radioSexistische Werbung macht auch vor unserer geliebten kleinen Großstadt nicht Halt. Der Täter: Radio Darmstadt. Sein Fetisch: Businessladies, die in Toilettenkabinen gerne Blow Jobs performen.

 

Radio Darmstadt ist ein kleiner, nichtkommerzieller Radiosender aus Darmstadt. Radio Darmstadt feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Radio Darmstadt hat zu diesem Anlass in der ganzen Stadt unter dem Motto „Radio Darmstadt ganz groß“ Großplakatwände mit verschiedenen Motiven platziert. Radio Darmstadt findet wohl, dass Werbung besonders intelligent, gewitzt und modern ist, wenn sie Frauen a) wenig bekleidet und b) beim Performen von sexuellen Handlungen in einer Toilettenkabine zeigt. Radio Darmstadt ist entweder a) ein Verein zur Erhaltung des schlechten Herrenwitzes oder b) nicht in der Lage, drei Meter ums Eck zu denken und eigene Handlungen kritisch zu hinterfragen. Sexistische, frauenfeindliche Werbung ist nicht nur nervig und peinlich, sondern auch gefährlich, weil sie im öffentlichen Raum Frauen auf körperliche/sexuelle Attribute reduziert. Durch ihre oft „zweideutige“ oder „pfiffige“ Aufmachung erscheint dies harmlos und akzeptabel. Doch das macht sexuelle Objektifizierung von Frauen normal und alltagstauglich. Terre des Femmes sagt es ganz deutlich: „Frauenfeindliche Werbung ist strukturelle Gewalt.“

Exkurs ins soziale Netzwerk

Die Plakatkampagne gibt es seit Mitte September. Ich bin durch einen Hinweis erst jetzt auf sie aufmerksam geworden (danke Andreas!). Da frage ich mich natürlich, ob in den letzten sechs Wochen schon Beschwerden bei Radio Darmstadt eingegangen sind. Ein kleiner Unterschied besteht nämlich schon darin, ob ein Unternehmen nach einem Hinweis das Ganze überdenkt, sich entschuldigt und die Kampagne zurückzieht, oder darin, einfach gar nicht zu reagieren. Auf der Facebook-Page von Radio Darmstadt werde ich schnell fündig. Dort präsentiert es stolz die beiden Plakatmotive und erbittet Meinungen. Über sechs Tage hinweg sammeln sich 28 Kommentare an, deren Lektüre den Schluss nahelegen, es gäbe nur zwei Arten von Menschen: Solche, die verstehen, warum Sexismus widerlich und schädlich ist, und solche, die der Jetzt-habt-euch-doch-mal-nicht-so-Fraktion angehören. Manche Mitglieder der letzten Gruppe überzeugen mit einem besonders hohen Maß an analytischer Argumentationskunst – persönlich als Frau fühle man sich nicht sexistisch angegriffen, also wäre das ok, die Werbung wäre halt voll am Puls der Zeit, und überhaupt, Models, die Kleidung präsentieren, wären doch auch nix anderes. Ahja! Ein Kritiker der Kampagne verweist drauf, dass Sexismus nicht so ganz zu den Statuten von Radio Darmstadt passt, was im weiteren Verlauf aber vehement ignoriert wird. Überhaupt gibt es keine offizielle Stellungnahme der Redaktion.

Wegsehen oder aufschreien?

Prinzipiell ist die Antwort ganz klar: natürlich aufschreien! In keinem Fall ist sexistische Werbung akzeptabel, da sie frauenverachtende Klischees bedient und damit ein reaktionäres Geschlechterbild zementiert. Schwierig ist es wie immer, wenn wir unsere Prinzipien und Überzeugungen umsetzen möchten. Jeder Mensch, der für Sexismus sensibel ist, weiß, wie ohnmächtig man sich manchmal ob der Masse an fragwürdigen Werbeanzeigen, Fernsehwerbungen, Zeitschriftencovern und Plakaten fühlt. Wie soll das gehen? Soll ich den ganzen Tag mit gezücktem Notizbuch durch die Gegend laufen und alles notieren, was mir an sexistischem Müll auffällt? Und dann nach Hause flitzen, mich durch die Impressen von Firmen, Verlagen, Werbeagenturen und Fernsehsendern klicken und eine Mail nach der anderen raushauen? Puuuuuh. Das ist viel verlangt, aber zum Glück sind wir ja nicht alleine auf der Welt! Terre des Femmes bietet eine gute Übersicht, wie wir mit sexistischer Werbung umgehen können. Sie verleiht dieses Jahr auch zum ersten Mal den „Zornigen Kaktus“ an die Firma mit besonders frauenfeindlicher Werbung. Die Stadt Darmstadt bietet einige vage Infos zu ihrem Umgang mit sexistischer Werbung und das Frauenbüro bietet eine Postkartenvorlage, um Beschwerden an den deutschen Werberat zu senden.

Wichtig ist vor allem eines: Es darf nicht normal und akzeptabel sein, die Darstellung hochbehackter und miniberockter Frauen, die in einer Toilettenkabine einem Typen einen blasen, zu nutzen, um was auch immer zu promoten. Es ist wichtig, sexistischer Werbung ihre Normalität und Akzeptanz zu nehmen. Wie das passiert – ob durch Beschwerdemails, der Weiterleitung der Werbung an zuständige Stellen, Aufmerksamkeit schaffen in sozialen Netzwerken oder indem man die Menschen um sich herum darauf anspricht und erklärt, warum das nicht okay ist –, ist in erster Linie gar nicht so wichtig. Hauptsache, ihr handelt!

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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5 Kommentare

  1. Marc says:

    Okt 26, 2014

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    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich hoffe weitere Medien greifen diese unsägliche Aktion auf.

  2. MATHILDE says:

    Nov 7, 2014

    Antworten

    Auch wir, die Redaktion der Darmstädter Frauenzeitschrift MATHILDE (www.mathilde-frauenzeitung.de), begrüßen diesen fem-Artikel. Wir haben auf unsere Weise auf das sexistische Plakat von RADAR reagiert: mit einem Protestbrief an den Radiosender, der auf sehr hochnäsige, unverschämte Art und Weise beantwortet wurde. Und wir haben RADAR für das Plakat den Antipreis „Stinkmorchel“ für sexistische Werbung im Raum Darmstadt verliehen. Nachzulesen in der neuen MATHILDE (Nr. 133), Heft November/Dezember 2014, auf Seite 35. Die „Gemeine Stinkmorchel“ (ein Pilz mit dem lateinischen Namen Phallus impudicus, dt. „unzüchtiger Penis“) stinkt im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Genauso wie uns das Plakat von Radio Darmstadt stinkt. Am 25. November steigt die alljährliche Fahnenaktion von „Terre des Femmes“, diesmal unter dem Motto „Nein zu sexistischer, frauenfeindlicher Werbung“ – um 11.30 Uhr vor der Sparkasse am Luisenplatz. Sie wird unterstützt vom Frauenbüro der Stadt Darmstadt. Dort können wir öffentlich Stellung beziehen gegen sexistische Werbung. Wer macht mit?

    • Kathy says:

      Nov 13, 2014

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      Liebe Mathilde-Redaktion,
      vielen Dank für euer feedback! Dass ihr eine unverschämte Antwort bekommen habt überrascht uns nicht. Bis auf ein „Danke für die konstruktive Kritik :)“ gab es keine Rückmeldung von RADAR an uns, die zeigt, dass sich die Redaktion auch inhaltlich mit der vorgebrachten Kritik befasst hat.
      Wir sind auf alle Fälle bei der Terre des Femmes Aktion dabei und melden uns demnächst per Mail bei euch!

  3. […] leichteren, dafür lokaleren Thema zu kommen: Kürzlich berichteten wir über die wenig durchdachte sexistische Werbung von Radio Darmstadt. Passend dazu und ebenfalls von einem lokalen, nämlich hessischen Sender diese… eh… […]

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