Foto: Cia de Fotos; Mutter und Kind liegen im BettFür Inga ist nichts falsch daran, wenn eine Frau sich heute nicht vorstellen kann, Mutter zu werden, oder es sogar bereut, jemals Mutter geworden zu sein. Falsch ist für sie vielmehr, dass Mütter in unserer Gesellschaft so allein gelassen werden.

Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood klagen seit fast drei Wochen Mütter im Internet darüber, wie oft ihr Muttersein sie an die Grenzen des Aushaltbaren gebracht hat und mit Sicherheit noch bringen wird. Die allermeisten unter ihnen schieben allerdings einen Nachsatz beginnend mit dem Wörtchen „aber“ ein, denn eigentlich, ja, eigentlich bereuen sie gar nichts. Sie lieben ihre Kinder ja. Die Sache ist: Darum geht es nicht bei #regrettingmotherhood.

Es begann mit einem Text von Esther Göbel in der Süddeutschen Zeitung über eine wissenschaftliche Studie der Israelin Orna Donath. Die Soziologin hat 23 israelische Frauen interviewt, die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Also so richtig bereuen.

„Es ist der Albtraum meines Lebens (. . .) Allein dieses Konzept, wenn ein Kind mich „Mama“ nennt. Ich drehe mich um, schaue, welche Mutter gemeint ist. Bis zum heutigen Tag. Ich konnte keine Verbindung herstellen zu dem Konzept, der Rolle, den Konsequenzen dieser (. . .) Verantwortung und Verpflichtung.“

Danach kam kein: „Hach, guck, das Kleine lächelt mich an, alles ist gut.“ Und das, obwohl alle 23 Mütter im gleichen Atemzug sagten, dass sie ihre Kinder lieben. Damit brachen sie ein Tabu – nicht nur in Israel, sondern auch hier. Manch eine Mutter tat es ihnen nach, ob bei Twitter oder im eigenen Blog – es waren plötzlich Stimmen zu hören, die zumindest an mir bis dahin vollkommen vorbeigegangen sind.

Wenn jetzt aber hunderte Mütter die Bewegung zum Anlass nehmen, wahlweise mit Edith Piafs berühmten französischen Worten oder mit ihren eigenen herauszuposaunen, dass sie rein gar nichts bereuen, kapern sie damit nicht nur ein Hashtag. Sie verstärken sogar das Tabu, von dem sich manche gerade befreit zu haben wähnten. 


Den Müttern, die ihre uneingeschränkte Reue aussprechen, wird indirekt und manchmal auch direkt unterstellt, dass sie ihr Kind/ihre Kinder gar nicht lieben und dass sie egoistisch sind. Dabei ist es gar nicht die Frage, ob man sein Kind liebt oder nicht. Ich kann schließlich auch meine Mutter inbrünstig lieben, ohne mit Jauchzen die Altenpflege für sie übernehmen zu wollen.

Geburt als krasser Einschnitt

In unserer Gesellschaft ist es eine drastische Zäsur im Leben einer Frau, Mutter zu werden. Vermutlich die drastischste überhaupt. Denn fortan muss sie viele Jahre ihres Lebens einem anderen Menschen widmen. Nicht nur, dass sie nicht mehr allein die Verantwortung für sich selbst, sondern auch und vor allem für ein kleines hilfloses Wesen trägt. Und nicht nur, dass sich ihr Körper verändert und Hormone die Psyche aus dem Gleichgewicht bringen. Sie hat auch keine Freizeit mehr, sie muss ihren Beruf (zumindest vorübergehend) aufgeben, sie kann nicht mehr durchschlafen, sie weiß sich sehr oft nicht zu helfen, sie muss ihre Entscheidungen ständig rechtfertigen, sie macht sich immerzu Sorgen. Bei vielen ändert sich auch die Beziehung zum Partner: Waren beide vorher gleichberechtigt, fallen sie nun in traditionelle Verhaltensmuster. Er findet sich plötzlich in der Rolle des Ernährers wieder. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht mal geschafft hat, neben der Kinderbetreuung die Spülmaschine auszuräumen, bis er von der Arbeit nach Hause kommt.

Und nein, man kann sich vorher nicht ausmalen, wie das sein wird. Wir werden auf diese Rolle nicht langsam vorbereitet. Die meisten von uns haben vorher so gut wie keinen Kontakt zu Kindern, geschweige denn sind sie an deren Erziehung und Pflege beteiligt. Das einzige, worauf wir vorbereitet werden, ist, dass die Muttergefühle schon irgendwann kommen werden, dass jede sie hat, sobald sie das kleine Wesen das erste Mal sieht oder vielleicht sogar schon vorher.

Das Märchen von universellen Muttergefühlen

Wenige akzeptieren es, wenn eine Frau sagt, dass sie keine Kinder haben will. „Das kommt schon noch“, heißt es dann. Diesen Satz habe ich leider selbst auch schon viel zu oft gesagt. Einfach weil bei mir der Kinderwunsch schon so früh da war und ich das als Bestätigung sah, dass es diese Muttergefühle wirklich geben muss. Wie sehr ich damit andere unter Druck gesetzt habe, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Denn wenn dir dein Leben lang eingeredet wird, dass Muttergefühle in deiner weiblichen DNA verankert sind, wagst du es womöglich irgendwann nicht mehr, etwas anderes laut auszusprechen. Vielleicht gibst du dich dem Konzept sogar irgendwann hin, wenn der „richtige“ Mann dazu gefunden ist, wenn der auch noch genug Geld verdient, wenn du eine unbefristete Festanstellung hast, die dir die Rückkehr in den Beruf sichert. Wenn du keine Argumente mehr dagegen hast.

Und selbst wenn man vorher noch nicht geahnt hat, dass Mutterschaft nichts für einen ist, ist es menschlich, Fehler zu machen. Im Bezug auf die Zeugung gilt es in unserer Gesellschaft jedoch eher als männlich, Fehler zu machen. Zumindest wird es Männern eher zugestanden. Verhütung ist nicht selten Frauensache; versagt sie, ist auch das Frauensache; und selbst Wunschkinder: Frauensache.

Ich weiß nicht, wie verbreitet es ist, dass Frauen es ernsthaft bereuen, Kinder bekommen zu haben. 23 israelische Frauen und ein paar auf Twitter sind eine schwindend geringe Anzahl. Sicher ist, dass es eine große Dunkelziffer gibt. Ich weiß aber, dass es einige Frauen gibt, die sich mit der Mutterrolle ganz und gar nicht identifizieren können und deshalb lieber keine Kinder bekommen möchten. Und wenn nur wenige von ihnen eines Tages solche Mütter werden, die ihre Entscheidung bereuen, sind es schon zu viele.

It Takes a Village

Wenn sie dann nämlich bemerken, dass es diese Mutter-DNA gar nicht gibt, ist es längst zu spät. Wenn sie das schreiende Kind nicht durch die eigene Intuition ruhig bekommen, gibt kaum eine das zu, erst recht bittet sie nicht um Hilfe. Einerseits ist die Angst vor sozialer Ächtung groß, andererseits sind auch die Ansprüche an sich selbst gigantisch. Andere Mütter schaffen das alles schließlich auch mit Leichtigkeit.

In unserer Gesellschaft sind Mütter in ihren Verantwortlichkeiten unheimlich allein. Klar, das trifft nicht auf jeden Haushalt zu, es gibt auch immer mehr, in denen der Vater den Großteil der Fürsorge übernimmt, oder auch solche, in denen sich die Eltern alles teilen. Das ist eine gute Entwicklung, aber nicht genug. Auch zwei Personen, die vorher noch nie für Kinder gesorgt haben, sind schnell mit der neuen Situation überfordert.

Noch besser wäre es, wenn wir uns alle verantwortlich fühlen würden und dürften, wenn wir schon in jungen Jahren mitbekämen, was es heißt, sich um Kinder zu kümmern, und wenn nicht alles auf den Schultern weniger Personen läge. Ein afrikanisches Sprichwort besagt zurecht: „It takes a village to raise a child.“ Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Würden wir das beherzigen, würde sich durch die Geburt eines Kindes nicht so viel ändern – wir alle wären ähnlich frei und unfrei wie vorher. Eltern wären weniger überfordert, weil sie längst Kinder mit großgezogen hätten und weil sie sich darauf verlassen könnten, dass immer jemand da ist. Und diejenigen, die noch keine Eltern sind, wüssten genau, worauf sie sich einlassen.

Das ist natürlich ein reichlich utopischer Wunsch, den ich da hege. Aber es wäre schon ein Anfang, wenn Eltern Freunde mehr einbezögen und all die Angebote für Aufpassdienste annähmen. Darin sollten wir uns unbedingt üben. Es erleichtert das Elternsein – und wahrscheinlich auch das Elternwerden.

 

Foto: CIA DE FOTO

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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5 Kommentare

  1. Kathy says:

    Apr 25, 2015

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    Ich finde es sehr schade, dass der hashtag gekapert wurde. Aber vermutlich ist auch hier das Bedürfnis bei vielen stark, nicht aus der Reihe zu tanzen und zu zeigen, dass man selbst ganz „normal“ ist. Dabei braucht es dringend eine Öffentlichkeit für das Thema, denn für Frauen gibt es keine gesellschaftlich akzeptierten Auswege aus ihrer Mutterrolle. Alleinerziehende Frauen finden wir selbstverständlich, eine Frau, die ihre Kinder verlässt hochgradig suspekt.

    • Inga says:

      Apr 26, 2015

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      Da hast du sehr recht. Wobei ich auch sagen muss, dass es ebenfalls wichtig ist, dass Frauen, die ihre Mutterschaft nicht bereuen, laut darüber abkotzen, wie scheiße diese Rolle manchmal ist. Das entmythisiert das Bild von Mutterschaft in der öffentlichen Wahrnehmung schließlich auch. Ich finde nur, sie hätten an dieser Stelle mal zuhören sollen und unter einem unabhängigen Hashtag gern weiter kotzen können.

  2. mauerunkraut says:

    Apr 26, 2015

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    Im Endeffekt ist ja bereits alles über #regrettingmotherhood gesagt worden: Es sind nicht die Kinder, es ist das überladene Mutterbild.
    Den Aspekt mit dem „Dorf“ finde ich tatsächlich sehr interessant – wenn ich die Erzählungen von Eltern und Großeltern richtig interpretiere, war es auch in unseren Breitengraden nicht unüblich, dass alle anderen im Dorf ebenfalls ihre Augen und Ohren bei den Kindern hatten, aufpassten und sie zurechtwiesen, wenn sie etwas anstellten. Hab da jetzt allerdings keine richtigen Belege dazu, könnte mir aber gut vorstellen, dass dies so war. Um so eigenartiger wird es allerdings, wenn in manchen Kreisen KiTas und Kindergärten beinahe schon wie Teufelswerk gesehen werden (weil Kinder nun mal ihre Mütter brauchen etc.)
    Dabei kann ich mir gerade ein vernünftig ausgebautes Netz aus Betreuungsangeboten sogar vorteilhaft vorstellen, nicht nur für die Mütter die hier unverschämterweise ihrem Beruf nachgehen wollen, sondern eben auch für Kinder. Gerade weil sich ein großer Teil des Lebens mittlerweile „privat“ abspielt, weil wir einen großen Anteil an Einzelkindern haben, weil das Leben der Eltern Schwankungen unterworfen ist (Arbeitszeiten, Trennungen etc.) – Tagesstätten mit Freizeit- und Betreuungsangeboten mit Kontakt zu den anderen Kindern in der näheren Umgebung, könnten da glaube ich einen guten Ankerpunkt bilden.

  3. Anke says:

    Apr 26, 2015

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    Ist ja lustig. Es braucht ein ganzes Dorf … u.s.w. Und wenn man die lärmenden Nachbarskinder mit erziehen will und mal kurz ermahnt, wird man von dessen Eltern böse angeschaut, weil das kinderfeinlich ist.
    Selbst Schuld, liebe Mütter, die Ihr helfendes Eingreifen als Angriff missversteht. Habt Ihr euch selbst so eingebrockt.

  4. […] besteht einfach die Gefahr, dass es Eltern im Nachhinein bereuen, Kinder bekommen zu haben. Nicht, weil sie Kinder nicht mögen, sondern weil sie in der Rolle nicht aufgehen oder sie ihnen nicht das gibt, was sie erhofften. Das […]

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