bwandMittlerweile schließen mehr Frauen ein Studium ab als Männer. Umso mehr verwundert es, warum der Anteil von Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen so gering ist. Christiane und Isa glauben, das liegt daran, dass Universitäten immer noch männlich geprägte Orte sind. Aber warum?

Betrachtet man das Hochschulpersonal insgesamt, also auch das administrativ-technische Personal, so arbeiten an Universitäten mehr Frauen als Männer. Ihr Anteil macht im Schnitt 52 Prozent aus. Was Karrierechancen und Mitbestimmung anbelangt, ist die Universität jedoch ein männlicher Ort. Dabei fängt eigentlich alles so gut an: Mittlerweile verlassen etwas mehr Absolventinnen (50,5 Prozent – Zahlen von 2014) als Absolventen die Universität. Nach dem Studienabschluss öffnet sich jedoch von Karrierestufe zu Karrierestufe die Schere zwischen Männern und Frauen. So verschiebt sich das Verhältnis bei den Promotionen zu etwa 45,5 zu 54,5 zugunsten der Männer. Bei den Habilitierten liegt der Anteil der Frauen dann nur noch bei 27,8 Prozent. Und Professorinnen gibt es knapp 22 Prozent. Hier gilt, je niedriger die Besoldungsgruppe, desto mehr Frauen lassen sich finden. Machen Juniorprofessorinnen noch rund 38 Prozent aus, sind die am höchsten dotierten C4-Professuren nur zu rund 11 Prozent (!) weiblich besetzt. Auf der Leitungsebene zeigt es sich ebenso deutlich, dass die Universität ein männlicher Ort ist: Nur 14,5 Prozent weibliche Hochschulleiter sind derzeit im Amt. Bildlich stellt das Ganze eine „schöne“ Schere dar, die zeigt, dass Frauen irgendwann an die gläsernen Decke stoßen:

Frauen_WissenschaftRetrospektive Qualifikationsverläufe – 1986-2005 und 1995-2014 im Vergleich, Quelle: CEWS

Es stellt sich die Frage: Woran liegt das? Und vor allem: Woran liegt das TROTZ mittlerweile rund 30 Jahren institutionalisierter Frauenförderung? Zwar sind die Zahlen steigend, dies jedoch nur moderat (was auch daran liegt, dass nur 4 Prozent der Professuren jährlich neu besetzt werden) und keineswegs entsprechend dem Anteil der Studentinnen.

Der blinde Fleck der Frauenförderung

Das Problem ist, wo die Förderprogramme ansetzen. Denn die meisten Programme berücksichtigen nicht, wie Hochschulen ticken. Die Lebenswelt Universität ist geprägt von informellen Strukturen, Loyalitäten und Abhängigkeiten. Was zählt, ist sich gut präsentieren und auf sich aufmerksam machen zu können. Denn um in der Wissenschaft Karriere zu machen, braucht es zuallererst Personen, die dich und dein Potential erkennen und dich fördern wollen. Langfristig gesehen zählen Beziehungen und Insiderwissen hundertmal mehr als ein kontinuierliches leidenschaftliches Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen und Themen. Das sind zunächst erst einmal allgemeine strukturelle Probleme denen sich alle Studierenden gleichermaßen ausgesetzt sehen – gleich ob männlich, weiblich oder queer. Eine Studie hat jedoch unlängst zutage gebracht hat, dass männliche Wissenschaftler bevorzugt Männer fördern und somit Frauen aus informellen Netzwerken ausgeschlossen werden.

Männer trauen ihren Geschlechtsgenossen mehr zu

Das liegt zum einen daran, dass die Gesellschaft Verhaltensweisen, wie Präsenz zu zeigen sowie dominant und souverän Meinungen zu vertreten, vor allem männlich sozialisierten Personen zuschreibt. Neben männlichem Redeverhalten formen unter anderem Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen gegenüber Konkurrenten den männlichen Sozialcharakter, der an der Universität erwünscht und reproduziert wird. Wer diesen Verhaltensanforderungen nicht entspricht – und das betrifft nicht nur Frauen –, wird es im wissenschaftlichen Betrieb schwerer haben.

Folglich sind Frauen also besser damit beraten, weiblich konnotierten Verhaltensweisen zu entsagen, sich in den Hosenanzug zu werfen und auf keinen Fall Kinderwünsche zu äußern. Schuld daran sind die unbewussten Rollenbilder: Frauen gelten als weniger kompetent, dafür aber als warmherziger und liebenswürdiger – Eigenschaften, die sich daher wohl besser für zuarbeitende Verwaltungstätigkeiten an einer Universität eignen. Männern hingegen unterstellt man, dass ihnen ein hohes Reflexionsvermögen schon in die Wiege gelegt wurde, das in der wissenschaftlichen Forschung zur Entfaltung kommt. Allgegenwärtige kulturelle Stereotype stechen objektive Kriterien aus. Susan Neiman, Leiterin des Einstein Forums in Potsdam (die ist so eine, die es „geschafft“ hat), schildert ihre Erfahrungen als Studentin folgendermaßen: „Einer meiner Professoren sagte mir: Es tut mir leid, ich würde gerne daran glauben, dass Frauen so gut philosophieren können wie Männer. Aber das ist ja noch nicht vorgekommen.“

Vom Hochschlafen und anderen Qualitäten

Es ergibt sich aber noch ein zweites und wahrscheinlich viel gravierenderes Problem: Frauen, die informelle Strukturen und Kontakte aufbauen wollen, sehen sich zumeist männlichen Professoren gegenüber. Ein informatives Abendessen oder eine nette Unterhaltung hat hier viel schneller einen Beigeschmack, der Getratsche und Gerüchte hervorruft. Frauen, die es zu etwas gebracht haben, wird häufig vorgeworfen, dass dies mit anderen Qualitäten zusammenhängt als mit ihren Erkenntnisgewinnen. Dass die Neubesetzung einer Professur durch eine weibliche Wissenschaftlerin das Image des Instituts aufpoliert, ist ein weiterer Verdacht, dem Frauen mit Karriereinteresse in der Wissenschaft ausgesetzt sind. Hier schließen sich positive Diskriminierungen von Wissenschaftlerinnen an: Ein Beispiel wäre, dass eine Professorin weibliche Kompetenzen (kommunikativ, freundlich, kreativ usw.) mitbringt und somit das Klima am Institut positiv beeinflusst. Auch hierbei steht das Geschlecht bzw. das Frau-Sein bei der Wahrnehmung der Wissenschaftlerin im Vordergrund und nicht ihr inhaltliches Forschungsinteresse.

Den Raum Universität verändern

Wir haben festgestellt, dass wir den gesellschaftlichen Blick auf Frauen in der Wissenschaft selbst verinnerlicht haben: Wenn eine Frau einen Vortrag hält, den wir aus inhaltlichen Gründen für nicht gelungen halten, ärgern wir uns darüber, dass sie uns nicht beweisen konnte, dass sie ihren Platz in der Wissenschaft verdient hat. Wir ärgern uns darüber, dass sie kein Vorbild für uns sein kann. Die Frage „WIE hat die es denn dahin geschafft?“ schießt uns einmal mehr in den Kopf, als wenn ein Mann einen inhaltlich schlechten Vortrag hält. Oder wir merken, dass wir die oben beschriebenen männlich konnotierten Verhaltensweisen als eigene Verhaltensideale setzen, anstatt uns vornehmlich auf unsere wissenschaftlichen Interessen zu konzentrieren.

Im Raum Universität gibt es einigen Änderungsbedarf. Einerseits muss sich hier die Institution ändern. Eine Öffnung der informellen Strukturen und ein kultureller Wandel können hier nur auf Leitungsebenen erfolgen, was sich wohl auf alle Studierende positiv auswirken würde. Insbesondere für faire und transparentere Bewertungskriterien – für Studierende aber auch Wissenschaftlerinnen, die sich in berufungsverfahren befinden – müsste hier unbedingt gesorgt werden.

Andererseits können wir uns nicht ausschließlich darauf verlassen. Was jede* einzelne tun kann ist, sich selbstbewusst die eigene Leistung vor Augen zu halten, statt sich zu bedanken oder gar an der Daseinsberechtigung in der Festung zu zweifeln. Was wir gemeinsam tun können ist, uns gegenseitig zu unterstützen. Bündnisse und Netzwerke gründen, anstatt auf Konkurrenz zu setzen. Die Festung umgestalten und nachhaltig verändern.

Erkundigt euch an euren Hochschulen, welche Programme und Gruppen es gibt!

 

Links zu Netzwerken für Studentinnen und Wissenschaftlerinnen (vorwiegend Hessen):

https://www.femtec.org/de
http://mentorinnennetzwerk.de/home/
http://www.proprofessur.de/
http://www.scimento.de/

 

So wollte übrigens die EU junge Mädchen für die Wissenschaft begeistern. Das ging daneben:

 

Foto: Tobias Mittmann

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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