EMMA#Emmaistfürmich hat nicht nur im Internet für reichlich Zündstoff gesorgt, sondern auch unter den FemSternen. Hanne und Kathy über den Sinn und Unsinn eines gekaperten Hashtags.

Da war der Versuch der Emma-Redaktion, endlich auch in den Sozialen Medien stattzufinden, dann war dort eine Überschrift, die eine Sängerin als Schlampe zu bezeichnen schien, dann kam der Shitstorm und der darüber urteilende Text eines anderen Blogs, der unter uns für Diskussionen sorgte. So viel als Vorwort.

Hanne

Eine andere Frau als Schlampe zu bezeichnen – und unabhängig davon, ob das in Frageform geschieht oder nicht –, ist nicht in Ordnung. Und sich über den Ton zu beschweren, in dem andere das kritisieren, ist auch nicht in Ordnung. Ihr kennt die Argumente doch – Männer benutzen sie ständig uns gegenüber – und ihr seid mit mir einig, dass wir uns gegen sie wehren müssen, dass wir es niemandem schulden, freundlich zum zwanzigsten Mal zu erklären, warum der Witz über die Frau hinterm Herd nicht lustig, sondern verdammt noch mal sexistisch und beleidigend ist. Aber innerhalb des Feminismus sollen plötzlich Samthandschuhe angezogen werden? Da sollen wir vielleicht mal vorsichtig einen netten Leserbrief schreiben, dass wir dankbar sind für legale Abtreibungen, aber würdet ihr vielleicht nächstes Mal andere Feministinnen nicht als Schlampen bezeichnen, wenn das nicht zu viele Umstände macht? Die Autorin fordert Solidarität im Feminismus, aber sie übersieht, dass diese Solidaritätsforderung eine Taktik benutzt, die andere zum Schweigen bringen soll. Bloß nichts gegen (prominente, weiße….) Feministinnen sagen, das macht Probleme für die ganze Bewegung! 

Was ist mit der Solidarität für Beyoncé? Oder ist die nicht so wichtig, weil die Autorin sie nicht für eine Feministin hält? Und wer spaltet den Feminismus hier eigentlich?

Ich kann Errungenschaften von Feministen respektieren, die vor unserer Generation feministische Arbeit gemacht haben, und sie gleichzeitig dafür kritisieren, wie sie heute Feminismus machen. Ich kann sagen, ‚Ich habe viel von euch gelernt, aber noch mehr habe ich vom Womanism gelernt, von WOC, von körper-positivem Feminismus, und es ist Zeit, dass wir uns mit unseren eigenen Privilegien auseinandersetzten, WÄHREND wir unsere Marginalisierung anprangern.‘

Mein Feminismus ist nicht perfekt. Er muss es auch nicht sein, und er muss nach außen nicht so wirken. Mein Feminismus ist wie alle Bewegungen in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Es gibt Rassismus innerhalb der feministischen Bewegung, es gibt Transphobie und es gibt Diskriminierung gegen Menschen mit Behinderung. Und es gibt ganz offensichtlich Slut-Shaming. Und nur weil das innerhalb des Feminismus passiert und nicht außerhalb, werde ich mir nicht verbieten lassen, das (öffentlich! Lautstark! Im Zweifelsfall unter Verwendung von Schimpfwörtern!) zu kritisieren. Gleichzeitig werde ich mir die größte Mühe geben, Kritik anderer anzunehmen, insbesondere wenn sie von Menschen kommt, die mehr oder anderen Marginalisierungen ausgesetzt sind als ich. Das macht mich nicht unsolidarisch. Das macht meinen Feminismus aus.

Am Ende kann ich nur noch der Überschrift des Artikels zustimmen: der Feminismus der Autorin ist unbestreitbar Feminismus – aber es ist wirklich nicht MEIN Feminismus.“

 

Kathy

„Hanne, ich bin voll bei dir, was das Solidaritätsding angeht. Für mich liegt die Problematik der Debatte aber eher in den Synergieeffekten, die in sozialen Netzwerken entstehen, die merkwürdige Koalitionen zustande bringen und nach außen ein Bild des Feminismus transportieren, das irgendwie schwierig ist. Und ich glaube, dass das weniger am Inhalt liegt, sondern mehr daran, dass man untereinander nicht richtig kommuniziert, und die Lager leider schon sehr verfestigt sind. Deshalb hoffe ich auch, dass wir mit unserem fem*-Ansatz, eine Plattform auch für widersprüchliche Meinungen und damit für Debatten zu bieten, etwas bewegen können.

In dem strittigen Emma-Artikel wird übrigens niemand als Schlampe bezeichnet. Wenn ich mir den Verlauf der Debatte so ansehe bekomme ich zusehends das Gefühl, dass die meisten diesen Artikel gar nicht gelesen haben.

‚Der Artikel‘ sind auch eigentlich die Artikel. In ihnen geht es genau darum, was Feminismus eigentlich ist und ob der Begriff möglicherweise zusehends inflationär gebraucht wird, um damit in die Medien zu kommen. Als Beispiele fungieren Beyoncé und Miley Cirus – kann man leicht bekleidet auf der Bühne tanzen/auf der Bühne sein Gesäß an Robin Thickes Schritt reiben oder ist das eher kontraproduktiv für die Frauenbewegung? Die Autorin der Contra-Seite sagt nein, das manifestiere sexualisierte Bilder von Frauen, die immer zur Verfügung stehen und vom Patriarchat erschaffen wurden. Die Autorin der Pro-Seite sagt, ja, warum denn nicht, jede darf machen, was sie will, wenn sie es aus freien Stücken tut, und je mehr bekannte Frauen sich als Feministinnen bezeichnen umso besser (in a nutshell). Die Überschrift spielt mit klischeehaften Frauenbildern ‚Emanze oder Schlampe?‘ – das ist einfach nur saudämlich, und unterstes Maskulisten-/Bild-Niveau.

Ich lese gerne die Emma, auch die beiden Artikel finde ich ok, aber falls sich in der Überschrift irgendein subtiler Witz versteckt, erschließt der sich mir auch nicht. Kritik ist da schwer angebracht, und es ist gut, dass sie in Masse gekommen ist. Aber es geht auch darum, wie sie vorgetragen wird. Und auf Twitter ist da ein richtiger Grabenkampf entstanden, der teils völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Wenn die Diskussionen da etwa solche Kreise ziehen, dass Anti-Prostitutionsbloggerinnen, die in vielen Beiträgen die Situation von Zwangsprostituierten schildern und ihnen eine Stimme geben wollen, von Pro-Prostitutionsaktivistinnen als ‚Hurenhasserinnen‘ bezeichnet werden, ist das keine Äußerung von Kritik mehr, sondern schadet allen Frauen. Da möchte frau das Internet einfach mal ausschalten. Man muss der Frauenbewegung der 70er-Jahre dankbar sein, aber natürlich muss man keine Kritik unterdrücken. Alice Schwarzer und Emma sind keine unantastbaren Heiligen, sie stehen aber auch nicht automatisch für alles Böse in der Welt. Und auf diese Dichotomie läuft die Debatte hinaus, vielleicht nicht intendiert, aber sie endet dort. Das verschluckt enorm viele Gemeinsamkeiten, die dennoch exisitieren, und das stört mich. Mir ist natürlich klar, dass die Konsequenz nicht sein kann Kritik runterzuschlucken. Aber in meinem Traumfeminismus (in dem auch auf dem Emma-Titel nicht dick und fett ‚Schlampe‘ steht) hat frau einen bisschen respektvolleren Umgang miteinander, akzeptiert unterschiedliche Positionen und versucht, bei den gemeinsamen Positionen auch gemeinsam zu kämpfen.“

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. […] anderen ist da der Shitstorm rund um den Hashtag #emmaistfürmich gewesen, über den wir uns schon zu genüge ausgelassen haben. Doch so entzweit die Feministinnen hier gewirkt haben, es hat uns auch erneut geeint gegen […]

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