koelnbhfAnfang der Woche wurden die Vorfälle der Silvesternacht in Köln und anderen Städten in den Medien breit rezipiert. Die Kommentarspalten glühen seitdem und die Debatte (wenn man sie denn angesichts der sehr dünnen Faktenlage überhaupt guten Gewissens so nennen kann) nahm ganz schnell Fahrt in die falsche Richtung auf.

Fast im Minutentakt füllte sich meine Timeline mit geteilten Artikeln, Kommentaren und Aufrufen für oder gegen irgendetwas.

Die Popularität frauenpolitischer Themen und die Geschwindigkeit, mit der aus Ottonormalkommentierern ad-hoc-Feministen werden, scheint direkt mit der äußerlichen Abweichung der Täter vom durchschnittlichen Westeuropäer zusammenzuhängen. Das kennen wir bereits. Es ist höchst problematisch, die Fälle der Silvesternacht in Verbindung mit der Herkunft der Täter zu diskutieren, denn dies impliziert die allzu einfache Lösung eines viel zu komplexen Problems. Sexuelle Gewalt ist kein Problem einer isolierten Kultur/Religion/Gesellschaftsschicht, sie ist allgegenwärtig. Wer dies negiert, behindert den Kampf gegen Gewalt an Frauen aktiv. Das Ausmaß der Vorfälle in Köln ist schockierend und ein weiterer Beleg dafür, dass noch vieles im Argen liegt. Gleichzeitig dürfen wir jedoch nicht zulassen, dass Köln unser Bild von sexueller Gewalt gegen Frauen bestimmt und so die viel größere gesellschaftliche Verbreitung verblasst und zu einem verzerrten Bild der realen Problematik führt.

Instrumentalisierung

Weniges von dem hastig Verfassten zu den Vorfällen in Köln kann helfen, Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Viel des Geschriebenen wäre besser nicht geschrieben worden. Vieles war schlichtweg falsch. Warum musste ich am dritten Tag nach Bekanntwerden der Vorfälle in den Nachrichten eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders hören, dass rund 1000 Männer nordafrikanischer/arabischer Herkunft Frauen bedrängt haben? Selbstverständlich gießt so eine Berichterstattung Wasser auf die Mühlen von AfD, Pegida, CSU and friends. Aber es waren nicht nur die Rechten, die sofort an Ort und Stelle waren. Einige nutzten die Vorfälle auch, um den ihnen so lästigen „Netzfeministinnen“ ein Schnippchen zu schlagen. Denn wer nicht innerhalb von zwei Stunden selbst ohne solide Faktengrundlage einen Kommentar zu den Vorfällen runtergetippt hat, verurteilt diese ja wohl offensichtlich nicht.

Auch die EMMA ließ es sich nicht nehmen, noch mal die Ellenbogen gegen jene auszufahren, die nicht Verbündete in ihrem Kreuzzug gegen den Islam sind:

Nur die taz und Aufschrei-Wizorek finden es noch rassistisch, zu sagen, dass die 1000 Randalierer einen nordafrikanischen bzw. arabischen Hintergrund hatten.

Diese offene opportunistische Instrumentalisierung der Vorfälle und des Problems sexueller Gewalt gegen Frauen von allen Seiten kotzt mich an. Wer die Vorfälle in dieser Art und Weise diskutiert, will lediglich die eigene Agenda vorantreiben (böse Flüchtlinge/schlechte Feministinnen), dem Kampf gegen Gewalt an Frauen nützt das in etwa so viel wie Henriette Rekers Top-Tipp, Frauen sollten eine Armlänge Abstand zu Fremden halten. Für diesen Ratschlag erntete Reker viel Häme und Kritik im Netz. Zu Recht, denn die Idee, Frauen hätten tatsächlich die Möglichkeit zu beeinflussen, ob ihnen sexuelle Gewalt widerfährt, ist die Unterfütterung von Rape Culture par excellence.

Kontext

Die allgegenwärtige sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft ist eine logische Konsequenz der patriarchalen Herrschaftsstrukturen, in denen wir leben. Das Problem ist weitaus größer und verbreiteter, als die zu häufig auf die mutmaßliche Herkunft der Täter reduzierte Berichterstattung zu den Geschehnissen in Köln es vermuten lässt:

Diese Zahlen relativeren die Geschehnisse der Silvesternacht nicht, sie kontextualisieren sie. Noch wütet der Mob munter durch das Netz. Doch wenn er weitergezogen ist, wird das Problem weiter bestehen. Wer dann immer noch erzürnt ist und sich engagieren möchte, hat einige Baustellen zur Auswahl.

 

Zum Weiterlesen:

Silvester in Köln – einige Anmerkungen

Die Rape Culture wurde nicht nach Deutschland importiert – sie war schon immer da

Sexuelle Übergriffe: Ich bin es leid

Willkommen in der Hölle, Ladys

Die Gewalt von Köln und was jetzt zu tun ist

Mob und Gegenmob

 

 

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. […] idealized picture of a Germany that respects women and negate that sexism exists in our society. As Kathy has argued in a previous post, the topic of sexual violence against women is bigger and more common in everyday life than the […]

  2. […] Köln wird immer noch berichtet. Quantität und Qualität decken sich nach wie vor nicht, hier aber zwei […]

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