Frauenkampftag

Das feministische Business ist nur was für Hartgesottene. Browniepunkte gewinnen wir selten außerhalb der eigenen Reihen und gerade in sozialen Netzwerken bleibt uns nichts erspart. Kathy ruft sich zum 8. März ins Gedächtnis, warum sie das alles auf sich nimmt. 

TW: Es wird ein Vorfall sexueller Belästigung geschildert.

 

Facebook, irgendwann im November. Ich teile eine Petition von pinkstinks für ein Verbot sexistischer Werbung, oder vielmehr einer Erweiterung des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb um eine Norm für diesen Zweck. Die Reaktionen? Weiblichen Facebookfreunden „gefällt das“. Männliche Facebookfreunde bringen ihren Unmut in Kommentaren zur Geltung. Der Vorschlag sei Zensur, ob es nicht besser sei, die Gesellschaft zu sensibilisieren, und außerdem sei es naiv zu denken, Verbote könnten irgendwas bezwecken. Auch ich bin keine Freundin von übermäßigen staatlichen Eingriffen, aber es soll tatsächlich gesetzliche Regelungen geben, die unser Zusammenleben zum Positiven verändert haben. Achtung, hier nun die shocking truth: Wir leben im Kapitalismus. So lange jemand legal mit der Objektifizierung und Degradierung von Frauen Kohle machen kann, sei es in der Werbung, in den Medien, in der Pornoindustrie oder in der Prostitution, wird er oder sie das tun. Naiv ist es, etwas anderes zu denken.

Dann war da noch der Kommentar, der „den Feministinnen“ vorwarf, die Allgemeinheit mit schwachsinnigen Forderungen auf Nebenkriegsschauplätzen zu gängeln. Das Anliegen sei ja verständlich, aber in Anbetracht des „bigger picture“ solle man sich auf die wirklich wichtigen Themen konzentrieren. Ich musste ein wenig lachen, als ich das las. Das bigger picture? Was soll das sein? Vielleicht so eine Art kaiserliches Dekret, das bestimmt, dass alle, die nicht die Attribute „heterosexuell, weiß und männlich“ auf sich vereinigen, in allen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Belangen benachteiligt werden sollen? So einfach ist es leider nicht. Das bigger picture muss man sich erst mühselig zusammensuchen. Ich habe mir die Mühe mal gemacht, als Service für diejenigen, die gerne darauf verweisen.

The Bigger Picture

Wir verlangen von Frauen, dass sie sich wehren sollen, erziehen ihnen aber systematisch das Kämpfen ab. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Wir verlangen, dass sie sich für besser bezahlte Berufe in Naturwissenschaften und Technik entscheiden sollen, liefern ihnen aber von Kindesbeinen an keine fähigen Idole, sondern Prinzessinnen und Glitzer en masse. Wir verlangen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen und laut sprechen sollen, bläuen ihnen aber ein, dass anständige Mädchen ruhig und zurückhaltend sind. Wir sagen ihnen, dass sie alles werden können, was sie wollen, in der Fernsehwerbung und auf Werbeflächen sehen sie jedoch vor allem fröhlich putzende Frauen. Wir sagen ihnen, dass sie auch als Mädchen jeden Sport machen können, und benutzen dennoch Phrasen wie: „Du wirfst wie ein Mädchen.“ Wir sagen ihnen, dass sie ein positives Gefühl zu ihrem Körper entwickeln sollen, präsentieren aber doch nur das gertenschlanke weiße Einheits-Schönheitsideal auf allen Werbeflächen. Wir sagen ihnen, dass es auch eine Menge Ärztinnen, Anwältinnen und Bauinvestorinnen gibt, lesen und schreiben aber immer nur vom männlichen Pendant. Wir sagen ihnen, dass es wichtig ist, mehr Frauen in Aufsichtsräte und Vorstände großer Unternehmen zu bringen, und stellen Frauen unter widrigen Bedingungen ein, um sie scheitern zu sehen. Wir wollen mehr Kinder in diesem Land, und überhäufen den Kollegen, der Elternzeit nimmt, mit blöden Sprüchen. Dafür feiern wir es als Errungenschaft, dass Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen können. Erst Karriere, dann irgendwann das Kind. Die Ressource Frau wird optimiert, während wir über die Rolle des Vaters in der Familie nicht reden müssen.

Auf der Arbeit werde ich von (männlichen) Kollegen, die mich noch nicht kennen, generell erst mal für die Sekretärin oder die Azubine gehalten. In Sitzungen kommt es schon mal vor, dass ich von zwölf Teilnehmenden die einzige Frau bin. Aber ich befinde mich in einer privilegierten Position. Ich arbeite in der Politik, verdiene das Gleiche wie meine männlichen Kollegen und habe mit Menschen zu tun, die durchaus ihre Umwelt reflektieren und Machtstrukturen erkennen. Vor ein paar Tagen habe ich an der Tram-Haltestelle das Gespräch zwischen zwei Mädchen überhört. „Ich hab mich da beworben und es hat auch gepasst, aber ich wäre die einzige Frau da, und wie die alle geguckt haben… Nee, da such ich mir was anderes.“ Ich weiß nicht, wie die alle geguckt haben, aber ich kann es mir gut vorstellen.

„Das gefällt dir doch.“

Ich werde oft auf der Straße angemacht. Keineswegs so, dass man ansatzweise schmeichelnde Absichten entdecken könnte, sondern sehr derbe und degradierend. In den letzten 1,5 Jahren gab es zwei brenzlige Situationen, in denen ich Angst hatte. Das eine mal (es war in der klischeehaften dunklen Gasse) hat ein Kerl seinen Penis ausgepackt und angefangen zu onanieren, als ich an ihm vorbeilief. Ich habe ihn angebrüllt, die Polizei gerufen und Anzeige erstattet. Letzten Dezember hat mich ein anderer Kerl durch ein Kaufhaus verfolgt. Als ich mir dessen sicher war, habe ich ihn zur Rede gestellt. Er antwortete nur: „Das gefällt dir doch.“ Ich versicherte ihm, dass dies nicht so sei und er mich in Ruhe lassen solle. Meine Antwort gefiel ihm nicht. Er sagte: „Was glaubst du eigentlich, wer du bist.“ Und verfolgte mich wie zur Strafe noch durch zwei weitere Geschäfte. Als die Panik ihren Höhepunkt erreicht hatte und ich niemanden telefonisch erreichen konnte, um mich abzuholen, war er weg. Ich habe noch den ganzen Heimweg gezittert und mich ständig umgedreht.

Ich hätte sehr gerne die Souveränität, mich frei bewegen zu können. Ich bin selbstbewusst und kann mit vielem umgehen, aber es gibt Gegenden, die ich nach einer gewissen Uhrzeit meide, weil ich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Die Tatsache, dass ich dies tun (muss), macht mich wütend. Ich bin ein freier Mensch, und ich will frei über mein Leben verfügen können. Doch überall sind Grenzen.

Wir müssen kämpfen

Das sind nur die Einschränkungen und Erfahrungen, die ich als weiße Akademikerin mache. Sie sind nicht universell, und das bigger picture sieht für Frauen mit einem anderen Hintergrund und multiplen Diskriminierungserfahrungen noch viel düsterer aus. Das ist mein persönliches bigger picture, in dessen Rahmen ich mich tagtäglich bewege. In dessen Rahmen sich meine Freundinnen, Kolleginnen und viele andere Frauen hier bewegen. Es besteht aus vielen kleinen Dingen, die nebensächlich scheinen mögen, jedoch eins gemeinsam haben: Sie alle sind Ausdruck der Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Es gibt nicht die große, die eine Ungleichheit. Frauen und Männern werden in unserer Gesellschaft fundamental verschiedene Eigenschaften, Rollen und Chancen zuteil. Und das drückt sich im Alltag an jeder Ecke aus. Die Unterdrückung zu bekämpfen, heißt, all diese kleinen Dinge zu ändern. Dies sind keine Nebenkriegsschauplätze, sie alle sind Manifestationen ein und derselben Ungleichbehandlung. Heute ist der 8. März. Er geht auf die Sozialistin Clara Zetkin zurück. Von den vielen Namen, die er hat, gefällt mir der „Internationale Frauenkampftag“ am besten. Für mich ist es nicht nur ein „Frauentag“, es ist immer noch ein Kampf, und es ist wichtig, dass wir uns das vergegenwärtigen und uns zusammenfinden.

Der Kampf wird auch nicht leichter, denn wir haben uns so an diese tief sitzende, in allen Bereichen verankerte Diskriminierung gewöhnt, dass sie vielen Menschen nicht mehr auffällt. Die Übermacht des Patriarchats anzukreiden, heißt deshalb, Menschen in ihrem Alltag damit zu konfrontieren, zu kommentieren und ins Gespräch zu kommen. Denn wenn wir unverdiente Privilegien sozialer Gruppen abschaffen wollen, müssen wir sie zuerst hinterfragen. Das ist nicht immer leicht und oft macht man sich damit zunächst nicht beliebt. Umso wichtiger zu wissen, dass man nicht alleine kämpft, egal an welchem Kriegsschauplatz.

Liebe Schwestern und Verbündete, es ist noch ein langer Weg. Ich bin dabei. Ihr auch?

 

Grafik: Nina Vatolina

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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3 Kommentare

  1. Rene says:

    Mrz 11, 2015

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    Ein schöner Apell, dem ich mich gern anschließe!
    Nur eine Sache, die mich wirklich beschäftigt: Was meinst du, wenn du von „wir“ sprichst? Die Gesellschaft, alle Individuen, dich, mich, deine Arbeitskolleg_innen? Warum die Frage: bedeutet strukturelle Ungleicheit immer, dass die Menschen die hier angesprochen sind – absichtlich, bewusst unterdrücken?

  2. Kathy says:

    Mrz 12, 2015

    Antworten

    Mit wir meine ich alle, die die Muster und Strukturen von Ungleichbehandlung am Leben erhalten. Ich würde nie behaupten, dass alle davon absichtlich, bewusst unterdrücken. Aber das ist auch zu einem gewissen Grad irrelevant, denn man muss nicht aktiv unterdrücken um von den Privilegien, die aus der strukturellen Ungleichbehandlung erwachsen, zu profitieren. Wenn in einer Runde z.B. frauenfeindliche Sprüche fallen, sich niemand dagegen positioniert und dadurch Ungleichbehandlung verfestigt wird, dann haben alle ihren Anteil daran, und nicht nur derjenige, der den Spruch gebracht hat.

  3. […] einen genau das, wofür Kathy in ihrem Beitrag „Kriegsschauplätze“ wirbt: Menschen in ihrem Alltag mit Ungerechtigkeiten und Diskriminierung konfrontieren, diese […]

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