Foto: Jacky Diehl

Warum wir Kindern Dinge schenken sollten, die für Kinder sind – und nicht für Jungen oder für Mädchen.

Mein zweitgeborenes Kind ist ein Mädchen. Sie ist jetzt zwei Monate alt und der Strom der Geschenke seit ihrer Geburt ist immer noch nicht versiegt. Vergangenes Wochenende haben einige Verwandte uns mit Päckchen nur so überhäuft. Für den älteren Bruder war natürlich auch immer eine Kleinigkeit dabei – er soll ja nicht traurig sein, dass er nichts bekommt. (Ein Hoch auf den Kapitalismus! Nicht.) Die Ausbeute der zwei Tage:

Für sie: ein pinkes Kleid mit Herzen, eine pinke Leggings mit Herzen, eine pinke Winterjacke mit rosa Blüte und eine rosa Schäfchen-Rassel

Für ihn: ein blaues Auto, ein blauer Traktor mit Anhänger und ein orangener Abschleppwagen mit Radlader

Mädchen + Jungen = zwei Zielgruppen

Ich frage mich: Würden wir auch so viel Kleidung für unser Baby geschenkt bekommen, wenn es ein Junge wäre? Meine These ist: nein. Denn dann wäre es selbstverständlich, dass das Kleine die Sachen vom Großen auftragen kann. Das andere Geschlecht ist aber ein nur allzu vortrefflicher Grund dafür, das Kind vollkommen neu auszustatten. Bin ich die einzige, die das Vermarktungskalkül dahinter erkennt?

Nein, bin ich natürlich nicht. Die Organisation Pinkstinks zum Beispiel hat das längst bemerkt:

„Klare Geschlechterrollen helfen der Wirtschaft: Alles muss doppelt verkauft werden. Die Illusion des perfekten Geschlechts feuert den Konsum an.“

Und mit den Geschenken zur Geburt beginnt die Strategie der Vermarkter erst. Sie sind der Eintritt in einen Teufelskreis: Je mehr die Werbung Kindern und Erwachsenen einredet, dass rosa Prinzessinnen für Mädchen und heldenhafte Feuerwehrmänner für Jungs sind, desto größer wird der Markt für diese Dinge.

Unterdessen bestätigen von Spielzeug-Unternehmen beauftragte Marktforschungsinstitute, dass es ein Grundbedürfnis der Geschlechter sei: Mädchen lieben Prinzessinnen, Jungs Feuerwehrmänner. Was war zuerst: die Henne oder das Ei? Angebot oder Nachfrage? Angesichts schrumpfender Geburtenraten und einem gesättigten Spielwarenmarkt ist das eine ertragreiche Taktik für Hersteller.

Wohin sie führt, dürfte klar sein.

Marketing, das Kindern die Freiheit nimmt

An jenem Wochenende hörte ich den Neffen meines Mannes beim Legospielen sagen: „Frauen können nicht Auto fahren.“ Lieber wolle er eine männliche Legofigur in den Wagen setzen. Dieser Junge ist sechs. Er besitzt (meines Wissens nach) keine Puppe, dafür Lego, Autos und Lichtschwerter. Zu Weihnachten wünscht er sich alles von Star Wars. Schon jetzt blickt er auf Frauen hinab. Schon jetzt fühlt er sich sicherlich nicht frei, einmal Baletttänzer oder Erzieher zu werden.

„Produkte, Spiele oder Experimentierkästen, die sich an Mädchen und Jungen richten, [würden] niemals nur mit einem Mädchen auf dem Cover beworben […]. Mädchen akzeptierten auch ein Produkt, auf dem ein Junge abgebildet ist, bei Jungen dagegen stoße das auf Ablehnung, sie seien nur interessiert, wenn auch oder ausschließlich Jungen abgebildet seien.“

Das erklärte eine Vertreterin von Kosmos den Autorinnen* von „Die Rosa-Hellblau-Falle“, schreibt Anke Domscheit-Berg für Edition F. Mädchen sind also bäh. Und alles, was für Mädchen ist, ebenfalls. Nähen, kochen, tanzen – alles bäh. Die, die sich von diesen Klischees niemals emanzipieren, werden später in der Disco einiges verpassen, sag ich euch.

Und ich fürchte mich auch jetzt schon vor dem Tag, an dem meine Tochter „UNBEDINGT. DAS. PRINZESSINNENKLEID. ZU. WEIHNACHTEN.“ will. Und noch mehr vor dem Tag, an dem ich sie dabei erwische, wie sie ihre Figur kritisch im Spiegel betrachtet. Und davor dass sie sich das Ingenieurstudium nicht zutraut. Und dass sie an ihrem späteren Arbeitsplatz nicht ernst genommen wird.

Sinnvoll schenken heißt verantwortlich schenken

Leider bin ich sicher, dass ich das alles nicht von ihr und ihrem Bruder fern halten kann. Habt ihr etwa schon mal versucht, in den Fußgängerzonen dieser Tage Unisex-Kleidung und -Spielzeug zu finden? Es ist fast unmöglich. Aber selbst wenn man es meistert – zu Weihnachten, Geburtstag oder anderen Gelegenheiten bedienen andere die Klischees nur allzu gern. Und ich werde meinem Kind das Geschenk wohl kaum wieder aus der Hand reißen, geschweige denn der Schenkenden* sagen, sie* solle den pinken Firlefanz wieder mitnehmen.

#Sinnvollschenken bedeutet deshalb für mich: Schenkt Kindern Dinge, die ihre Fantasie beflügeln, sie fördern und fordern, die ihnen aber nicht unterschwellig mitteilen, was sie mit ihrem jeweiligen Geschlecht dürfen und was nicht. Ihre Liebe wird euch dennoch sicher sein.

 

Dies ist ein Beitrag zur Blog-Parade #sinnvollschenken, initiiert von Tollabea und der Deutschen Fernsehlotterie. Damit ist die Parade natürlich Werbung, aber Werbung für den guten Zweck, denn ein großer Teil der Einspielerlöse gehen an soziale Projekte. Deshalb machen wir da mit.

 

Foto: Jacky Diehl

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. Josef says:

    Dez 12, 2016

    Antworten

    Finde schon, dass Jungsspielzeug meist recht geschlechtsneutral ist. Zumindest gibt es keine Signale wie pink und Glitzer. Ein Holzschwert oder Spielzeugbagger (aber nur ohne Figur) würde zwar eher Jungen zugeordnet, diese Spielzeuge haben aber an sich keine geschlechterspezifischen Merkmale.
    So ist es auch bei Lego: Meine Jungs unterscheiden ganz klar zwischen „normalem Lego“ und „Mädchenlego“. Ein Lego Bagger hat heute eine Bauarbeiterin und einen Bauarbeiter als Figuren dabei. Vielleicht richtig geschlechtsneutral ist ein Wohnwagen mit Mann, Frau und Hund. Trotzdem gibt es den auch noch als „Lego Friends“ mit viel pink und türkis. Und zwei weiblichen Figuren, die auch noch wie kleine Puppen aussehen.

    • Inga says:

      Dez 12, 2016

      Antworten

      Ach, da hab ich wieder was gelernt. Dass ein Lego-Bagger heute eine weibliche und männliche Spielfigur dabei hat, ist mir neu. Das ist ja mal eine gute Entwicklung!
      Dennoch nennst selbst du das vermeintlich geschlechtsneutrale Spielzeug „Jungsspielzeug“ (siehe erster Satz). Und es ist bei den zig Spielwaren immer noch ein Einzelfall, dass eine Frau im Bagger sitzt. Auch bei Kinderbüchern findest du das eher selten. Und allein der Fakt, dass es Lego-Spielzeug für Mädchen gibt, grenzt Jungs aus und suggeriert Mädchen, dass das andere nicht für sie ist.
      Interessant finde ich die Namenswahl „Lego Friends“ – vermittelt ja auch Geschlechtsneutralität. Aber Eltern, Freunde und Verwandte haben ja bereits gelernt, dass Pastellfarben für Mädchen und gedeckte Farben für Jungs sind.

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