20141012_110605Wenn Restauranttester nicht nur den Doppelkorn umarmen. Altherrenhumor in einem Gastro-Führer.

Ich esse gerne. Sehr gerne. Auswärts muss nicht alles perfekt sein, ich will mich nur wohlfühlen. Die Atmosphäre muss stimmen, der Wein zum Menü passen, das Personal zuvorkommend und fachkundig sein.

Zum Geburtstag schenkt mir mein Freund das Buch „Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt – Darmstadt“ von Peter Polaroid, vermutlich ein Pseudonym für ein Autorenkollektiv. Ich bin begeistert und freue mich auf weitere gastronomische Entdeckungen. Beim Lesen wandelt sich die Begeisterung allerdings in Fassungslosigkeit und gipfelt in Entsetzen.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich leide aber unter schlechten Fotos, Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Sowie unter den aus meiner Sicht unpassenden Einschätzungen des jeweiligen Autors. Was will man auch erwarten, wenn nur vom „Futter“ die Rede ist?

Aber richtig eklig sind die beleidigenden Äußerungen des Autors (ich werde jetzt aus praktischen Gründen, nur noch von Herrn Polaroid in der Einzahl sprechen) besonders gegenüber Frauen. Beispiele gefällig?

Beim Thailänder gibt es keine Bedienung sondern die „supersüßen, lächelnden Thai-Ladies“, die „verdammt viel und hart“ „für die Gäste“ arbeiten und den Autor zum Ausharren animieren.

An anderer Stelle weiß der Autor vom „strammen Gesäß der schönen Frau“, das auch dem Gast gefällt, zu berichten. Es gibt klischeehafte „Servier-Prinzessinnen“, die natürlich „super freundlich und liebenswert“ sind. Das klingt alles andere als eindeutig und ist nur eine von vielen Formulierungen, bei denen Frauen vom Autor verbal regelrecht angesabbert werden. Wozu sie für ihn scheinbar auch da sind. Ich stelle mir vor, wie Peter Polaroid den Frauen nicht nur in die Augen, sondern in den Ausschnitt schaut und ihnen vermutlich gönnerhaft den Po tätschelt.

Es sabbert aus dem Buch

Beim Spanier gibt es für Herrn Polaroid leider nichts zu begaffen. „Wo bleiben die schönen Spanierinnen?“, fragt er enttäuscht und widmet sich dann endlich mal ausschließlich dem Essen. Dafür überkommt es ihn beim „Anblick der schönen Seño­ri­ta“ im nächsten Restaurant so sehr, dass er am liebsten „ein bisschen naschen“ möchte.

In einem orientalischen Restaurant kann er dann endlich wieder „schönste junge Frauen aus Persien“ bestaunen, die „nicht nur Essgelüste“ anheizen, sondern auch „männliche Gefühle“. Zwinker. Zwinker. Das ist nicht lustig, es ist ekelhaft.

Da er noch solo sei, versuche er in einer Weinwirtschaft „mit einem flotten Vierzeiler [die] weibliche Begleitung rumzukriegen“.

Nicht nur Frauen werden vom Autor beleidigt. Er beschmipft Professor* als „Hirnis“; zum Griechen geht Peter Polaroid gerne, trotz dass „die in der Heimat super pleite sind und uns Steuerzahler bei der Gesundung ihres Desasters abkochen wollen“; und er pflegt Vorurteile gegenüber Polen*, die angeblich das Besteck klauen.

Das sind nur einige Beispiele aus dem Buch. Auf den Sonderseiten zu „Bars“ und „Bizarr“ geht es genauso weiter mit unterschwellig sexistischen Andeutungen über weibliche Bedienungen und mit des Autors Meinung zum Sexualleben des Darmstädters. Das ist weder lustig noch passt es zum eigentlichen Inhalt des Buches. Aus fast jedem Satz schwappt mir eine Suppe aus widerlicher Altherrengeilheit entgegen. Seine „Ansichten“ sind Schimpftiraden und reduzieren Frauen auf Objekte seiner sexuellen Begierde. So was will ich weder in einem kulinarischen Führer noch anderswo lesen.

Wer soll das lesen?

Für wen schreibt Peter Polaroid dieses Buch? Die Gastwirte* können es kaum drauf anlegen, in diesem Buch zu erscheinen. Er tut ihnen mit seinen sexistischen Bemerkungen keinen Gefallen. Der Autor schadet den Restaurants und Cafés, wenn er nichts zu berichten weiß, außer dass er die Bedienung vernaschen möchte.

Die beschriebenen Frauen können dies kaum als Kompliment empfinden. Im besten Fall haben sie für den alten Sack ein müdes Lächeln übrig und erinnern sich an den peinlichen Onkel, der sich mit solchen Äußerungen auf Familienfeiern stets blamiert.

Will er damit ein männliches Publikum ansprechen? Erinnert sich der Autor an die gute alte Zeit, als er mit seinen Kumpels am Stammtisch noch herrlich über solche Sprüche mit Schenkelklopfer lachen konnte? Damals, als Frauen schweigsame Sexobjekte waren.

Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Peter Polaroid scheint ihr nachzutrauern, ja, noch in ihr zu leben. Er tut mir leid. Er hat nicht gemerkt, dass sich einiges geändert hat. Heute machen Männer wie er sich damit lächerlich und fallen aus allen Wolken, wenn Frauen ihnen die Stirn bieten. Das Buch gehört in die Mülltonne. Das einzig Wertvolle daran sind die vielen Adressen. Aber selbst die bekommt man im Internet. Und das ohne Sexismus.

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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