Pinkstinks; Foto: Florian SchwarzAm 11. Oktober ist internationaler Mädchentag! Eigentlich ein schöner Gedanke, findet Autorin Nadia. Doch im vergangenen Jahr war er vor allen Dingen Anlass, öffentliche Gebäude in Deutschland pink anzustrahlen.

Als ich vor genau einem Jahr an einem kühlen Abend durch Darmstadts Innenstadt lief, sprang mir etwas Ungewöhnliches in Auge. Das Kongresszentrum Darmstadtium erstrahlte in völlig neuem Licht – genauer gesagt in pinkem.

Was ich anfangs für eine Werbeaktion der Telekom hielt, hatte aber einen viel tieferen Sinn: Das Kinderhilfswerk Plan und die Verantwortlichen vom Darmstadtium wollten ein Zeichen für Mädchenrechte setzen. Anlass war der Weltmädchentag.

 

Zum Sinn des Weltmädchentags

Dieser Tag soll auf die Diskriminierung von Mädchen und jungen Frauen aufmerksam machen und Staaten sowie internationale Organisationen dazu anhalten, aktuelle Entwicklungen zu verfolgen. Von der UN-Generalversammlung im Dezember 2011 beschlossen, findet er dieses Jahr zum dritten Mal statt.

Auch wenn der Resolutionstext selbst ziemlich knapp ausfällt, werten Politik und zahlreiche NGOs den Weltmädchentag doch als Zeichen dafür, dass sich allmählich ein Bewusstsein für die schwierige Situation von Mädchen in der Welt entwickelt. Dass es da noch einen enormen Handlungsbedarf gibt, ist mehr als offensichtlich – ob es nun darum geht, den Zugang zu Gesundheitsleistungen und Bildung zu verbessern oder Kinderehen und weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen.

Das Risiko, dass ein Mädchen an Mangel- oder Unterernährung leidet, ist dreimal so hoch wie bei einem Jungen. 70 Prozent der 130 Millionen Kinder, die keine Schule besuchen, sind Mädchen. Jährlich werden außerdem weltweit über 1,7 Millionen Mädchen vor dem 15. Lebensjahr verheiratet und 50.000 Minderjährige sterben jedes Jahr an den Folgen einer Schwangerschaft. Und im Anschluss an Katastrophen sind es Mädchen und junge Frauen, die besonders stark von negativen Folgen wie Flucht und Vertreibung betroffen sind und einen schlechteren Zugang zu humanitärer Hilfe haben.

Selbst hier bei uns, im privilegierten Deutschland, sollten wir Mädchen nicht nur durch eine rosarote Brille (fünf Euro in die Wortspielkasse) sehen, denn auch hier werden Mädchen und Jungen nicht gleich behandelt. Familie und Gesellschaft bringen Mädchen bei, sich lieb und brav zu verhalten, während Jungen stark und selbstbewusst sein sollen. Wer diese subtilen Hinweise nicht verinnerlicht, wird spätestens durch die Spielzeugindustrie aufgeklärt: Mädchen sind keine Heldinnen, sie backen viel lieber Kuchen oder lackieren sich die Nägel.

 

Zum Unsinn des Weltmädchentags

Auf all diese Missstände soll der Weltmädchentag aufmerksam machen, doch hat seine öffentliche Darstellung noch einige Tücken. Warum etwa ist die vorherrschende Farbe der Kampagne „Because I am a Girl“ ausgerechnet Pink?

Auf der Internetseite von Plan findet gibt es hierzu tatsächlich eine kurze Begründung. Darin heißt es:

Mit der Farbe Pink will Plan ein Zeichen setzen und diese neu besetzen. Steht ein pastelliges Rosa vor allem für Lieblichkeit und Romantik, hat das kräftige Pink der Because I am a Girl-Kampagne eine starke Signalkraft und vermittelt Power, Lebensfreude und Mut zur Offensive – genau das, was benachteiligte Mädchen zusätzlich motivieren kann, für ihre Rechte zu kämpfen.“

Für sich betrachtet ist dies sicherlich ein löblicher Ansatz, doch liegt das Problem mit Pink nicht nur in der Abgrenzung von Romantik und Lieblichkeit. Pink ist längst zu einem Symbol für die Übermittlung sexistischer Frauenbilder geworden ist, eine Entwicklung auf den unter anderem die Anti-Pinkifizierungskampagne Pinkstinks hinweist. Die Erklärung von Plan geht darauf jedoch nicht weiter ein. Bis auf die Sängerin Pink und die Gulabi-Gang in ihren pinken Saris, fallen mir tatsächlich kaum starke und selbstbewusste Mädchen und Frauen in Pink ein. Vielmehr symbolisiert die Farbe, dass Mädchen und Frauen anders behandelt werden, und ist deshalb nicht mit dem Ziel des Mädchentags vereinbar. Es ist mehr als bedenklich, dass eine Kampagne, die das Ziel verfolgt, Geschlechterstereotype zu überwinden, sich dieser offensichtlich bedient.

Und dann all diese Aktionen zum Weltmädchentag, die sich nur auf die Lage von Mädchen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen dieser Welt beziehen. Ein Großteil der Fotos, die aus Anlass des Weltmädchentags veröffentlicht werden, zeigen eben nicht die Mädchen, die uns im Alltag begegnen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, es handle sich um ein Problem der „Dritten Welt“. Oft habe ich das Gefühl, es gehe nur um Regionen mit unaussprechlichen Namen, in denen arme Mädchen mit dunklen Kulleraugen schon immer benachteiligt wurden.

Natürlich geht es auch um sie. Aber wir müssen unseren Blick etwas erweitern, weil wir nur so dem Anspruch eines WELTmädchentages gerecht werden. Dabei geht es nicht darum, Muster und Formen von Gewalt und Diskriminierung zu vergleichen oder gar zu relativieren.

Wir müssen Diskriminierung von Mädchen und jungen Frauen hierzulande thematisieren und ernsthaft diskutieren! Auch wenn es unbequemer wird, als sich gegen Kinderehen auszusprechen, müssen wir uns eingestehen, dass Sexismus auch bei uns noch längst an der Tagesordnung ist. Vielleicht würde dies ja letztendlich auch dazu führen, dass das Darmstadtium in Zukunft in einer anderen Farbe erstrahlt.

 

Foto: Florian Schwarz

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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