Foto: Bonnie Ratliff, TheShapeofaMotherInga wollte eigentlich eine Liebeserklärung an ihren Mutterkörper schreiben. Sie hat es nicht geschafft.

„Wie hat sich euer Körpergefühl verändert, seitdem ihr Mutter seid?“ – das fragt Bettina von „Das frühe Vogerl“ und ruft damit eine Blogparade zum Thema #mutterkoerper aus. Bisher sind glücklicherweise ein paar weise, empowernde Blog-Einträge entstanden. Dieser Text ist mein Beitrag dazu. Aber leider ist das, was ich zu sagen habe, nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte:

Oh, wie schön ist Schwangerschaft

Meine Schwangerschaft begann mit der bekannten Übelkeit, die sich bei mir durch Erbrechen ins Auto, ins Kinoklo und in den Vorgarten der Kegelschwester meiner Mutter bemerkbar machte. So weit, so gewöhnlich. Davon hatte ich ja vorher gehört.

Was ich aber nicht gewusst hatte, war, dass ich dauerhaft Sodbrennen haben würde, dass Treppensteigen quasi ab Woche 3 zu Bergsteigen mit 30 Kilo Gepäck werden würde, dass Liegen prinzipiell unmöglich und ich gleichzeitig am liebsten nur noch schlafen wollen würde. Und das Traumatischste: dass sich meine Libido verabschieden würde – und zwar für die gesamte Schwangerschaft und auch die Stillzeit. Ich hatte einfach nahezu keine Lust mehr. Kuscheln wunderbar, doch Streicheleinheiten, die allzu eindeutig in Richtung Sex gingen, fühlten sich wie unangenehmes Kitzeln an. Meine Milchbrüste empfand ich rein als funktional. Schon allein die stillschweigende Gewissheit, dass mein Partner mit mir schlafen wollte, belastete mich und auch unsere Paarbeziehung. Das ist nicht bei jeder Frau so, bei manchen führt der veränderte Hormonspiegel gar zu Dauerlust – aber es gibt viele, die Gleiches erlebt haben und erleben. Mein Sexleben ist bis heute davon geschädigt, weil es mir manchmal immer noch schwer fällt, mich gehen zu lassen, aus Sorge dass es nicht klappen könnte und keine Lust aufkommen könnte. 

All diese Dinge waren zwar erträglich. Aber während eine befreundete Mutter sich angesichts meines Babybauchs wünschte, wieder schwanger zu sein, nur weil sie den Status so schön fand, sehnte ich den Tag herbei, an dem es vorbei sein würde.

Der Spaziergang Geburt

Und dann die Geburt – die laut einer anderen Freundin, deren Kinder alle per Kaiserschnitt kamen, ein „Spaziergang“ war. Der Kopf meines Kindes war überdurchschnittlich groß und wollte nicht ins Becken rutschen. Nach einer Woche kräftezehrenden Wartens spritzte man mir ein Gel in die Vagina, „das den Körper sanft daran erinnern soll, dass er mal loszulegen hat“, wie es die Krankenhausgynäkologin beschrieb. Das Gel erinnerte ihn so heftig, dass ich mir eine Stunde später die Seele vor Schmerzen aus dem Leib kotzte. Kurz darauf verpasste man mir eine sogenannte PDA, eine Spinalanästhesie in der Nähe des Rückenmarks, nach der ich mich wie berauscht fühlte.

Nach ein paar Stunden Atmen und Pressen und Schmerzen dann Geburtsstillstand – „der Punkt, wo es einfach nicht mehr weitergeht“, erklärte die Hebamme. Sie rief die Gynäkologin, die eine weitere Stunde auf sich warten ließ, in der ich ein bisschen Sport mit der Hebamme und meinem Mann machte. Danach hebelte eine andere Ärztin während einer Wehe mit all ihrem Gewicht ihren Ellbogen in meinen Bauch. Was der Grund dafür sein dürfte, dass links vom Bauchnabel heute viel mehr Schwangerschaftsstreifen zu sehen sind als rechts. Aber es ging immer noch nicht weiter. Mit der nächsten Wehe, hebelte sie wieder, gleichzeitig schnitt mir die Hebamme den Damm zwischen Vagina und After ein und die Gynäkologin zog den Kopf meines Kindes mit einer Saugglocke heraus.

Während ich auf meinem Bett aus dem Kreissaal gefahren wurde, merkte die Hebamme an, wie gut ich durchgehalten hätte – sie habe es nicht oft, dass die Frau nicht ein einziges Mal sagt, dass sie nicht mehr will. Und ich dachte in meiner grenzenlosen Naivität, damit sei alles durchgestanden.

Friede, Freude, Wochenbett

Doch drei Tage später bekam ich heftige Kopfschmerzen, aus denen krasser Schwindel, ein Tinnitus und ein Echo im Ohr wurden. Ich war mit meinem Kind allein in der Kinderklinik und hatte große Angst, es fallen zu lassen. Bis ich herausfand, dass diese Symptome Nebenerscheinungen der PDA sind, die sehr häufig vorkommen, und vor allen Dingen, dass sie mehr oder weniger dadurch behoben werden, dass man sich in die Horizontale begibt, gingen drei Tage ins Land – denn in der Kinderklinik, die neben dem Geburtskrankenhaus liegt und die auch durch einen unterirdischen Gang verbunden sind, dürfen die Ärzte des Krankenhauses niemanden behandeln. Danke auch Bürokratie.

Während ich mich mit solcherlei Dingen beschäftigte, beschäftigte meine Besucher vor allen Dingen eins: dass ich immer noch schwanger aussah und nach wie vor einen immens großen Bauch vor mir her trug. Meine Mutter etwa sagte, sie habe nach ihren drei Geburten nicht so ausgesehen, ob das normal sei. Meine Schwester merkte an, dass ich „wie eine Ente“ watschelte – klar, ich hatte eine dicke frische Naht im Schritt, die mir für die nächsten paar Monate Schmerzen beim Sex und die generelle Sorge bereiten würde, dass etwas falsch zusammengenäht sein könnte. Außerdem blutete ich so stark, dass ich Binden in der Größe eines Hackbraten tragen musste, um nicht auszulaufen. Dieser sogenannte Wochenfluss sollte für ganze acht Wochen nicht aufhören.

Schwangerschaft und Geburt sind Mittel zum Zweck

Warum ich das alles erzähle? Weil es Dinge sind, die ich vorher nicht gewusst habe, und es mir gehörig auf den Geist geht, dass Schwangerschaft und Geburt so verherrlicht werden, ohne dass irgendjemand ins Detail geht. Es. Ist. Kein. Spaziergang. Vermutlich für keine Frau, sicherlich für einige auch noch weniger als für mich. Ich würde es zwar noch mal mitmachen, um ein Baby zu bekommen, aber ich freue mich nicht darauf, wieder derart eingeschränkt und unwissend zu sein.

Und ich frage mich, wie es sein kann, dass wir als Frauen so ahnungslos sind. Warum reden wir nicht mehr miteinander über diese Dinge? Von Mutter* zu Tochter*, von Freundin* zu Freundin*? Warum lehrt man es uns nicht in der Schule? Warum gehört das nicht zur sexuellen Aufklärung? Katja von Krachbumm schreibt in ihrem Beitrag zur Blogparade #mutterkoerper von dem Wunder, das unsere Körper vollbringen, und wie dankbar sie ist, dass dieses Wunder sie und ihr Kind auf ewig verbinden wird. Ich verstehe, was sie damit meint, aber ehrlich: Ich würde darauf verzichten, wenn ich könnte. Wenn ich ein eigenes Kind bekommen könnte, ohne durch diese Strapazen zu müssen, wäre ich sofort dabei. Und nicht selten habe ich meinen Mann beneidet, der dabei sein konnte, wie der Embryo langsam zum Baby gedeiht, ohne selbst schwanger sein zu müssen. Manche Frau wird mir hier widersprechen, aber für mich ist meine weibliche Anatomie diesbezüglich kein Privileg.

Kommen wir zum After-Baby-Body

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, um die es bei der Blogparade #mutterkoerper wirklich gehen soll. Nämlich darum, dass unsere Körper nach der Geburt/den Geburten immer noch schön oder besser erst recht schön sind.

„Und jeder Zentimeter Haut, der mehr bleibt, als vorher war, jede Veränderung und jede Narbe ist es wert und soll mich für immer daran erinnern, dass du wunderbares Wesen in mir gewohnt hast, auch wenn du irgendwann längst ausgezogen bist. Diesen Körper werde ich nie verachten oder bemäkeln. Er ist wunderschön – so wie du“,

schreibt Katja von Krachbumm weiter. Natürlich hat sie Recht. Mutterkörper sind wunderbar (wie Körper übrigens überhaupt) und es ist grausig, wie sie von Boulevardblättern, aber auch den Augen der Gesellschaft beurteilt und verurteilt werden. Ich wünschte nur, ich könnte aus meiner Haut raus, die so sehr von diesen Medien und dieser Gesellschaft geprägt ist.

„Ich habe neulich zum ersten Mal von diesem Wort ‚After-Baby-Body‘ gehört“, erzählte mir mein Exfreund neulich, als wir uns auf einer Party einer gemeinsamen Freundin trafen. „Läuft bei dir“, sagte er dann und stieß mit seiner Bierflasche an meine. Wir stehen uns immer noch nahe, sodass diese Äußerung mir in diesem Moment nicht übergriffig vorkam. Nein, sie füllte mich sogar mit einem obskuren Stolz – aber sie hallt trotzdem bis heute in mir nach.

Warum nur fühlt sich jeder bemüßigt, seit der Geburt das Aussehen meines Körpers kommentieren zu müssen? Egal wo ich gehe und stehe, habe ich das Gefühl, dass Augen auf mir ruhen, die begutachten, was sie sehen. Und so sehr ich möchte, dass mir das scheißegal ist, es ist mir nicht scheißegal. Einerseits trage ich meine Schwangerschaftsstreifen mit Stolz durchs Freibad, andererseits vergleiche ich meinen Körper nun insgeheim mit den Körpern anderer Frauen, die am Kinderbeckenrand sitzen. Einerseits propagiere ich, dass Körper, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, mehr ins Rampenlicht rücken müssen, andererseits ziehe ich fast jeden Tag einen Bauchwegschlüpfer und einen Form-BH an, um die labbrige Haut und die neuerdings leicht hängenden Brüste zu kaschieren.

Ich hasse mich und diese Gesellschaft dafür, dass ich all diese Komplexe habe. Wie viel beschissene Zeit meines Lebens ich damit verbracht habe, vor dem Spiegel zu stehen und Teile von mir zu verachten. Und wie viel beschissene Zeit dafür auch weiterhin draufgehen wird. Denn dass mein Körper nun ein Mutterkörper ist, hat leider nichts daran geändert. Ich glaube sogar, das hat es noch extremer gemacht, weil ich mir noch beobachteter vorkomme als vorher, weil Komplimente heute immer irgendwie mit einem „trotz der Schwangerschaft und der Geburt“ einhergehen und weil kein Kompliment nun auch eine Aussage zu sein scheint.

Ein paar Sätze zum Schluss

Ich fürchte, das alles ist wenig empowernd und das tut mir leid! Doch ich glaube, viele Frauen finden sich leider in meinen Schilderungen wieder – auch wenn wir all das viel zu selten anprangern, sondern es meist als gegeben hinnehmen. Es braucht mehr Leute, die die Vielfalt unserer (Mutter-)Körper sehen, wie sie ist: wunderbar. Ich übe mich darin, so jemand zu werden.

 

Foto: Bonnie Ratliff, The Shape of a Mother

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger BeitragWeibliche Pflichten Nächster BeitragRechte Mütter, Trostfrauen, #pinkviagra & Other Stories

8 Kommentare

  1. Julia says:

    Aug 17, 2015

    Antworten

    Danke dir für deine Worte. Mir gefällt deine Ehrlichkeit. Mir ging es im Wochenbett gar nicht gut, obwohl ich gedacht habe ich bin gut vorbereitet – unterbewusst habe ich mir wohl auch immer gedacht ich bin dann eine von den Mamas, die das Kind im Vorbeigehen bekommen und dann 2 Tage später schon ein Fest schmeißen. Leider ist das auch das Bild, dass viele Frauen von Schwangerschaft und Geburt bekommen, gut dass wir darüber schreiben.

    Zum Thema Körper fällt mir noch folgendes Gedankenexperiment ein, dass ich immer wieder mache: Bin ich mehr als mein Körper? Was und wer bin ich noch? Was wäre anders wenn ich anders aussehen würde? Was wünsche ich mir, dass anders wäre? Was will ich eigentlich? Und brauch ich das wirklich oder ist es vielleicht schon da?

    Alles Liebe, Julia

    • Inga says:

      Aug 19, 2015

      Antworten

      Dank dir! Auch für den Tipp mit dem Gedankenexperiment. Es stimmt, wenn man mal kurz versucht, alles objektiv zu betrachten, sieht die Welt schon ganz anders aus.

  2. Jessi (Terrorpüppi) says:

    Aug 17, 2015

    Antworten

    Ein wundervoller Text, wenngleich ich mich nicht in ihm wiederfinde. Doch du hast vermutlich vollkommen recht damit, dass sich sehr viele Frauen darin wiederfinden werden. Wie Schwangerschaft und Geburt erlebt wird, variiert ja schon erheblich, gleiches gilt für die Körperwahrnehmung vor der Schwangerschaft. Wieso sollten da alle Frauen ihre Körper nach der Schwangerschaft lieben? In einer Welt, in der auf den menschlichen Körper so sehr fokussiert wird – im Guten wie im Schlechten.

    Ich wünsche dir, dass du es schaffst, Frieden mit deinem Körper zu schließen.

    Lieben Gruß Jessi

  3. Anna says:

    Aug 17, 2015

    Antworten

    Danke für diesen ehrlichen Text Inga. Obwohl in die Geburt und Mamakörper noch vor mir habe (und grade noch ganz gerne in der „die kommen schon alle irgendwie raus und so schlimm wirds nicht“-Wolke fliege), hätte ich diesen Text in den ersten Monaten meiner Schwangerschaft gut gebrauchen können. Da waren nicht selten Gedanken, dass ich irgendwie falsch sei, weil ich grade nicht vor Glück platze, sondern eine lange Zeit klar kommen und den Gedanken an Veränderung annehmen musste. Damit einhergehend auch die plötzliche Veränderung meines Körpers, Kontrollverlust, Alien-Gefühle. Mittlerweile pendelt sich alles ein – aber über solche Gedanken wird viel zu selten geschrieben und gesprochen. Danke dafür. <3

  4. Frische Brise says:

    Aug 18, 2015

    Antworten

    Wie wahr, danke!

    Ich war immer sehr gerne schwanger, finde aber auch Gedanken von mir in Deinem Text.

    Alles Gute Dir!

  5. Inga says:

    Aug 19, 2015

    Antworten

    Vielen Dank für all die netten Worte!

  6. leanique says:

    Aug 31, 2015

    Antworten

    Hallo, ich kann dir nur beipflichten in deinen Worten! Die „Schattenseiten“ von Schwangerschaft und Geburt werden meiner Meinung nach wirklich viel zu wenig im Gespräch thematisiert. Meine erste Tochter habe ich in den USA bekommen. Dort habe ich es als ganz normal erlebt, dass über die Geburt und all ihre möglichen Facetten zwischen Frauen (und je nach Typ sogar auch zwischen Frauen und Männern) offen gesprochen wird. Zwischen sehr vertrauten Frauen werden sogar Fotos von der Geburt gezeigt. Als ich, zurück in Europa, ganz stolz meiner engsten Freundin das eine oder andere Geburtsfoto zeigen wollte, ist mir nur Befremden entgegen gekommen.
    Jetzt kurz vor der Geburt von Baby Nr. 2 bin ich schon sehr neugierig wie es diesmal wird. Wobei ich auch diesmal auf Schmerzmittel verzichten will – denn meine Erfahrung ist eindeutig: Ja, es hat weh getan, sehr sehr weh getan und es war sehr sehr anstrengend ABER mein Gehirn hat die konkreten Schmerzen gelöscht – ich kann mich nicht daran erinnern.

  7. anastassija says:

    Nov 22, 2015

    Antworten

    toller text und sehr wohl empowernd ! vor allem finde ich auch, dass diese ganze idealisierung und geheimnistuerei um die geburt ganz schön entmündigend sind und deshalb ist dieser text viel wert!

Antworte darauf!

Name required

Website