Foto: Alexander KastenInga hat beim Stöbern im Zeitschriftenladen das noch relativ neue Magazin „Séparée – Erotik ist weiblich“ entdeckt und gekauft. Warum ihm etwas mehr Penis gut getan hätte, es aber dennoch anregend ist.

„Möchten Sie eine Tüte?“, fragt mich die Verkäuferin. Ich bin irritiert. Ach ja, ich bezahle ja gerade ein Erotikmagazin. Als ich damals den Playboy mit den Bildern der National-Fußballerinnen gekauft habe, war der auch in blickdichtes Braun gehüllt. Ich verneine und begebe mich zum Zug, wo ich das Blatt nun erst recht demonstrativ vor mich halte, um zu lesen.

Dabei bemerkt vermutlich eh niemand den frivolen Charakter meiner Lektüre. Denn das Titelbild ist wenig eindeutig und sogar die Anzeige auf der von Werbekunden mit Vorliebe besetzten Umschlagseite 4 könnte auf den ersten Blick auch die einer Lifestyle-Zeitschrift sein – zu sehen ist Sexspielzeug, das wie Gemüse aussieht.

Augenscheinlich ist es nicht im Sinn der Macher*, eine allzu eindeutige Message zu transportieren. Das könnte die Zielgruppe schließlich abschrecken, denn sie ist es nicht gewohnt, Literatur solcher Art zu kaufen. Das suggeriert auch der Name des Magazins: „Séparée“. Keine Haudrauf-Obszönitäten, sondern alles schön im stillen Kämmerlein. Dafür aber sehr stilvoll.

Das klare Design nämlich besticht. Das Geschriebene hat Platz, manches ist dezent hervorgehoben; die Bilder sind opulent und ästhetisch. Im gesamten Heft sehe ich allerdings keinen einzigen Penis, abgesehen von einem, der in einer Bleistiftzeichnung des Malers Zichy aus dem späten 19. Jahrhundert sehr nebensächlich ist.

So viel zu meinem ersten Eindruck.

Gehen Sie weiter, hier ist kein Penis zu sehen

„Séparée“ ist ein Erotikmagazin für heterosexuelle Frauen, das es gibt, weil seine Herausgeberinnen Ute Gliwa und Janina Gatzky selbst eine solche Zeitschrift vermisst haben. Ihnen zufolge gibt es keine einzige auf dem gesamten weltweiten Markt. Eine Lücke, die es unbedingt zu schließen galt, gebe ich ihnen Recht. Dementsprechend sei ihnen verziehen, dass sie keinen Mann gefunden haben, der sich vollends für uns ausziehen wollte. Es gilt, erst Aufklärungsarbeit zu leisten.

„Übrigens stellt uns die Auswahl der Männeraktstrecke regelmäßig vor einige Herausforderungen. Nein, an attraktiven Männern mit schönen Körpern, die bereit sind, sich für uns auszuziehen, mangelt es uns nicht. Aber wenn es darum geht, die letzte Hülle fallen zu lassen, wird es schwierig. Der eine lässt nur die Pobacke blitzen, der nächste möchte kein Gesicht zum Körper, und der dritte bekommt kalte Füße, wenn es um die Veröffentlichung geht.“

Separee_innenSo schreiben die Chefredakteurinnen in ihrem Editorial. Und fordern kurz darauf: „Männer, traut euch, uns alles zu zeigen! Wir wollen euch ganz!“ Da bin ich als Leserin voll auf ihrer Seite.

Dennoch ist der Beitrag, um den es hier vor allem geht, mein liebster in der gesamten dritten Ausgabe. Die Bilderstrecke „Zuckerbäcker“ zeigt einen nackten Mann beim Backen in der Küche. Im Topf rührend, von hinten nur mit einer Schürze bekleidet am Herd und dann wie er sinnlich den Löffel ableckt. Wenn diese verkehrte Welt nicht ein durchtriebener, grandioser Schachzug ist!

Vergewaltigung ist nicht erotisch

Das macht auch den wenig sinnlichen Text über einen Dreier mit zwei Männern wett, dessen Quintessenz es ist, dass Dreier vollkommen überbewertet sind. Nicht jedoch kann es mich darüber hinwegtrösten, dass die Protagonistin in der vermeintlich erotischen Geschichte „Das Weihnachtsgeschenk“ über mehrere Zeilen hinweg denkt, dass sie gleich vergewaltigt wird, weil ihr ein mehr oder weniger fremder Mann in seiner Wohnung die Hände fesselt und die Augen verbindet:

„Sie zitterte so sehr, dass ihre Beine sie sicher nicht getragen hätten. Sie hätte jedoch nicht sagen können, ob sie vor Kälte zitterte, vor Angst oder vor Anspannung. Berta versuchte, logisch zu denken. Er war Anwalt, ein vernünftiger gebildeter Mensch, sicher würde er ihr nichts antun, was er später bereuen würde. Sie könnte ihn jederzeit anklagen, sobald sie hier raus war. Es sei denn, sie käme niemals wieder hier raus … Unsinn, sah er vielleicht wie ein Vergewaltiger oder gar Mörder aus? Andererseits wusste niemand, wo sie war, niemand hatte sie zu ihm ins Auto steigen und hier wieder aussteigen sehen. […] Sie wusste nicht, wie lange sie bereits dort gesessen hatte. Wahrscheinlich nicht mehr als ein paar Sekunden, doch die Stille, die Ungewissheit begannen Berta ernstlich Angst einzujagen.“

Muss das sein? Sicherlich träumen einige Frauen davon, beim Sex mal eine devote Rolle zu spielen. Doch niemand kann mir erzählen, dass ein gesunder Mensch die Vorstellung, vergewaltigt zu werden, ernsthaft betörend findet. Und so manche Leserin hat sicherlich etwas Derartiges sogar schon erlebt und diese Geschichte ist Salz in ihrer Wunde. Man hätte diesen Teil der Geschichte auch einfach weglassen können – es hätte ihr alles andere als einen Abbruch getan.

Gute Mischung, guter Preis

Dennoch wartet das Magazin aber auch mit wirklich lesenswerten Artikeln und auch durchaus anregenden Inhalten auf. Ich empfehle etwa die Reportage vom BDSM-Anfänger-Workshop „Über die Schwelle“, sowie den Essay über die Eifersucht „Bitteres Feuer“ (wobei mir der zweite Teil, der leider online nicht zu lesen ist, eindeutig besser gefällt) und die Kolumne „Ach, wissen Sie…“, die thematisch in die gleiche Richtung geht. Die Zeitschrift bietet eine enorme Bandbreite an Darstellungsformen, und selbst die kleineren Stücke wie Filmtipps oder Anregungen für neues Sexspielzeug überzeugen, nur hier und da erscheint mir ein Beitrag etwas zu beliebig. Beim Pro-und-Contra zum Thema Männer in Schlafanzügen hingegen habe ich herzlich gelacht:

„Was ist entwaffnender, wenn beispielsweise eine nervige Nachbarin oder eine alte Liebschaft einen Besuch abstattet: unverhüllte Latte oder Karolook?“

Mein Fazit: „Séparée“ ist seine 4,90 Euro auf jeden Fall wert. Unterhaltsam, anregend, niveauvoll. Ich wünsche mir mehr solcher Magazine. Ach, wenn doch nur etwas mehr unverhüllte Latte zu sehen gewesen wäre.

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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9 Kommentare

  1. Inga says:

    Jan 5, 2015

    Antworten

    Natürlich sind Fantasien in Ordnung. Allerdings geht es in der Geschichte nicht um Fantasien, sondern die Protagonistin erlebt es wirklich. Sie wird gefesselt und ihre Augen werden verbunden, OHNE dass sie eingewilligt hätte oder besprochen wurde, was okay ist und was nicht. Dort steht mehrfach, dass sie Angst hat, sogar davor, ermordet zu werden. Das ist ein Unterschied. Man hätte den zitierten Teil mit der Angst unproblematisch weglassen können. Dann wären es Fesselspielchen gewesen, die ich mich niemals wagen würde zu kritisieren.
    Mir geht es dabei auch darum, dass den „Du willst es doch auch“-Argumenten von (potentiellen) Vergewaltigern der Garaus gemacht wird.

  2. Michèle Pellegrini says:

    Jan 5, 2015

    Antworten

    Danke für deine Antwort. Jedoch kann ich in dem von dir zitierten Abschnitt nicht lesen, dass sie nicht eigewilligt oder das sie wirklich eine Vergewaltigung erlebt hätte eher scheint sie den Mann ja zu kennen sonst wüsste sie nicht, dass er Anwalt ist … Aber was mir logisch erscheint, ist auch die Angst selbst in der Phantasie, die gehört ja irgendwie dazu …

    Ich habe mich alos lediglich auf den zitierten Ausschnitt bezogen.

    Sexuelle Spiele dürfen aus meiner Sicht immer im gegenseitigen Einverständnis geschehen.

  3. Kathy says:

    Jan 5, 2015

    Antworten

    Ich finde Ingas Kritik an der Passage durchaus berechtigt. Phantasien sind Phantasien, was ich in der zitierten Passage lese ist allerdings eine reale Situationsbeschreibung: „Berta versuchte, logisch zu denken […] sicher würde er ihr nichts antun“. An Geschichten über Frauen, die in realen Situationen Angst davor haben, sexuelle Gewalt zu erleben, oder ihr Einvernehmen nicht deutlich artikulieren können, ist nichts sexy oder erregend. Ganz davon abgesehen, dass solche Beschreibungen triggern können, also bei Betroffenen das Erlebte wieder in Erinnerung rufen.
    Im Übrigen ist es durchaus möglich von jemandem vergewaltigt zu werden, den man kennt. Bei rund 80% aller Vergewaltigungen kennen sich Opfer und Täter bereits vor der Tat (http://sz.de/1.1852780).

  4. Andreas says:

    Jan 5, 2015

    Antworten

    „Doch niemand kann mir erzählen, dass ein gesunder Mensch die Vorstellung, vergewaltigt zu werden, ernsthaft betörend findet.“

    Also ich kenne genug Frauen, die diese Phantasie haben. Wobei der Kontext dann natürlich ein „consensual nonconsesus“ ist. Denen jetzt einfach zu unterstellen, dass sie nicht gesund seien, erinnert mich irgendwie an frühere Zeiten, in denen jede kleine Abweichung vom 08/15-Misio-Heterosex als abnorm & pervers klassifiziert wurden. Hat für mich weder etwas mit Feminismus noch mit Emanzipation zu tun, so pathologisierend über sexuelle Vorlieben zu urteilen.

    • Inga says:

      Jan 5, 2015

      Antworten

      Ich gebe dir Recht, dass ich mich da allzu schwammig ausgedrückt habe. Ich bin nicht sicher, wie man zu einem „consensual Non-Consensus“ übereinkommt – aber jedenfalls soll das jeder handhaben, wie es ihm beliebt. Das geht mich nichts an und ich werde einen Teufel tun, ihn zu verurteilen. Mit Vergewaltigung meine ich eine wirkliche Vergewaltigung.
      Im Text jedenfalls gibt es keinerlei Übereinkunft (auch wenn es am Ende glücklicherweise gar keine Vergewaltigung gibt). Es gibt lediglich ein teures Geschenk an die Dame.

  5. Kalle says:

    Feb 9, 2015

    Antworten

    Es gibt übrigens ein Magazin, mit „mehr unverhüllter Latte“
    http://www.jungsheft.de

  6. […] es nach mir geht, darf sich jeder* vor der Kamera räkeln. Ich würde mich ja eher sogar freuen, mehr heiße Männer – ob nun Chefs, Wissenschaftler oder Arbeitslose – sehen zu können. Aber die Kritik hat […]

  7. Sophie says:

    Jan 8, 2017

    Antworten

    dasddddsvcsdfsf vfsfdsffs dfdssffsdf fdsffsfsfdfs

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