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Inga lacht gern und laut, wenn sie „The Big Bang Theory“ schaut, obwohl die Serie unverhohlen mit Sexismus spielt. Warum sie die Sitcom trotzdem lustig findet.

Spoiler-Alarm: Die im Folgenden beschriebene Folge wird im deutschen Free-TV erst kommende Woche ausgestrahlt.

Ein ganz normaler Tag in einer Stadt in Kalifornien, drei Freundinnen sitzen bei Kaffee und Plätzchen auf der Couch. Die eine, sie heißt Bernadette, lächelt über das ganze Gesicht und erzählt, dass sie unter die 50 heißesten Wissenschaftlerinnen von Kalifornien gewählt und deshalb zum Fotoshooting bei einer Zeitschrift eingeladen wurde. Bernadette ist eine erfolgreiche Mikrobiologin. Während die eine Freundin sich sehr mit ihr freut, fällt die Reaktion der anderen nicht so aus, wie Bernadette es wohl erwartet hätte. Sie stellt infrage, ob es wirklich angebracht ist, eine Wissenschaftlerin für ihr Aussehen zu ehren – statt für ihre Arbeit.

Wer die Serie kennt, sollte längst erraten haben, dass ich hier eine Szene aus „The Big Bang Theory“ beschreibe. Doch diese Frage, die hier in der siebten Episode der achten Staffel gestellt wird, ist alles andere als exklusiv für diese Sitcom, noch ist sie neu. Ich erinnere mich etwa an die Diskussion über die sinnlichen Bilder von Yahoo-CEO Marissa Mayer in der Vogue.

Nun bin ich nicht der Freund davon, irgendwem irgendwas zu verbieten. Wenn es nach mir geht, darf sich jeder* vor der Kamera räkeln. Ich würde mich ja eher sogar freuen, mehr heiße Männer – ob nun Chefs, Wissenschaftler oder Arbeitslose – sehen zu können. Aber die Kritik hat natürlich ihre Berechtigung, weil es zur Zeit eben nicht so ist, dass Männer im gleichen Maße auf diese Weise „ausgezeichnet“ oder abgelichtet werden und dass sie wie wir Frauen nur auf ihr Äußeres reduziert werden.

Dementsprechend habe ich dieses Thema noch nie vorher als amüsant empfunden. Die Big-Bang-Theory-Folge hat es allerdings geschafft, dass ich lauthals gelacht habe, und hat mich gleichzeitig mit einem diffusen „Darf ich darüber eigentlich lachen?“-Gefühl zurückgelassen.

Nerdige Männer und das dumme Blondchen

Denn vor allem wenn ich an die Anfänge von „The Big Bang Theory“ zurückdenke, strotzt die Story nur so vor (Alltags-)Sexismus. Nicht viele der ersten Folgen würden den Bechdel-Test bestehen, vermute ich. Denn die Protagonisten* sind fast alle Männer; die einzige weibliche Hauptrolle hört zwar auf den Namen Penny, hat im Gegensatz zu den Männern aber nicht mal einen Nachnamen (übrigens bis heute nicht); und da es de facto außer der Nebenrolle Leslie Winkle keine Frauen gibt, gibt es auch kaum Gelegenheit für Penny mit einer anderen Frau über etwas anderes als über Männer zu reden.

Beschämenderweise kommt hinzu, dass Penny als „das dumme Blondchen“ dargestellt wird, das sehr viel Wert auf sein Äußeres legt und weder einen College- noch sonst irgendeinen akademischen Abschluss vorzuweisen hat. Klar, je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr Tiefe bekommen die Charaktere, desto mehr entwickeln sie sich weg von den Stereotypen, die sie am Anfang darstellen. Außerdem erscheinen mit Bernadette und Amy ab Staffel drei auch zwei geniale weibliche Wissenschaftlerinnen auf der Bildfläche. Wobei bis heute kein weiblicher Charakter ein richtiger Geek ist. Und um auf den Bechdel-Test zurückzukommen: Wenn Penny, Amy und Bernadette unter sich sind, reden sie selten über etwas anderes als ihre Männer. Besonders Amy, die wohl die Nerdigste unter ihnen, ist völlig versessen darauf, von Sheldon geliebt zu werden.

Warum lache ich?

Dennoch finde ich, dass „The Big Bang Theory“ von Anfang an lustig ist. Ich ärgere mich selten bis nie über den Sexismus in der Serie. Meistens lache ich.

Ich lache, weil ich glaube, eine gewisse Ironie darin zu erkennen. Schließlich gehören die männlichen Hauptcharaktere auch zu diskriminierten Gruppen – so wie überhaupt fast alle Charaktere der Sitcom. Sie sind die Geeks, die alles andere als den Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen, die schon immer wegen ihrer Intelligenz gemobbt wurden, die sozial wenig kompetent sind. Leonard ist darüber hinaus sehr klein und lactoseintolerant. Howard ist ein gruselig sexistisches Muttersöhnchen jüdischen Glaubens. Raj ist Inder und muss sich nicht selten dumme Sprüche über seine Emotionalität anhören, die als feminin ausgelegt wird. Und Sheldon … wo fange ich da bloß an? Den anderen Charakteren gegenüber scheint die Rolle der Penny gesegnet mit sozialer Kompetenz.

Für mich ist klar: Diese Serie arbeitet mit Irritationen. Nein, ihr gesamter Humor besteht aus Irritationen. Alle Charaktere, ob Haupt- oder Nebenrollen, weichen in irgendeiner Art von traditionellen Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Normen ab, bis auf Penny – die (zumindest anfangs) der Inbegriff dessen ist, was Frauen in unserer Gesellschaft gemeinhin zugesprochen wird. Das liegt natürlich größtenteils an der Erzählperspektive. Dadurch dass die Geschichte durch die Brille des männlichen Hauptcharakters Leonard erzählt wird, erscheinen einerseits die Schrullen seiner Freunde als liebenswert (egal wie gruselig sie tatsächlich sind – siehe Howard) und Penny wird andererseits zum Inbegriff der Perfektion erhoben. Deshalb scheint sie, oder besser scheint ihre Freundschaft für die anderen auch das Einfallstor in ein anderes, vermeintlich normaleres Leben zu sein. In ein Leben, das sie sich besonders in ihrer Schulzeit gewünscht hätten.

Voneinander lernen

Doch stattdessen nähern sich alle einander an. Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr nimmt jeder von ihnen daraus mit: Sheldon etwa lernt, Sarkasmus zu verstehen; Penny begreift, dass sie dank ihrer Empathie ein Verkaufstalent ist; Raj kann plötzlich mit Frauen sprechen; Howard äußert sich nicht mehr ununterbrochen sexistisch; Bernadette bekommt ihre Reizbarkeit besser unter Kontrolle. Und uns Zuschauern wird klar, dass die Geeks gar nicht so weltfremd sind, wie wir vielleicht vermutet haben, und dass die hübsche Frau keineswegs so dumm ist, wie wir ihr vielleicht zuerst unterstellt haben.

Auf einer anderen Ebene behandelt „The Big Bang Theory“ außerdem immer wieder gesellschaftskritische Themen. Nicht selten thematisiert die Serie auch Sexismus offen – wie eben in der eingangs beschriebenen Szene: Ist es in Ordnung, eine Wissenschaftlerin für ihr Aussehen statt für ihre Arbeit zu ehren? In der gleichen Folge geht es außerdem darum, ob es okay ist, dass Penny ihre Weiblichkeit dazu nutzt, um ihre Produkte besser an den Mann zu bringen (ich schmeiße sofort fünf Euro in die Wortspielkasse). Sie macht aus der Not eine Tugend. Ist das wiederum okay?

Eine abschließende Antwort gibt es meistens nicht auf die aufgeworfenen Fragen. Vielleicht gut so, denn so können wir uns als Zuschauer eine eigene Meinung bilden.

 

 

Übrigens stehe ich mit dieser Ansicht recht allein unter Feministinnen* da, zumindest unter denen, die darüber geschrieben haben. Viele von ihnen werfen auch sehr interessante Punkte auf, die ich hier zu Gunsten der Textlänge vernachlässigt habe. Hier ein paar Links, die ich euch empfehlen möchte:

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. Josef says:

    Apr 9, 2015

    Antworten

    bullseye!

  2. Karina says:

    Apr 24, 2015

    Antworten

    Ich bin eine Nerdfrau (ich mag Star Wars und Fantasy, Comics und Video- bzw. Computerspiele und an meinem PC kann ich auch mal selber herumschrauben), ích mag die Serie auch durchaus, wobei ich sie nicht jede Woche schaue. Was mir aber eben leider auffiel und fehlte – eine Nerdfrau! Gut, Amy passt so halbwegs. Aber auch Amy hat kein Verständnis für Comics, Rollenspiele, Fantasy etc. In der Serie wirkt es fast so, als wenn Frauen das nicht verstehen könnten. Schade eigentlich.

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