Foto: Suzi Walker

Gabe der Natur. Sind Frauen bessere Erzieherinnen und Pädagoginnen als Männer? Rene sieht das nicht so.

Eine Unterhaltung mit einer Freundin. Wir haben uns lange nicht gesehen, ihr Studium neigt sich dem Ende. Also frage ich, was sie danach machen will. Ihre Antwort: „Die Eigenschaft zum Beruf machen.“ Ich überlege ergebnislos, von welcher Eigenschaft sie da spricht. Aber sie löst das Rätsel sofort auf: Tagesmutter will sie also werden. Warum auch nicht? Es spricht prinzipiell nichts dagegen. Allerdings entwickelt sich die weitere Unterhaltung für mich zunehmend zum Problem.

Die Begründung, warum gerade dieser Berufswunsch, macht mich sprachlos. Weil sie Mutter ist, habe sie die Kompetenz, mit kleinen Kindern klar zu kommen und dem Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag gerecht zu werden: rausgehen, Windeln wechseln, Kinder bespaßen, entwickeln und fördern. Sie ordnet der Mutterrolle entsprechende Attribute der Fürsorge zu.

Qualifikation Mutter?

Meine Freundin ist kein Einzelfall. Immer wieder erlebe ich es, dass Bekannte, Verwandte, Werbetreibende und sogar Politiker Mütterlichkeit nicht nur inszenieren, sondern sogar naturalisieren. Vor allem in Bezug auf bestehende Qualifikationsanforderungen kann eine solche Begründung sich in Szene setzen, denn die Ausbildung zur Tagesmutter ist an keine Ausbildungsqualifikation geknüpft. Nur vertiefende Kenntnisse in der Kindertagespflege nach dem SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) sind notwendig, die Frauen in einer Schulung erwerben können. Eine Professionalisierung im Sinn von differenzierter Qualifikation, spezialisiertem Wissen und Autonomie der Berufsausübung ist hier offenbar abdingbar.

Und dennoch verhilft die Gleichsetzung von Mütterlichkeit mit Fürsorge zu einer quasi Monopolisierung der eigenen Handlungskompetenz. Sind demnach alle Nicht-Mütter unfähig für Sorgetätigkeiten? Leiste ich als Mann schlechtere Erziehungs- und Bildungsarbeit weil die Natur mich daran hindert?

Geistige Mütterlichkeit als Emanzipationsbegriff

Es hat Tradition, diese Kompetenzen begrifflich der Mutterschaft zuzuordnen. Aufklärerische Erziehungskonzepte für Mädchen und Frauen Anfang des 19. Jahrhunderts betonen die Rolle der Frau und ihren gesellschaftlichen Wert als Mutter und Haushälterin. Hinlänglich bekannt ist zudem, dass die Mutterrolle in konservativen Familienbildern mystifiziert wurde, die ihren negativen Höhepunkt im Mutterkult der Nationalsozialisten gefunden hat.

Ich möchte allerdings an eine andere Strömung erinnern: Das Konzept der „geistigen Mütterlichkeit“ hat die gemäßigte-bürgerliche Frauenbewegung (begründet unter anderen von Jeanette Schwerin, Alice Salomon, Henriette Schrader-Breymann) im deutschen Kaiserreich etabliert. Sie wollte eigene Lebensentwürfe jenseits von Privatheit (Ehe und Familie) durchsetzen und ihre gesellschaftliche Anerkennung.

Dabei hat die Bewegung das Prinzip der Mütterlichkeit vom Biologismus des Kindergebärens entkoppelt und allen weiblichen Gesellschaftsmitgliedern zugesprochen. Sie hat die Mütterlichkeit zur Wesensmäßigkeit der Frau erklärt, vor allem um den spezifischen Gegensatz zum „männlichen Wesen“ herauszustellen. In einem organischen Gesellschaftsbild war es Aufgabe der Frauen, ein öffentliches Korrektiv zur männlich (kapitalistischen) dominierten Kultur darzustellen. In diversen Schriften, Vorträgen, Vereinigungen stellte die bürgerlich-gemäßigte Frauenbewegung den gesellschaftlichen Wert der genuin weiblichen Schaffenskraft heraus. Dieser Wert lag demnach vor allem in erzieherisch-helfenden Tätigkeiten als Ehrenamt. Was sich letztendlich auf einen Begriff bringen ließ: Sozialarbeit

Prekäre Verberuflichung

Das konstitutive Zusammenspiel von Sorgetätigkeiten und Emanzipation in der bürgerlichen Frauenbewegung hatte nicht die erhofften Wirkungen, Sozialarbeit wandelte sich zunehmend. Die Veränderung der Trägerschaft hin zu verbandlich-bürokratischer Organisation (spätestens seit der Verabschiedung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes 1922) begrenzte die emanzipatorisch-kritischen Perspektiven: Es etablierte sich ein gesellschaftlich repräsentatives Verhältnis. Männer hatten Weisungsbefugnis in Leitungspositionen, Frauen gingen (schlecht bezahlten) praktischen Tätigkeiten nach.

Mir geht es an dieser Stelle um keine historische Bilanzierung. Auffällig ist jedoch die Beharrlichkeit jener historischen Verortung von weiblicher Fürsorgequalität. Frauen bewerten sich oft in ihrer Einzigartigkeit als mütterlich. Darin besteht ihre Qualität. Doch wie damit umgehen? Mühelos lassen sich Einwände gegen diese Zuschreibung zusammentragen: Die Kopplung von Geschlechtlichkeit an Fürsorge zementiert die Zweiteilung in (bezahlte) Produktions- und (unbezahlte/schlecht bezahlte) Reproduktionsarbeit. Sie fügt sich somit in bestimmte Macht- und Ungleichheitsverhältnisse ein.
Warum ist dieses kulturelle Muster so schwer zu durchdringen? Sozialisation? Undurchschaubare Zwangsverhältnisse? Zu oben genannter Sprachlosigkeit gesellt sich Ratlosigkeit, wie wir mit solchen persönlichen Zuordnungen angeblich geschlechtsspezifischer Eigenschaften umgehen sollen.

Professionalisierung und Qualifizierung?

Die Befunde des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind eindeutig. An der geschlechtsspezifischen Trennung von Berufen hat sich auch in den letzten Jahren wenig getan. Sie findet ihren kulturellen Ausdruck darin, dass wir Fähigkeiten und Charaktereigenschaften einem bestimmten Geschlecht zuordnen. Eine Möglichkeit, diese Verschmelzung von Charakter, Fähigkeit und gesellschaftlichem Wert zu durchbrechen, könnte eine radikale Professionalisierung sein. Hohe formale Qualifizierungsanforderungen stellen eine Möglichkeit dar, der Geschlechtsrhetorik zu begegnen. Denn Qualifikationen kann jeder erwerben. Sie sind nicht angeboren, schon gar nicht an ein Geschlecht gekoppelt.

Das Gespräch mit meiner Freundin jedenfalls endete mit einer richtigen, zugleich falschen Feststellung: Ich bin keine Frau und Mutter, kann das ganze deswegen nicht richtig beurteilen. Stimmt, Mutter werde ich nie sein. Aber wenn ich es wollte, ein guter Erzieher, Pädagoge, Tagesvater. Mit fachlichem Urteilsvermögen.
Foto: Suzi Walker

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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8 Kommentare

  1. Constanze says:

    Jan 26, 2015

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    Ich kann mich noch gut an Kommentare wie „Das ist aber Nichts für Frauen.“ und „Willst du nicht lieber Bankkauffrau werden?“. Hat nichts mit Mutter sein zu tun, setzt die Argumentation im Text aber fort. Frauen haben Frauenberufe auszuführen: (Grundschul-)Lehrerin, Sozialversicherungsangestellte, Sekretärin, Kauffrau,… Ich wollte allerdings Physik studieren.

  2. Romy says:

    Jan 26, 2015

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    @Constanze: Unser Klassenlehrer in der 5. und 6. Klasse hat einmal zu uns gesagt, dass er nicht verstünde, warum unsere Eltern uns Mädchen aufs Gymnasium schicken würden. Wir würden später doch sowieso Kinder kriegen und zu Hause bleiben – und dafür brauche man weder Abitur noch Studium. Ich kanns bis heute nicht fassen, dass so ein Depp auf Kinder losgelassen wurde.

  3. Constanze says:

    Jan 27, 2015

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    Wir haben spezielle Aufgaben für Frauen bekommen. Bei Optik mussten wir das Verhalten des Lichts in einem Rubin berechnen. Ist ja ein schöner Schmuckstein.

  4. Diana says:

    Jan 30, 2015

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    Schöner Artikel!
    Hast du diejenige gefragt, wie ihre Argumentation der „natürlichen Kompetenz“ umgekehrt funktioniert? Wenn Frauen (passendes Geschlecht), welche Kinder haben (Mutterrolle erfüllt), die jedoch offensichtlich/nachweislich oder wie auch immer, als Person, die sich um ihre oder auch andere Kinder kümmert, ungeeignet erweisen? Was ist dann mit der natürlichen Mütterlichkeit?
    Dein Plädoyer für hohe Qualifizierungsanforderungen finde ich gut.

  5. Rene says:

    Jan 30, 2015

    Antworten

    Liebe Diana!
    Vielen Dank für die Einschätzung. Zu deiner Frage: Erstens, eine wichtige. Zweitens, persönlich wurde das nicht besprochen. Ich würde aber sagen, es gibt eine Argumentationslinie bei solchen „Fällen“. Gesellschaftliche Umstände (Armut, Drogen, Sozialisation…) sind dann in vielerlei Hinsicht „schuld“ am Mangel von Fürsorge. Das das prinzipiell ein Widerspruch zur Naturalisierung/Biologisierung ist, wird oft nicht bemerkt.

  6. […] Alleinverdieners, obwohl sie es ablehnen. Gründe kann es dafür viele geben: Ob nun die Kinderbetreuungssituation, die Arbeitswelt an sich (Stichworte Teilzeitarbeit, Wiedereinstieg und Lohnunterschiede), das […]

  7. Valeria says:

    Mai 19, 2015

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    Das Thema finde ich sehr interessant. Die richtige Frage stellst du selbst: „Warum ist dieses kulturelle Muster so schwer zu durchdringen?“. Eine echte Emanzipation der Frauen ist, meiner Meinung nach, noch scheinbar. Die von Männern dominierende gesellschaftliche und politische Leitungspositionen spielen sicher eine große Rolle, trotzdem sind die Frauen selbst die verantwortlich für das Begehen ihrer beruflichen und sozialen Ungleichheit. Solange sie behaupten, dass eine Frau aus biologischem Grund zur Erziehungs- und Bildungsarbeit geeigneter als ein Mann ist (aber nicht nur, das Verzeichnis von „weiblichen“ Berufen ist lang), wird kein Durchbrechen der aktuellen einschränkenden Zuordnung sein. Muttersein bedeutet es nicht notwendigerweise eine gute Erzieherin zu sein, und vor allem, die Fähigkeit für mehrere Kindern gleichzeitig zu sorgen. Eine Ausbildungsqualifikation in diesem Bereich finde ich notwendig, nicht nur um Geschlechtsunterscheidungen zu vermeiden, sondern auch um kompetente Pädagogen im Arbeitsmarkt zu haben.

  8. […] gehen wollen. Die jungen Frauen wollen zu über 90 Prozent „was mit BWL oder Menschen“ machen. Weil es ja ihrem Naturell entspricht. Die Antworten der jungen Männer kann sich die Leserin* […]

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