briefkastenWer in der feministischen Sphäre öffentlich eine Meinung präsentiert, die nicht deckungsgleich mit dem malestream ist, wird sehr wahrscheinlich irgendwann Adressatin beleidigender, hasserfüllter Kommentare oder Nachrichten. Auch wir. Nur wie sollen wir damit umgehen?

TW: Im Beitrag wird der Inhalt von Hassnachrichten wiedergegeben.

Anita Sarkeesian hat schon eine Vielzahl von Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhalten. Denn sie betreibt einen Video-Blog, in dem sie Filme und Computerspiele hinsichtlich ihres Frauenbildes untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Sarkeesian dürfte das prominenteste Beispiel für das sein, womit Frauen sich herumschlagen müssen, wenn sie sich nicht patriarchatskonform äußern. Zwar wissen wir alle, dass im Netz auch mal lauter diskutiert wird und dass Anonymität und Distanz dazu führen, dass die gute Kinderstube oftmals vergessen wird. Doch dass Vergewaltigungsandrohungen gegen Frauen auf Twitter fast salonfähig geworden sind, zeugt von einer Debattenkultur, die sich jenseits von Gut und Böse befindet.

Verbitterte, untervögelte Emanzen

Unser Blog besteht noch nicht lange, aber auch wir haben recht schnell Erfahrung mit Kommentaren der Kategorie „What the Fucking Fuck“ gemacht. Gängige Variante ist der Vorwurf, die Autorin sei eine „verbitterte Emanze“. Da dieser Vorwurf schon fast die Standardreaktion auf feministische Beiträge ist, empfinde ich ihn eher als eine Art Ritterschlag – frau hat also ins Schwarze getroffen.

Auch ein Dauerbrenner sind die mutmaßliche Untervögelung und chronische Trockenheit unserer Vaginas. In variabler Form ersetzen sie zuverlässig fast jedes Mal das „Liebe/Viele Grüße“, das sich unter einer Nachricht befände, die nicht von einem Menschen geschrieben wurde, der ein Problem mit gesellschaftlichem Fortschritt/der Angst vor politisch aktiven Frauen/Frauen allgemein/der Tatsache, dass wir unverdiente Privilegien des Patriarchats abschaffen wollen/Feminismus überhaupt hat.

Es sind jedoch keinesfalls ausschließlich Männer, die fragwürdige Kommentare hinterlassen. Auch Frauen äußern sich ähnlich. Kern dieser Kommentare ist die Beharrung auf Weiblichkeit bzw. das Sexy-Sein, das frau sich nicht von diesen verkrampften Feministinnen verbieten lassen will. Besonders deutlich ist dies unter den Kommentaren zu meinem Vegangsta Artikel geworden, in dem ich auf die sexistische Kunstfigur „Vegangsta“ von Kochbuchautor und Veganguru Attila Hildmann eingegangen bin.

vegangstakommentar1

Nachdem ich mich eine Weile fragte, was ein „analer Charakter“ eigentlich ist (ich war verunsichert, las ich dort Freud’sche Anklänge zwischen den Zeilen?), scrollte ich weiter, es gab ja noch mehr bezaubernde Bekundungen zu entdecken. Eine weitere Kommentatorin schrieb, dass dieser Artikel von vorgestern sei, sie über 40 sei und „ganz klar auch im höheren Alter noch jugendlich, sexy und straff sein“ wolle. Sie empörte sich weiter, dass es nicht sein könne, „dass man als emanzipierte und engagierte Frau gleichzeitig eine graue Maus sein muss. Halloooo?“

Halloooo?

An keiner Stelle haben wir (oder hat irgendein anderer mir bekannter Blog) dazu aufgerufen, eine graue Maus zu werden, auf Sex zu verzichten und auch sonst keinen Spaß mehr im Leben zu haben. Es ist schon sehr abstrus, da wir das genaue Gegenteil wollen, nämlich dass Frauen frei von gesellschaftlichen Erwartungen ihre Körper, Sexualität und Persönlichkeit ausleben können, oder kurz: einfach machen sollen, worauf sie Bock haben, egal was andere denken.

Das macht es besonders auffällig, dass immer „Weiblichkeit“ in Form von „sexueller Attraktivität“ in den Kommentaren thematisiert wird. Entweder wird sie uns pauschal abgesprochen (trockene Vaginas, schlecht gelaunt, weil untervögelt) oder andere wollen sie gegen uns verteidigen (ich bin gerne sexy). Die Motive „Untervögelung“ und „Sexyness“ finden sich immer wieder. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie Weiblichkeit in unserer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft konstruiert wird. Die britische Femistin Laurie Penny erklärt dies in „Meat Market  Female Flesh under Capitalism“ exzellent.

„We live in a world which worships the unreal female body and despises real female power where women are commanded to always look available but never actually be so, […] where we are obliged to appear socially and sexually consumable whilst consuming as little as possible […].“

Sexyness ist wichtig. Sie wird von Frauen erwartet. Sie ist elementar wichtig für die Objektifizierung von Frauen. Weil Feminismus diese Rollenzuschreibung radikal ändern will, wird alles feministische von den Profiteuren der herrschenden Ordnung als unweiblich, hässlich und männerhassend verteufelt, so als sei der Kern des Frauseins, dass irgendwelche Typen einem im Internet das Prädikat „vögelbar“ erteilen. Das Klischee der männerhassenden, spaßbefreiten und unattraktiven Feministin wird so zementiert.

„The stereotype has persisted for a reason: because it terrorises women with the fear that radical politics will destroy their sexuality and gender identity.“

Drecks-Feminazis, ekelhafte Fotzen

Kommentare und Nachrichten variieren stark in ihrem Hassgehalt, ihrer Beleidigungsintensität sowie in der Motivation der Verfasser*. Bei den obigen Kommentaren habe ich nicht reagiert (andere jedoch sehr wohl). Ich habe mit dem Beitrag ihren Lifestyle – und viel schlimmer noch, ihren Guru angegriffen. Geschenkt. Es gibt jedoch auch Nachrichten, die man nicht einfach ignorieren kann. Zum Beispiel, wenn sie Hate Speech beinhalten, also verbalisierten Hass (und Aufrufe zur Gewalt) gegen marginalisierte Personen oder Gruppen mit dem Ziel, diese zum Schweigen zu bringen bzw. auszugrenzen. Ein Exemplar dieser Art ist vor Kurzem in unser Facebook-Postfach geflattert. Die Nachricht bezieht sich weder auf einen konkreten Artikel, noch ist uns der Verfasser aus irgendeinem Zusammenhang bekannt.

fbnachricht

Feminazis? Ekelhafte Fotzen? Ich tippe auf Frauenhass, ob akut oder chronisch lässt sich leider über die Ferne nicht sagen. Was sich jedoch sagen lässt, ist dass Hate Speech nichts, aber auch gar nichts mit freier Meinungsäußerung oder sachlicher Kritik zu tun hat.

Und nun?

Jetzt kommen wir jedoch zum Hauptproblem. Wie mit sowas umgehen?

Die kurzfristig einfachste Reaktion ist Nichtstun. Die Trolle nicht füttern. Manch einer würde auch sagen, sowas verdient doch gar keine Antwort, wir sollten das nicht durch eine Reaktion auch noch aufwerten und legitimieren. Obwohl ich verstehen kann, dass man nicht mit dem drölfzigsten Idioten auf Facebook eine abendfüllende Diskussion über die Gleitfähigkeit der eigenen Sexualorgane führen will, gibt es auch Kommentare und Nachrichten, die wir so einfach nicht stehen lassen können. Denn wann immer wir uns entscheiden, nichts zu tun, unterstützen wir implizit eine Netzkultur, in der verbalisierter Hass gegen Frauen salonfähig wird.

Zynismus ist eine gute Möglichkeit, die Absurdität eines Kommentars sichtbar zu machen. So könnten wir dem Verfasser zum Beispiel versichern, dass besagte Vaginas sich bester Feuchtigkeit erfreuen und auch sonst ein recht freudvolles Dasein pflegen. Einerseits erlangen wir damit ein kleines Stück Deutungshoheit über die eigenen Vaginas wieder, andererseits bestimme ich gerne selbst, wann ich mit wem meine Vagina diskutiere.

Da in den Augen vieler Sexismus gar nicht mehr existiert, ist das Sichtbarmachen solcher Kommentare enorm wichtig, um die Realität zu verbreiten, vor der so viele die Augen schließen. Am einfachsten ist es, einen Screenshot mit verpixeltem Namen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die australische Gaming-Journalistin Alanah Pearce ging einen Schritt weiter. Sie begab sich auf die Suche nach den Müttern der nicht volljährigen Nachrichtenschreiber und leitete ihnen die Nachrichten ihrer Söhne weiter.

Vielleicht hilft das auch bei Erwachsenen? Manche mögen das infantil finden, ein wenig erinnert es auch an Petzen bei Mama. Aber denkt man diese Herangehensweise weiter, könnte sich aus ihr vielleicht auch eine moralische Pflicht ergeben. Ist Frau vielleicht als Feministin rein aus Solidarität verpflichtet, der etwaigen Partnerin eines solchen Nachrichtenverfassers mitzuteilen, wie es um das Frauenbild des Angebeteten wirklich steht?

Frau muss sich jedoch auch nicht mit allem direkt auseinandersetzen. Hate Speech ist kein Straftatbestand. Die Nachricht, die wir bei Facebook erhalten haben, geht jedoch stark Richtung Beleidigung. Manches von dem, was einem an Hass entgegengebracht wird, kann angezeigt werden. Wer sich jetzt denkt, dass man wegen so einer kleinen Lappalie im Internet doch niemandem wirklich Probleme machen kann, sollte sich Folgendes vergegenwärtigen: Das Netz ist kein rechtsfreier Raum. Wenn mir jemand in der Kneipe obigen Inhalt an den Kopf werfen würde, wäre das nichts anderes. Wenn politisch aktive Menschen, die das Netz als Raum für Austausch und Diskussion nutzen, von Menschen eingeschüchtert oder ausgegrenzt werden, die in keiner Weise an qualifiziertem, sachlichem Austausch interessiert sind, sondern lediglich der Meinung sind, ein Anrecht auf die Verbreitung ihrer Hassnachrichten zu haben, dann ist es dringend geboten, daran etwas zu ändern.

Ob und wie man reagiert, ist aber immer eine Sache der Abwägung und des persönlichen Befindens. Ich glaube zwar, dass wir als Feministinnen anderen Frauen zur Solidarität verpflichtet sind, woraus sich die Verpflichtung ergibt, hassversprühenden, misogynen Zeitgenossen Einhalt zu gebieten. Dies kann sehr anstrengend und belastend sein, Auszeiten sind wichtig. Unsere patriarchale Gesellschaft fördert Misogynie, sodass die Bekämpfung jedoch ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, das nicht einfach auf die Schultern von einigen wenigen abgeladen werden kann.

Wir sind sehr interessiert daran zu erfahren, wie andere aktive Bloggerinnen oder sonst wie im Internet Aktive mit solchen Kommentaren oder Nachrichten umgehen. Was habt ihr bekommen? Und viel wichtiger, wie seid ihr damit umgegangen? #postanfeministinnen

 

Zum Weiterlesen:

http://blogs.faz.net/10vor8/2015/01/30/die-stalker-die-ich-rief-3656/

http://www.derkeineunterschied.de/besserer-umgang-mit-hate-speech-ideen-zur-abwendung-feminist-burnout/

http://missy-magazine.de/2015/03/13/hass-im-netz/

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/hatespeech/

 

Foto: Marco Bellucci

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

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