Foto: Miriam Oddy IhanaMusste das sein? Wir haben die sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Tatort satt. Vorsicht: Auch in diesem Beitrag geht es um Vergewaltigungen.

Am Sonntag haben wir FemSterne Sibel Kekilli bei der Arbeit zugeschaut und unsere Meinung zum Kieler Tatort rausgezwitschert.

Diesmal ohne Erdnüsschen, dafür mit lecker Rotwein ausgestattet haben Kathy und ich den sonntäglichen Tatort „Borowski und der Himmel über Kiel“ ferngeguckt. Wir hatten uns einen Salat vom Feinsten geschnippelt, es uns auf der Couch gemütlich gemacht, die Smartphones in Greifnähe auf der Armlehne positioniert und waren bereit für den Social Viewing-Einsatz. Inspiriert von den vier schwedischen Kinos, die für alle gezeigten Filme zukünftig ausweisen, ob sie den Bechdel-Test bestanden haben oder nicht, wollten wir den Kieler Tatort unter die feministische Lupe nehmen.

„Borowski und der Himmel über Kiel“ beginnt düster und wir mögen es. Voll beschäftigt damit, Frauen und ihre Redezeiten zu zählen, Salat aufzuspießen und schlaue Beobachtungen zu zwitschern, vergeht die Zeit wie im Flug. Und dann wird Rita vergewaltigt, von zwei Drogendealern im Wechsel, am Strand mit Meerblick. Uns bleibt die Spucke weg.

Aber von Anfang an

Handlungsmäßig geht es in dem Tatort – neben dem obligatorischen Mord – um Crystal Meth und die Auswirkungen der Droge. Ein junger Mann ist tot und bald sitzt seine Freundin Rita (famos gespielt von Elisa Schlott) im Verhörzimmer der Kommissare*. Sie berichtet vom ersten Kennenlernen der beiden, den Drogenräuschen, der Sucht, den Abstürzen. Je weiter Sibel Kekillis Sarah Brandt und Axel Milbergs Borowski versuchen, dem Mord und dem Milieu auf den Grund zu gehen, umso mehr sehen wir von Rita. Und Rita wird bedroht, wiederholt, von zwei Drogendealern aus der Kieler Szene. Diese Momente sind brillant gespielt, Ritas Angst kriecht aus dem Fernseher ungefragt in unsere Salatschüsseln. Wir sind überzeugt; das Beziehungsgeflecht von Bedrohung und Abhängigkeit ist für uns glaubwürdig etabliert.

Und dann, ohne eine weitere Zwischeneskalation, sondern so tschack-bumm! wird Rita in feinster Gangbanger-Manier von besagten Drogendealern vergewaltigt und anschließend halbnackt an einem winterlichen Strand aus dem Auto geworfen. Geschockte Stille legt sich über unsere Couch. Keine von uns weiß erstmal, was sie dazu jetzt sagen soll und denken will. Ein Tweet von Anne Roth hilft uns auf die Sprünge:

 

 

Genau! Danke, Anne! Das war’s, was uns emotional auf der Zunge lag. Wir überwinden unsere kollektive Sprachlosigkeit und finden zurück in unsere Diskussion des Abends. Unser Augenmerk verschiebt sich vom Bechdel-Test zu der Fragestellung, ob Ritas Vergewaltigung dramaturgisch notwendig war. Nein, finden wir. Es gab null komma null Grund, eine solche Szene in das Drehbuch einzubauen. Denn Ritas Angst vor den zwei Dealern, die Bedrohungslage – das war schon herausgearbeitet und etabliert. Uns war klar, hier ist es bitter ernst. Und bis dahin war es als Geschichte glaubwürdig, so wie der Tatort eben Fiktion des deutschen Alltags zu erschaffen sucht.

Erklärungsversuche scheitern

Wir finden, dass im Versuch, diese Situation dramaturgisch weiter zu eskalieren und eine nächste Stufe des Terrors einzuleiten, nicht-sexualisierte Gewalt in unseren Augen genauso viel, wenn nicht mehr Angst erzeugt hätte. Wieso darf Rita als weibliches Opfer nicht einen Übergriff mit körperlicher Gewalt – wie ihn auch ein männliches Opfer in einem fiktiven Tatort hätte erfahren können – erleiden? Drehbuchmäßig denken wir an so was wie Schläge ins Gesicht.

Lieber Rolf Basedow (Drehbuchautor), lieber Christian Schwochow (Regie), lieber Frank Lamm (Kamera), ihr hättet Rita zum nächsten Verhör mit blauem Auge und/oder einer aufgeplatzten Lippe erscheinen lassen können. Schließlich habt ihr Rita zuvor doch selber zugeben lassen, beim Meth-Schulden-Eintreiben den Mädels mit dem Schlagring gekommen zu sein.

Billiger Trick auf Kosten von Frauen

Diese Traumakeule Vergewaltigung wirkte einfach nur abstoßend. Es ist ein billiger Trick, sexualisierte Gewalt an Frauen als Schockmoment fürs Drehbuch zu missbrauchen. So wie die 08/15 romantische Komödie den Sonnenuntergang – unterlegt mit schnulziger Musik – einschiebt, um uns mal schnell und bequem der wahren Liebe zu versichern, obwohl A und B eigentlich nichts gemeinsam haben. Nebenbei habt ihr so noch schnell das Klischee bedient, dass weiblicher Drogenkonsum schlussendlich immer mit erlittener Vergewaltigung endet. Weib, sei gewarnt! Der Rausch ist nur für Männer „sicher“! Auch billig. Aus schlichter Co-Existenz mit Männern in der Welt ergibt sich schließlich das eigentliche Risiko sexueller Übergriffe der Frau.

Wenn ein Film als fiktives Werk sexuelle Gewalt an Frauen thematisieren möchte, ist das okay. Aber dann muss die dargestellte sexuelle Gewalt auch in ihrer ganzen Tragweite, mit ihren verheerenden Auswirkungen auf das Opfer gezeigt werden. Das ist die moralische Verpflichtung, die ihr als Filmemacher in diesem Moment eingeht. Vergewaltigung darf nicht trivialisiert werden. So gesteht ihr Rita nach dem Übergriff keine Sekunde Gespräch zu ihrem erlittenen Trauma zu. Nichts aus ihrer Perspektive im Umgang mit dieser schrecklichen Vergewaltigung wird gezeigt. Ihr benutzt das höchst traumatische Ereignis nur als Schockmoment, nichts weiter. Wir erfahren nichts darüber, ob sie medizinische Versorgung oder psychologische Hilfe erhält, ob eine Strafverfolgung der Täter erfolgt. Ihr behandelt den Vorfall wie eine Ohrfeige auf Ritas Wange: Es tut kurz weh und dann ist es aber auch schon wieder gut. Weiter im Text.

 

Foto: Miriam Oddy Ihana

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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4 Kommentare

  1. Inga says:

    Jan 27, 2015

    Antworten

    Ich habe den Tatort genau so erlebt, wie du ihn beschreibst. Optisch und schauspielerisch war er einer der besten Tatorte überhaupt. Aber diese Szene am Mee: Ich glaube, ich habe mehrfach „wie schlimm“ gesagt. Interessant auch, dass Regie, Drehbuch und Kamera von Männern stammen…
    Hier geht es noch ein bisschen mehr um die Inkonsistenz der Storyline: http://www.vice.com/de/read/dinge-die-wir-vom-tatort-ueber-crystal-meth-gelernt-haben-himmel-ueber-kiel-730?utm_source=vicefb

  2. e says:

    Jan 30, 2015

    Antworten

    Ich finde deine Kritik sehr treffend und bin froh, dass du etwas formuliert hast, was ich nicht geschafft habe und was, wie ich bereits erfahren musste, auch im Freund*innenkreis immer noch für viele Fragezeichen sorgt und mich immer wieder hilflos werden lässt (á la „Aber Männer erleben auch Gewalt..“ etc.) Super Text, vielen Dank dafür!

  3. Isa says:

    Jan 30, 2015

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    Finde den Text auch super! Nicht nur die Message gefällt mir, auch der Esprit mit dem er geschrieben ist. Danke sehr!

  4. […] der Handlung oder Figur nötig sind, und wann sie unnötige, traumatisierende Schocker sind. Auch wir haben uns im Rahmen eines Tatorts bereits mit dieser Frage […]

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