der Geburt auf die Hege und Pflege des Nachwuchses und vergessen die Beziehung. Dann kommt die Trennung. Entweder sofort und nach einer Phase des „Wegen des Kindes bleiben wir zusammen“.

5. Was wäre wenn …

Es besteht einfach die Gefahr, dass es Eltern im Nachhinein bereuen, Kinder bekommen zu haben. Nicht, weil sie Kinder nicht mögen, sondern weil sie in der Rolle nicht aufgehen oder sie ihnen nicht das gibt, was sie erhofften. Das kann natürlich niemand vorhersagen, aber einigen würde es sicherlich helfen,wenn offen darüber geredet würde und auch Eltern zugeben können, dass sie nicht so glücklich sind, wie sie es sein sollten. Ich weiß seit Jahren, dass mich ein Kind nicht glücklich(er) macht und werde es daher nicht riskieren.

6. Kinder dienen dem eigenen Ego

„Der größte Kummer von allem ist jedoch immer da: die Kinder wenden sich von einem ab, sie haben andere Ansichten, andere Ideen, andere Geschmäcker; und was ist, wenn eines von ihnen eine wertlose, gemeine Seele besitzt oder dort nichts hat, wo andere ein Herz haben?“1

Eine berechtigte Frage. Die Kinder werden nicht so, wie es sich die Eltern vorstellen. Allzu oft haben Eltern ganz genaue Vorstellungen davon, wie ihre Kinder sein sollen. Sie freuen sich nicht darüber, dass sich das Kind entwickelt, sondern wohin es sich entwickelt und wie nah das an ihrem Wunschzustand ist. Die eigenen Wert-, Welt- und Lebensvorstellungen sollen sich im Nachwuchs ausdrücken. Als Perfektion des eigenen Ich. Das Kind wird zum egoistischen Wunschprojekt. So beginnen Eltern schon im Vorschulalter mit Sprach- und Klavierunterricht und Museumsbesuchen. Der Nachwuchs muss auf das Gymnasium gehen und studieren, egal ob Realschule und Ausbildung nicht besser für sie* und ihn* wären. Das Kind muss mindestens obere Mittelklasse werden. Alles andere sehen Eltern als persönliches Versagen an.

Das trifft sicher nicht auf alle Eltern zu. Doch ich habe leider nur ein Paar im Bekanntenkreis, von dem ich das behaupten kann. Was wird aus den Eltern, wenn keine Vorzeigeabsolventinnen*, keine Berühmtheiten*, keine Weltretterinnen*, keine Aidsheilerinnen*, keine Politikerinnen*, keine Profifußballerinnen* in Sicht sind? Wenn der Nachwuchs völlig normal wird? Oder schlimmer: wenn sie* oder er* sich dem rechten Spektrum zuwendet und hartnäckig mit NPD, JN, Kameradschaften, AfD oder CSU liebäugelt? Ich wüsste nicht, wie ich dem begegnen würde und müsste und möchte es auch nicht herausfinden. Respekt all denen, die das Risiko eingehen.

7. Die Männer sind schuld

Wieso rechtfertigen sich eigentlich immer Frauen? Bei einem Mann ist es völlig logisch und akzeptiert, dass er keine Kinder hat, er erst mal warten will, bis die Karriere richtig läuft, oder dass er sich das Ganze gar nicht vorstellen kann. Und wenn Kinder da sind, stiehlt er sich meist aus der Verantwortung. Männer bekommen dafür sogar Lob und Zustimmung. Zum Kinderkriegen gehören zumindest theoretisch zwei. Doch wenn Frau nicht auf die Samenbank zurückgreifen will, braucht sie erst mal einen willigen Partner. Zwei Grundvorraussetzungen, die nicht immer in einer Person vereint sind. Entweder kinderlos zusammen sein oder Trennung und dann wieder allein ohne Samen. Es läuft also auf das Gleiche hinaus. Statt den Geburtsdruck auf Frauen abzuwälzen, sollten die Fragestellerinnen* daran denken, dass diese Frage nicht nur die Frau betrifft. Trotzdem gilt: den Geburtsdruck sollte niemand spüren. Ich antworte auf die Frage, warum ich keine Kinder habe, mittlerweile auch: „Frag doch meinen Partner, warum wir keinen Nachwuchs haben.“

 

All diese Argumente sind letztlich nur Beiwerk und Varianten des eigentlichen Argumentes: Jeder* fällt die Entscheidung für sich. Und diese Entscheidung muss respektiert werden, sie verlangt auch keine Erklärung. Es ist, wie es ist. Ich will keine Kinder und muss es nicht begründen. Denn ich verlange von den vielen glücklichen Eltern auch keine Begründung, sondern akzeptiere sie mit ihren Kindern und ihrem gewähltem Lebensmodell.

 

1 So Tata Herzen in einem Brief vom 14. Februar 1875 an den von ihr Verehrten. Edmund Hallet Carr: Romantiker der Revolution. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 397.

Foto: Surija / „Sray“

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger BeitragFeminismus als Spielverderber, #Ilooklikeanengineer und Bambis Mutter Nächster BeitragMein Mutterkörper und ich

5 Kommentare

  1. Anne says:

    Aug 13, 2015

    Antworten

    Ich selbst möchte Kinder, aber noch nicht jetzt, und kann dich deshalb in vielen Punkten erstehen. Es ist total nervig und ich finde es auch ziemlich unverschämt, von Menschen, die z.B. nur Bekannte sind und mir demnach nicht besonders nahestehen, nach meiner Einstellung zum Kinderkriegen befragt und bekrittelt zu werden. Manchmal denke ich, man müsste einfach brüllen „Mein Freund ist impotent!“ oder „Meine Eizellen sind alle über Nacht gefroren!“, um sie richtig zu blamieren. Andererseits wäre das ja auch wieder eine Begründung. Und ich verstehe nicht, warum irgendwer ernsthaft erwartet, ein andere müsse zu diesem Thema seine Einstellung begründen.
    Jedenfalls, woran ich beim Lesen gleich gedacht habe, ist noch son Standardsatz, der bei dem Thema immer kommt: „Ihr seid doch schon so lange zusammen?“
    Ganz so, als verpflichte ich mich durch eine Beziehungsdauer ab sagen wir mal 5 Jahren plus automatisch zur Reproduktion. -.-

    • Constanze says:

      Aug 13, 2015

      Antworten

      Liebe Anne, den Satz habe ich auch schon mal gehört. Danke für den Hinweis. Gerne kommt der auch bei der Frage, warum ich noch nicht verheiratet bin. Ist ja schließlich Zeit. Ich wünsch dir viel Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz beim Ignorieren und Überspielen der Frage.

  2. Rene says:

    Aug 13, 2015

    Antworten

    Schöner Text und gute Argumente! Was mich allerdings stört ist Punkt 7: Geburtsdruck sollte auf NIEMANDEN ausgeübt werden! Und dafür lieferst du doch auch gute Gründe. Weder Frauen, noch Männer sind irgendwie verpflichtet der Nation/Wirtschaft oder was weiß ich mit Nachwuchs zu dienen!
    Schade auch, dass ein Zeitungsartikel zitiert wird, in dem steht „Es sind die Männer, die zu feige oder zu bequem oder zu grob gestrickt sind für das wundervolle, anstrengende, feine, überraschende, überreich beglückende Abenteuer Kind.“ Hier werden Vorurteile und Klischees perpetuiert, die der Artikel eigentlich überwinden helfen sollte.

    • Constanze says:

      Aug 13, 2015

      Antworten

      Lieber Rene, da gebe ich dir recht. Ich habe auch den einen Satz noch einmal umformuliert, so dass der Geburtsdruck auf niemandem lastet. Und trotzdem müssen sich Frauen rechtfertigen, daher auch die weibliche Perspektive. Was dein Zitat angeht, bin ich der Meinung, dass der Autor Jens Voss seine eigene Erfahrung mit Kindern beschrieben hat. Er entspricht also nicht dem Klischee. Die Frage ist doch, warum können diese Klischees und Vorurteile statistisch nachgewiesen werden? Weil sich Menschen nach gewissen Mustern verhalten? Weil sie sich so verhalten, wie es erwartet wird? Das ist glaube ich der Fall. Von Männern wird Kinderbekommen nicht erwartet, also wirft man es ihnen nicht vor. Ob sie nur deswegen angeblich keien wollen, ist eine andere Frage. Da kommen meiner Meinung nach noch ein paar andere Umstände dazu.

      • Rene says:

        Aug 13, 2015

        Antworten

        Liebe Constanze, danke für das Feedback. Bei dem Zeitungsartikel wird in der Tat ein Klischee vom verantwortungsscheuen Mann gestrickt, das auch andere große Tageszeitungen und Wochenmagazine so dargestellt haben (FAZ, Süddeutsche, Spiegel….). Diese „Schulddebatte“ wird also nicht einseitig geführt.
        Ich finde es allerdings super, dass du mit deinem Artikel (außer der Kleinigkeiten die ich kritisierte) zeigst das es gar keine Schuldigen an was auch immer gibt! Großes Lob dafür!

Antworte darauf!

Name required

Website