MadMenS7Eines vorweg: Ich wollte diesen Beitrag bereits Anfang der Woche fertig schreiben. Die vorletzte „Mad Men“Episode überhaupt brach mir allerdings das Herz – ich wusste erstmal nicht weiter. Oh Betty. Aber gut, Tränchen beiseite gewischt, los geht’s.

 

SPOILER ALERT: Der Beitrag ist auf dem aktuellen Stand der US-Ausstrahlung, nicht weiterlesen, wenn ihr das alles noch nicht wisst und auch nicht wissen wollt.

 

Für einige ist „Mad Men“ „TV’s most feminist show“, mit anderen kann man sich nicht eine Minute darüber unterhalten, weil sie es schlichtweg nicht aushalten, länger als fünf Minuten der Herrentruppe beim Rauchen, Trinken und Grabschen zuzuschauen. Schafft man es dennoch, wird man belohnt – mit einigen der tiefgründigsten, komplexesten und interessantesten Frauenfiguren, die die Serienlandschaft zur Zeit zu bieten hat. Am Sonntag wird die letzte Folge in den USA ausgestrahlt. Und schon seit einigen Folgen geht es darum, die Figuren alle in das Leben nach dem 17. Mai 2015 zu entlassen. Manchmal sind diese Enden tragisch, wie bei Betty, und manchmal stellen sie charakterliche Meilensprünge dar, wenn wir uns an die erste Staffel zurückerinnern. So wie bei Joan und Peggy.

Frauensachen

Eine Schlüsselszene dieser Staffel ist ein Meeting, das Peggy und Joan mit Werbern ihrer Partneragentur haben, mit der sie später fusionieren werden. Das Meeting steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Es geht um Strumpfhosen, also Frauensachen. Für Frauensachen sind in der Agentur Peggy und Joan zuständig. Lippenstifte, BHs, Strumpfhosen, Tampons, Make-up. So etwas wie der Kindertisch der Werbeagentur – die Erwachsenen kümmern sich derweil um Autos, Cola, Zigaretten. Die Herren auf der anderen Seite des Tisches sind sichtlich gut aufgelegt. In keiner Sekunde nehmen sie Joan und Peggy ernst, sie hauen eine Anzüglichkeit nach der anderen raus und genießen es schamlos. Der Höhepunkt ist die an Joan gerichtete Frage, ob sie nicht im BH-Geschäft besser aufgehoben wäre. Anstatt den unerträglichen Chauvinismus an Ort und Stelle anzusprechen, versuchen Peggy und Joan sichtlich angestrengt professionell zu bleiben, Fassung zu behalten und ihre Arbeit zu erledigen. In der nächsten Szene stehen beide alleine im Aufzug. Ich hoffe, dass beide ihrer Wut freien Lauf lassen und sofort anfangen, die Revolution zu planen.

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Stattdessen rät Peggy Joan, sich anders zu kleiden, wenn sie ernst genommen werden will. Diese Szene ist ernüchternd und brillant zu gleich, denn sie zeigt, wie gefangen die Frauen in „Mad Men“ in ihrer Zeit sind. Peggy und Joan werden unterdrückt, nicht ernst genommen, belächelt. Sie teilen dieses Erlebnis, doch statt über Möglichkeiten zu reden, die waren Übeltäter anzukreiden, schiebt Peggy Joan die Schuld für diesen Missstand zu. Das ist symptomatisch für Peggy, der man intuitiv gerne das Label Feministin verpassen möchte und dabei doch so falsch läge.

Starke Frauen und Feministinnen

Wir sympathisieren sofort mit ihr, weil sie eine der zentralen Identifikationsfiguren der Serie ist. Jung, talentiert, weiblich, muss sich so viel mehr ins Zeug legen, um ernst genommen zu werden, stößt doch ständig auf Widerstand. Aber Peggy ist keine Feministin. Peggy tut nichts für andere Frauen, sie identifiziert sich nicht mit ihnen – sie solidarisiert sich nicht mit den Sekretärinnen der Agentur, sie kritisiert Joan für ihren Sexappeal. Andere Frauen sind entweder Konkurrenz oder bedeutungslos für sie, Freundinnen hat sie keine. Dass sie alle eine gemeinsame Unterdrückungserfahrung teilen, ist ihr nicht bewusst. Sie kämpft für sich alleine, für niemand anderen. Eine „starke Frau“ ist nicht automatisch eine Feministin, die andere Frauen empowert.

Das sieht auch Elizabeth Moss, die Peggy verkörpert, so:

„She’s not marching or burning her bra or trying to change the law… She’s actually down, on the field, in the office, dealing with the obstacles as they come (…). She doesn’t know about the glass ceiling. She sort of feels it when she bumps her head against it, and she just keeps going.“

Peggy hat in „Mad Men“ unbestritten die weiteste Entwicklung durchlebt. Am Anfang der ersten Staffel ist sie die schüchterne Sekretärin, die so gar nicht weiß, wie sich sie sich verhalten soll. Sieben Staffeln später: Mit Sonnenbrille, Zigarette und einem Bild unter dem Arm, das einen Oktopus zeigt, der eine Frau oral befriedigt, marschiert Peggy in ihr neues Büro. Die Gänge sind eng, aber Peggy weicht nicht aus. Sie läuft in der Mitte, zahlreiche Hemdenträger drängen sich an den Wänden entlang an ihr vorbei. Damit ist ein neuer Standard für den ersten Auftritt im neuen Büro gesetzt.

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Women can’t have it all

Weniger rosig sieht die Welt für Joan aus. Ihre Entwicklung ist für mich von allen die interessanteste, weil sich Joan im Laufe der Serie nach und nach schmerzlich darüber klar wird, dass sie nicht wirklich die Fäden in der Hand hat. Joan war sich ihrer Wirkung auf Männer schon immer bewusst und nutzte sie zu ihrem Vorteil. Ihre professionelle Leistung wurde ohnehin stets unterschätzt und unsichtbar gemacht. Immer öfter wurde der Einsatz ihrer sexuellen Reize die einzige Möglichkeit für sie, einen Fuß in der Tür zu behalten und aufzusteigen. Joan ist Sinnbild für die Rollenzuschreibung, die Frauen auch heute noch erfahren. Körperliche Reize und berufliche Kompetenz sind inkompatibel.

Doch Joan hat genug. Sie ist zunehmend genervt und angewidert von der Sexualisierung, die sie erdulden muss. Eine Fusion führt dazu, dass Joan auf neue Kollegen trifft, die ein aufdringliches Interesse an ihr, jedoch nicht ihrer Arbeit haben. Als sie sich beschwert wird auch das nicht ernst genommen, doch sie bleibt hartnäckig mit der Folge, dass sie offen brüskiert und fallen gelassen wird. Wenn sie nicht mehr nett und niedlich spielt, wo ist dann ihr Beitrag zum Büroklima?

Am Ende ist es Joan, die „feminist rhethoric like a champ“ versprüht, als hätte sie nie etwas anders getan. Nach sieben Staffeln Erniedrigung, sexueller Belästigung, fensterlosem Büro, zahllosen Männern, deren Ego sie aufbaute, um danach dahinter zurückzubleiben, droht sie den kürzlich stattgefundenen Women’s Strike for Equality auf der 5th Avenue in der Werbeagentur zu wiederholen, die zahlreichen sexuellen Belästigungen anzuzeigen, Kolleginnen dazu zu bringen, selbiges zu tun und die Einhaltung des Equal Pay Acts von 1963 anwaltlich überprüfen zu lassen. Bringen tut das alles nichts. Sie nimmt eine Abfindung, die weit unter dem liegt, was ein Mann bekommen hätte, und verlässt die Agentur. Sie ist steinreich, aber Respekt und Anerkennung für ihre Arbeit hat sie nicht bekommen.

End of an Era

Das tragischste Ende ist jedoch für Betty Francis/Draper/Hofstadt vorgesehen. Sie ist die wahrscheinlich unterschätzteste Frauenfigur der ganzen Serie. Sie war der krasse Gegensatz zu Peggy, Joan und Meghan. Ehefrau und Mutter, obwohl sie in letzterer Rolle nie aufging. Sie ist die Antiheldin, denn ohne sie wäre nie deutlich, von was sich Peggy, Joan und Meghan zu lösen versuchen und gegen welche Rolle ihre Tochter Sally rebelliert. Sie wirkte oft kindlich, narzisstisch und oberflächlich. Sie reagierte stets statt zu agieren.

Doch als sie mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert wird, übernimmt sie die Kontrolle. Sie will keine Therapie, sie hat genaue Vorstellungen von ihrer Beerdigung und ihren letzten Monaten, die sie deutlich artikuliert. Manchmal erinnert Betty Draper mich an Ibsens Nora, die ihrem Mann vorwirft, dass ihr Vater und er sich an ihr versündigt haben, in dem sie sie zeitlebens klein gehalten haben. Der Unterschied zu Nora ist, dass Betty sich mitunter gefangen fühlen mag, es aber gleichzeitig zu sehr verinnerlicht hat, ihre Rolle perfekt ausfüllen zu müssen. Dass Betty an Lungenkrebs erkrankt ist, hat eine besondere Ironie. Es gibt kaum eine Szene in der sie keine Zigarette in der Hand hält und es ist Don, der moralisch fragwürdige Kampagnen für Tabakkonzerne entwickelt, die zunehmender Kritik an ihren Produkten ausgesetzt sind. Don, der gerade seinem Job den Rücken gekehrt hat und sich tausende Kilometer westlich auf einem Selbstfindungsroadtrip befindet, weiß noch nicht, dass die Mutter seiner Kinder durch den Konsum von Produkten sterben wird, die er in Anzeigen hat erstrahlen lassen.

Die zweite Hälfte der letzten Staffel läuft unter dem Slogan „End of an Era“. Eine Folge Mad Men steht noch aus. „Person to Person“ wird am Sonntagabend in den USA ausgestrahlt. Vielleicht wendet sich ja noch das ein oder andere Blatt. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass noch ein paar Herzen gebrochen werden.

 

Zum Weiterlesen:

http://www.afterellen.com/tv/425821-lesbiswirl-feminism-mad-men/
http://www.elle.com/culture/movies-tv/a26766/the-mad-man-who-loves-women/
http://missy-magazine.de/magazin/missy-0110/our-tv-screens-ourselves/
http://tomandlorenzo.com/2015/05/mad-men-the-milk-and-honey-route/

 

Fotos: Frank Ockenfels 3/AMC, AMC

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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