fem*tastisch; Foto: Christof "der Doss" Heinz

Wir blicken zurück auf das Jahr 2014 – welche Ereignisse haben den Feminismus wirklich vorangebracht?

Jede* von uns sollte sich für ein Highlight aus dem vergangenen Jahr entscheiden. So ganz einfach ist uns das nicht gefallen. Aber lest selbst:

 

Constanze:

Malala Yousafzai ist aktuelle Friedensnobelpreisträgerin und für mich die Person des aktuellen Jahres. Doch zu welchem Preis? Sie musste ihr Heimatland nach einem Anschlag der Taliban verlassen. Sie erhält Morddrohungen und lebt in ständiger Gefahr.

Die Lage von Frauen und Mädchen weltweit hat sich verschlechert. Nicht nur aufgrund von Kriegen und Konflikten, sondern weil sie leichte Opfer sind und kaum Schutz genießen. Ich erinnere an die Entführung von fast 300 Mädchen im Sudan durch die militante Boko Haram. Warum? Weil sie zur Schule gehen und sich bilden. Weil sie sich nicht den steinzeitlichen Ansichten der vermeidlichen Religionshüter beugen. Und weil sie Mädchen sind. Bis heute ist ein Großteil der jungen Frauen verschwunden. Über ihr Schicksal kann nur spekuliert werden. Doch mit aller Wahrscheinlichkeit mussten sie Zwangsehen eingehen, ihren Peinigern sexuell zu Diensten sein oder sind tot. Die Anstrengungen, sie zu finden und zu befreien, waren halbherzig. Was wäre passiert, wenn es Jungen und nicht Mädchen gewesen wären? Was passiert mit all den Mädchen, über die niemand berichtet?

So lange dies und einiges mehr so ist, kann ich keine positive Jahresbilanz aus feministischer Perspektive ziehen.

 

Nina:

Mein persönliches Highlight in 2014 war eindeutig die Gründung von fem*. Simone de Beauvoir schrieb in ihren Überlegungen zur Unterwerfung der Frau unter anderem, Frauen würden sich nicht wirklich als Wir, als eine Gruppe wahrnehmen. Das komme daher, dass sie praktisch keine Möglichkeit hätten, sich zu einer Einheit zu sammeln: Wir Frauen würden verstreut unter den Männern leben und seien durch Wohnung, Arbeit, wirtschaftliche Interessen und soziale Stellung mit einzelnen von ihnen, etwa dem Partner, enger verbunden als mit den anderen Frauen.

Als ich das las, wusste ich sofort, wovon Simone de Beauvoir sprach. Dieses Zerstreuungsgefühl, das Gefühl allein zu sein, in der Fremde, zwischen Männern und sich selbst marginalisierenden Frauen, kenne ich so viele Jahre später erstaunlicherweise immer noch nur zu gut. Es lebte gefrustet in meinem Bauch, gepaart mit dem innigen Wunsch nach Austausch mit Gleichgesinnten und mehr Durchschlagskraft. Bei fem* habe ich das gefunden, den langersehnten Austausch und das Gefühl, endlich mal etwas oder jemanden zu erreichen. Der Frust ist fast verblasen und die mittstirnige Zornesfalte entspannt zusehends. Montags femstern zu gehen (uns gibt es auch als Verb – juhu!) ist ein Lieblingstermin meiner Woche geworden, schon fast so wellnessmäßig.

 

Inga:

Eine Frau mit Vollbart gewinnt den Eurovision Song Contest in Kopenhagen! Mein persönliches feministisches Highlight 2014 habe ich tatsächlich einem Mann zu verdanken. Der Travestiekünstler Tom Neuwirth hat die bildschöne Conchita Wurst zum Leben erweckt. Mit dem Sieg beim ESC im Mai hat Neuwirth es den vielen Kritikerstimmen gezeigt. Vor allem in osteuropäischen Ländern wurde wegen seiner Figur zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen, aber auch in Neuwirths Heimatland Österreich schwappte ihm eine Welle der Empörung entgegen. Lasst uns den Triumph feiern und „Rise Like a Phoenix“ wieder und wieder hören:

 

Isa:

Mein Highlight des Jahres 2014 ist streng genommen kein einzelnes Ereignis, das man auf einen Tag oder eine Errungenschaft festnageln kann. Und den Ursprung nahm es auch nicht 2014. Ich denke, wir haben es insbesondere dem #Aufschrei von Anfang 2013 zu verdanken, was derzeit im Netz passiert. Denn 2014 ist in meinen Augen viel in Bewegung gekommen. Egal was passiert, im Netz gibt es ein Echo darauf. So ist es zum Beispiel nicht mehr einfach möglich, dass in Darmstadt (!) ein ESA-Wissenschaftler zur weltweit ausgestrahlten Medienpräsentation der Rosetta-Mission ein Hawaiihemd mit nackten Frauen darauf trägt und niemand ein Wort darüber verliert, was das eigentlich bedeutet. Nein! Es entsteht eine Diskussion darüber. Gleiches passiert auch an vielen anderen Stellen. So zum Beispiel durch das ins Netz gestellte Video „10 Hours of Walking in NYC as a Woman“, das Sexismus auf der Straße aufzeichnet und für Furore und Diskussion gesorgt hat.

80547851_2b9befe3f7_o

Ich könnte noch etliche weitere Beispiele aufzählen. Was ich aber letztlich sagen will, ist, dass ich das Gefühl habe, dass jede Diskussion die Chance mit sich bringt, Bewusstsein für Sexismus in Sprache und in Aktion wachsen zu lassen. Sicher ist das Netz kein besonders friedvoller Ort, es gibt Hater und Trolle, es fehlen Regeln und es werden verbale Grenzen überschritten. Was jemand im Netz sagt, würde die Person womöglich im wahren Leben niemals einer anderen an den Kopf werfen, das gilt für viele andere Themenbereiche auch. Auch wenn die Diskussionskultur im Netz noch zu wünschen übrig lässt, wird doch mit jeder Debatte Sexismus ein kleines bisschen mehr sichtbar und das bringt uns jedes Mal ein kleines Schrittchen weiter. Yeah!

 

Kathy:

Die EU-Entscheidung zur freien Ausgabe der Pille danach ist mein persönliches Jahreshighlight. Ich wurde ein wenig von der Entscheidung überrumpelt. Tagsüber freute ich mich noch über die vom Kabinett beschlossene Frauenquote und abends purzelte die Nachricht über den Bildschirm, dass die europäische Zulassungsbehörde EMA eine rezeptfreie Ausgabe der Pille danach mit dem Wirkstoff Ulipristal („ellaOne“) empfiehlt. Die EU-weite Aufhebung der Rezeptpflicht durch die Kommission ist der nächste Schritt. Es ist jedoch auch ein Ereignis mit etwas fadem Beigeschmack. Es ist schade, dass die Entscheidung nicht Ergebnis veränderter Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft ist, sondern von einer EU-Behörde vorgegeben wurde. Mich hätte es freudiger gestimmt, wenn all die Gröhes und Spahns da draußen einsehen würden, dass das körperliche Selbstbestimmungsrecht von Frauen höher wiegt, als all die paternalistischen Fürsorgeargumente, die man aus der letzten Ecke des Konservative-Rhetorik-für-Hardliner-Kastens gefischt hat. Es ist auch an sich etwas traurig, dass im Jahre 2014 eine Entscheidung mein Highlight ist, die es Frauen ermöglicht, verantwortungsvoll und selbstbestimmt mit ihrem Körper umzugehen. Sollte das nicht schon längst selbstverständlich sein? Sollte es. Ist es aber leider nicht. Und mit dem freien Zugang zur Pille danach ist es noch nicht getan. Ich hoffe, auf welchem Wege auch immer, dass es dem unsäglichen § 218 auch bald an den Kragen geht.

 

Fotos: Christof „der Doss“ Heinz (Header), Martin Terber  (im Fließtext)

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger Beitrag26. Dezember Nächster Beitrag31. Dezember

Antworte darauf!

Name required

Website