3271209276_03103e10cc_oSchicke niemals Nacktfotos von dir an Jungs, lass dich beim Sex nicht filmen, am Besten hast du erst gar keinen Sex. Wir verbieten unseren Töchtern einiges, um sie zu schützen. Passiert dann trotzdem was, sind sie selbst schuld – oder?

„Jana hat Nacktfotos von sich gemacht“, erzählt mein Neffe Tim am Esstisch. Seine Schwester Linda wirft ihm einen vielsagenden Blick zu: „Stimmt. Voll peinlich!“ Jana, deren Namen ich wie alle Namen in diesem Text geändert habe, geht mit Linda zur Schule, ist 14 Jahre alt und ein nettes Mädchen. Ich frage genauer nach, was es mit den Fotos auf sich hat – und vor allem warum mein Neffe davon weiß, der zwei Jahrgangsstufen über den beiden Mädchen ist.

Jana führte bis vor Kurzem bereits eine feste, auch sexuelle Beziehung zu einem etwa gleichaltrigen Jungen namens Paul, erzählt meine Nichte. Als sie noch ein Paar waren, hatte sie ihm im Chat ein paar Nacktfotos von sich geschickt – darauf vertrauend, dass niemand anderes diese Bilder zu Gesicht bekommen sollte. Nun, da sie nicht mehr zusammen sind, hat Paul sie aber in der Schule verbreitet. „Selbst schuld“, kommentiert Linda das, „wenn man so blöd ist, solche Bilder zu verschicken.“ Aber ist Jana das wirklich? Ist der Übeltäter hier nicht ein ganz anderer, nämlich Paul?

Alle Jahre wieder

Ich behaupte: Diese Geschichte wiederholt sich so oder so ähnlich seit Jahrzehnten in jeder Generation und an jeder Schule in Deutschland. Und diejenigen, die dafür an den Pranger gestellt werden, sind die Mädchen. Sie hätten ja solche Fotos nicht von sich machen müssen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich in Teenager-Jahren genau davor warnte. Und ich bin sicher, dass meine Schwester es bei ihren Töchtern auch so gemacht hat, denn Linda wiederholt fast mantraartig, dass sie niemals solche Bilder an irgendwen schicken würde. „Man darf niemandem vertrauen.“

Aber wo führt das eigentlich hin, wenn wir unseren Töchtern beibringen, dass man unseren Söhnen nicht vertrauen darf? Dann sind doch Freundschaft und Liebe nichts mehr wert, weil selbst die Personen, bei denen wir uns sicher und gut fühlen, eines Tages alles, was wir mit ihnen teilen, gegen uns verwenden könnten.

Gleichzeitig bringen wir unseren Töchtern damit bei, dass die Fehler grundsätzlich bei ihnen selbst liegen. Das ist ähnlich wie bei dem #Hotpantsverbot, das im vergangenen Jahr an einer Schule in Horb am Neckar ausgesprochen wurde, weil die Hosen und bauchfreie Oberteile zu „aufreizend“ seien. Wer dennoch mit knapper Kleidung in die Schule komme, müsse für den Rest des Tages ein riesiges T-Shirt überziehen. Statt den männlichen Lehrern und Schülern beizubringen, wie sie sich korrekt verhalten, stülpen wir den Mädchen einfach Säcke drüber. Ist ja auch viel unkomplizierter. Ein klarer Fall von „Victim Blaming“ – die potentiellen Opfer tragen die Schuld.

Das ist ja … ein Mensch!

Wie soll ein Mädchen denn da eine gesunde Beziehung zu sich und ihrem Körper aufbauen, wenn sie in einer Hülle steckt, die offenbar alle Männer dazu aufruft, sie zu begrapschen oder gar zu vergewaltigen? Und wie soll ein Mädchen ein gesundes Männerbild aufbauen, wenn doch augenscheinlich in jedem netten Typ ein wildes Tier lauern könnte? Warum überhaupt müssen sich Mädchen für Nacktbilder schämen, die irgendwer irgendwo sehen könnte? „Hey, lass mal sehen, das ist ja … ein Mensch!“ Würde ein Foto von einem nackten Jungen die Runde machen, fänden es alle kurz witzig und es wäre wieder vergessen. Für ein Mädchen aber ist es nicht selten der Anfang jahrelangen Mobbings. Und sicherlich wird es nie wieder jemandem unbedarft Fotos seines Körpers oder überhaupt seinen Körper zeigen. Das will ich nicht für meine Tochter.

Auf der anderen Seite: Angesichts all dieser Ängste scheine ich ja ganz offensichtlich in einer Kultur zu leben, die Jungen eben nicht beibringt, dass es nicht okay ist, die Nacktfotos der Ex-Freundin umher zu schicken und/oder einem Mädchen zu nahe zu treten. Kann ich es da vertreten, meinem Kind nicht beizubringen, dass es sich schützen muss? Zum Beispiel indem ich ihm einpräge, dass kurze Hosen immerhin die Arschbacken bedecken sollten? Oder dass man Nacktfotos einfach nicht verschickt? Wäre es fahrlässig, das nicht zu tun?

Vielleicht. Dennoch müssen wir bei unseren Söhnen ansetzen. Denn meine Tochter will ich nicht in einer Atmosphäre der Angst reifen sehen. Sie soll verdammt noch mal anziehen, was sie will, und sich auch für Nacktfotos nicht schämen müssen, selbst wenn irgendein unaufgeklärter, verletzter Jüngling versucht, damit seine Ehre zu retten. Dann soll sie erst recht den Lästermäulern ins Gesicht lachen und sagen können: „Sieht doch schön aus!“

 

Foto: Libelul

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger Beitrag#koelnbhf, #Oscarssowhite und #sonstmerkterwas Nächster Beitrag12. Februar

5 Kommentare

  1. Rene says:

    Feb 2, 2016

    Antworten

    Die Grundaussage dieses Textes finde ich absolut richtig und wichtig! Ob „Schuld“ das angemessene Wort ist, weiß ich nicht – aber der Junge (Paul) verletzt hier die Intimsphäre des Mädchens und die der Beziehung. Nun gut, viele sagen dann als Begründung: pubertierendes Gehabe. Weiß ich nicht, ich finde man sollte hier keine Entschuldigung suchen. Dennoch finde ich das Verhalten von dem Mädchen naiv und dumm.

    Was mich allerdings am Text stört sind Aussagen wie diese: „Wie soll ein Mädchen denn da eine gesunde Beziehung zu sich und ihrem Körper aufbauen, wenn sie in einer Hülle steckt, die offenbar alle Männer dazu aufruft, sie zu begrapschen oder gar zu vergewaltigen?“ Warum diese Generalisierung, warum kein Mut zur Differenzierung?

    • Inga says:

      Feb 2, 2016

      Antworten

      Hallo Rene,
      danke für deine Kritik! Ich kann verstehen, dass du da Generalisierung herausliest. Ich will damit aber eigentlich genau vor Generalisierung warnen. Die Aussage ist: Wenn wir als Eltern unseren Töchtern ständig eintrichtern, dass überall Böses lauert, das einem an die Wäsche will – wenn wir also generalisieren und jedem zum möglichen Täter machen – wie sollen diese Töchter dann eine gesunde Beziehung zu ihren Körpern aufbauen? Wie sollen diese Töchter noch Männern vertrauen? Wo es doch bei Weitem nicht so ist, dass alle Männer sie tatsächlich begrapschen und vergewaltigen möchten.
      Ich finde übrigens nicht, dass es naiv ist, jemandem, den man liebt, ein Nacktfoto von sich zu schicken. Man sollte doch meinen, dass eine Vertrauensbasis auch dann noch als solche gilt, wenn man sich eines Tages nicht mehr liebt. Und letztlich wissen wir beide überhaupt nichts darüber, wie dieses Bild entstanden ist. Da frage ich zurück: Warum diese Generalisierung?
      Gruß
      Inga

  2. Rene says:

    Feb 2, 2016

    Antworten

    Danke für die Antwort! Ich meine es so: wer garantiert trotz eines Vertrauensverhältnisses das die Fotos da bleiben wo sie hin gehören? Es ist v.a. neben der persönlichen Vertrauenssache eine Risikoabschätzung der Technik (Skype, Smartphone, Facebook etc.). Wo fängt Aufklärung aus Schutzgründen an, wo ist es Panikmache? Niemand soll sich für seinen Körper schämen, auch vierzehnjärige nicht! Dennoch verstehe ich auch den Wunsch nach Schutz vor solchen Mobbingsituationen. Ich plädiere für ein gesundes Misstrauen. Ich bin ja auch voll bei dir, nur: möchte man Jungs dämonisieren, dass sie immer potentielle Vergewaltiger sind? Beides ist schlimm wie ich finde.

  3. Fiesa says:

    Feb 3, 2016

    Antworten

    Hallo Inga,
    seit gestern geht mir dieser Text im Kopf rum und ich weiß gar nicht so genau, wieso.
    Zunächst einmal stimme ich vollkommen damit überein, dass niemand sich für seinen Körper schämen sollte und gerne sowohl Fotos davon schießen darf, als auch ebendiese verschicken darf. Und enge Hotpants sollen auch kein Problem mehr sein, eigentlich.
    Dennoch finde ich den Text zu kurz gegriffen:
    I. Die Situation zwischen Paul und Jana ist ein sehr plakatives Beispiel, weil hier „einfach“ zu entscheiden ist, wer vermeintlich richtig oder falsch gehandelt hat. Natürlich ist Paul gemein, wenn er die Bilder umherschickt und natürlich ist es in einer Beziehung ok, Nacktfotos zu machen und zu verschicken. (Ebenso plakativ gesprochen)
    II. Die Wertlosigkeit von Freundschaft und Liebe, wenn wir unseren Kindern einreden, niemandem mehr vertrauen zu können. (2. Abschnitt, 2. Unterabschnitt): Meiner Meinung nach gelten Deine Ausführungen ganz sicher für Liebe und Freundschaft und den vorliegenden Fall. Aber das ist zu kurz gedacht. Auch Jugendliche haben „Affären“, im Zeitalter von Tinder und Co. ist die Verfügbarkeit vom potenziellen Sexualpartnern schier unbegrenzt und es wird schnell ein Vertrauensverhältnis erreicht, das auch eine sexuelle Komponente beinhaltet. Das ist an sich auch vollkommen ok, nicht jede sexuelle Verbindung enthält Freundschaft oder Liebe. Doch gerade das macht die Hemmschwelle niedriger, sowohl Nacktbilder zu schicken, als auch diese leichtfertig weiterzuzeigen. Das Ergebnis ist das selbe: etwas Privates wird Öffentlich, das Urvertrauen in Menschen kann dauerhaft geschädigt sein und natürlich ist man tief verletzt.
    Sollten wir unsere Kinder nicht auch darauf vorbereiten? Sie eben doch davor warnen, Nacktbilder zu verschicken? Ich bin mit der Quintessenz aus Deinem Text einverstanden, möchte ihn jedoch ergänzen: Sollten wir unseren Töchtern und Söhnen in diesem Zusammenhang nicht nur den korrekten Umgang mit Bildern, Sexualität und Intimsphäre (der eigenen und der von anderen) beibringen, sondern auch die Sensibilität für verschiedene Arten von Verbindungen schärfen? Und eben klar davor warnen, dass es auch Menschen gibt, denen man nicht so vertrauen kann, wie anderen? Ich meine, es gibt ohnehin keine Garantie dafür, ob jemand ein Bild weitergibt oder nicht, sei es in einer Beziehung oder nicht. Man sollte nur die Fähigkeit abwägen, ob es in bestimmten Fällen wahrscheinlicher ist oder nicht. Als Ergänzung zu Deinem Text: Kein Werteverfall bei Freundschaft und Liebe, aber ein „gesundes Misstrauen“ bei anderen Verbindungen?
    III. „Sieht doch schön aus!“ Alle, die schon Mal von Mobbing betroffen waren, hören sehr häufig solche Tipps, die in diese Richtung gehen: Stirn bieten, Selbstbewusst sein, freche Sprüche und das, was gemobbt wird, (Eigenschaften, Aussehen, Sprüche, vermeintliche Makel oder Stärken, die Liste ist ja lang) fast ein bisschen betonen und in einer Fluchthandlung nach vorn die Mobber adressieren, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Meine Erfahrung zeigt leider, dass gerade in der Situation, wenn eine Gruppe sich auf eine Sache eingeschossen hat, solche Verhaltensweisen genau das Gegenteil bewirken und die gemobbte Person, die sich ein Herz genommen hat und etwas gesagt hat, nur noch mehr verletzt und eingeschüchtert wird.
    Ich weiß leider auch kein richtig oder falsch, ich halte nur den Hinweis, die Lästermäuler so zu entkräften, für gefährlich. Natürlich ging es in dem Bericht nicht primär darum und Du bist auch kein Psychologe, ich habe mich nur an diesem Satz gerieben.

    Fazit: Ich bin mit Deiner Aussage durchaus einverstanden, dein Text hat mich zum nachdenken und weiterdenken angeregt und diesen Prozess wollte ich auch hier manifestieren.

    Danke dafür.

    • Inga says:

      Feb 4, 2016

      Antworten

      Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, Fiesa! Ich bin deiner Meinung. Egal, welches Geschlecht ein Kind hat: Es gehört zu unseren Aufgaben als Eltern, ihnen auch beizubringen, dass man nicht jedem einfach so blind vertrauen sollte. Und selbst für Freundschaft und Liebe gilt: Es kann immer eines Tages passieren, dass man doch enttäuscht wird. Das sind auch Dinge, die ein Mensch lernen muss. Ich möchte nur nicht präventiv dafür sorgen, dass mein Kind sich für seinen Körper schämt oder für die Dinge, die es tut. (Und im Ürbigen genauso wenig, dass es alle Männer für potentielle Vergewaltiger hält, @Rene) Wenn ich dann schreibe, dass ich mir wünsche, dass meine Tochter den Lästermäulern ins Gesicht lachen und sagen können soll: „Sieht doch schön aus!“, dann meine ich damit nicht, dass ich ihr das raten würde, wenn sie bereits gemobbt wird und ihr Selbstbewusstsein eh schon angekratzt ist. Sondern ich möchte versuchen, meiner Tochter ein solches Selbstvertrauen mitzugeben, dass solche Mobber ihr gar nicht erst was anhaben können. Das ist natürlich schönes Wunschdenken (zumal ich ganz nebenbei auch keine Tochter habe). Man weiß nie, ob man das wirklich hinkriegt.

Antworte darauf!

Name required

Website