Eine Frau im weißen Kleid sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Die gleiche Frau zieht an ihren Fesseln und schwebt in die Luft.

Gleichstellungspolitik versucht nur Symptome zu lindern, wo Ursachenbekämpfung dringend nötig wäre, findet Rene.

 

Ob Frauenquote oder Equal Pay Day: die großen Tageszeitungen, der öffentlich rechtliche Rundfunk, große Interessenorganisationen haben in den letzten Wochen über Gleichstellungsfragen berichtet, kommentiert, diskutiert. Obwohl jede um die Halbwertzeit solch medialer Inszenierungen weiß, ist es wichtig, Missstände anzuprangern, Ungerechtigkeiten zu thematisieren und Debatten zu ermöglichen. Und ja, ich sehe mich als Verbündeten – im Kampf gegen Ungleichheit und Diskriminierung, wie sie sich vor allem in den Kategorien Gender/Race/Class manifestieren. Allerdings sehe ich in der Debatte um Gleichstellung blinde Flecken.

Heute und damals: Frauen müssen funktionieren

Christiane Benner, Vorstandsmitglied der IG Metall schreibt im Handelsblatt, für eine gelebte Gleichstellung sei es nötig, dass Frauen sich von den alten Dogmen „Kinder, Küche und Kirche“ lösen müssen. Hier ist in Bezug auf Berufstätigkeit auch einiges passiert. In der Tendenz lösen sich weibliche Biografien vom klassischen Modell einer Hausfrauenehe, in der Frauen Kinder und Haushalt verwalten und Männer das Einkommen erwirtschaften. Die Erwerbstätigenquote der Frauen nimmt zu, sozialinvestive Politik zielt darauf, ökonomische Potenziale weiblicher Erwerbsarbeit zu heben. Frauen als ökonomischer Faktor, allerdings nicht gleichgestellt zu männlicher Erwerbsarbeit. Weder in der Entlohnung, noch bei den Aufstiegschancen. Paradox auch insofern, wo doch in einer sogenannten Wissensgesellschaft das Humankapital über Erfolg und Innovationsfähigkeit der Individuen und ganzer Volkswirtschaften entscheiden soll. Frauen verfügen über ein höheres Bildungsniveau als Männer.

Selbstverständlich sind diese Ungerechtigkeiten zu kritisieren, müssen Optionen gefunden werden, diese nicht nur zu korrigieren, sondern abzuschaffen. Zu bedenken gilt aber, dass „Kinder, Küche und Kirche“ keine willkürlich zugeschrieben Eigenschaften sind, sondern gesellschaftlichen Funktionen entsprochen haben bzw. immer noch entsprechen. Der Appell an Veränderung, die Aufforderung an Frauen, sich anders zu definieren, läuft spätestens hier ins Leere. In den Beiträgen und Diskussionen der oben angesprochenen Medien und Institutionen spielen sich Gleichstellungsfragen auch nur in Funktionen ab. Frauen sind in diesen Beiträgen nicht mehr als: Mutter, Pflegende/Sorgende, ökonomisch Produktive und Konsumentin. Frauen ohne Kinder- und Karrierewunsch etwa kommen praktisch in keiner Debatte vor. Böse gesprochen: weil sie dann nutzlos sind?

Illusionen von Handlungsoptionen

Die Probleme, die sich mit Gleichstellungsfragen ergeben, sind jetzt und höchstwahrscheinlich noch sehr lange ungelöst. Fragen der Kindererziehung, sowie allgemeiner Sorge- und Haushaltstätigkeiten sind ungleich verteilt. Es fehlen nicht nur die strukturellen, sondern auch kulturellen Voraussetzungen der Gleichstellung der Geschlechter. So ergibt sich ein gesellschaftliches Klima, das Frauen zwar mit Aufstiegs- und Verheißungsversprechen umwirbt, jedoch ohne stabilisierendes Fundament. Es wird so getan, als ob geschlechtsspezifische Sozialisation, als ob Normierungs- und Normalisierungsmuster ignoriert werden könnten. Wo von der Selbstentfaltung von Frauen gesprochen wird, zerschellt diese am harten Boden der gesellschaftlichen Realität. Selbstverständlich lässt sich einwenden, diese Handlungsoptionen ließen sich schaffen. Das ist schließlich eine Aufgabe von Politik.

Die Politik wird es schon richten

Appelle an die Politik oder die Wirtschaft bleiben vor dem Hintergrund einerseits wichtig, andererseits eigenartig zahnlos, da sie implizieren, Gesellschaft ließe sich steuern und Gleichstellungsfragen auf Verfahrensfragen reduzieren. Politische Strategien wie „Gender Mainstreaming“, aber auch Positionierungen befinden sich in einem Dilemma. Wenn Gender Mainstreaming als politische Strategie bedeutet, „bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen“, müssen wir ketzerisch fragen, was denn die Interessen von Frauen sind.

Zweierlei ist an einer solchen Strategie bedenklich. Der Interessenbegriff verschleiert Analysen und Fragen, wie Interessen eigentlich zustande kommen. Etwa wenn Frauen laut Statistik „nur“ Teilzeit arbeiten wollen, wegen einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Oder wenn Frauen der Empirie zufolge Berufe lernen wollen, die objektiv ein hohes Risiko der Prekarität bedeuten. Soll diesen angeblich weiblichen Bedürfnissen entsprochen werden, wo sie doch wieder auf Diskriminierungstendenzen hinter den Interessen verweisen? Lapidar gefragt: Wenn Frauen diskriminiert werden wollen, warum ihnen diesen Wunsch verwehren? In dieser Logik sind Frauen dann selbst verantwortlich für ihre Diskriminierung.

Wie weiter?

Natürlich hat die kritische Sozialwissenschaft genau solche gesellschaftlichen Hintergründe der Herausbildung von Interessen erforscht. Der Hinweis balanciert an dieser Stelle auf unsicherem Gelände, da sie keinen Punkt benennen kann, praktisch „aufzuklären“. Aufklärungsperspektiven scheitern allzu oft an der Persistenz schon gesellschaftlich etablierter Normalitäten. Praktischen Ausdruck findet dieses Dilemma in der Bevormundungsrhetorik vieler Gleichstellungskritiker.

Ja, ich weiß, das klingt ein wenig resignativ und pessimistisch. Es stellt sich die Frage, was hat der Autor praktisch anzubieten?

Zum einen genau das, wofür Kathy in ihrem Beitrag „Kriegsschauplätze“ wirbt: Menschen in ihrem Alltag mit Ungerechtigkeiten und Diskriminierung konfrontieren, diese kommentieren und darüber ins Gespräch kommen. Zum anderen plädiere ich für mehr Sensibilität gegenüber blinden Flecken im Diskurs. Bei der Frage von Gleichberechtigung jenseits (ökonomischer) Funktionalitäten erinnere ich mich etwa an eine scheinbar verschwundene Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Der Fokus eines gesellschaftlichen Diskurses, der sich ausschließlich an gesellschaftlicher Brauchbarkeit orientiert, versperrt die Sicht auf alternative Lebensentwürfe und Gemeinschaftsformen.

 

Foto: Mariesol Fumy

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. […] das viel beschriene Phänomen des „Maternal Gatekeeping“, die Gleichstellungspolitik oder alles auf […]

  2. […] Schuld am mangelnden Nachwuchs. Das reduziert das Problem auf dreiste Weise und verhindert alternative Argumente im Zusammenhang mit Nachwuchs, Gleichstellung und gesellschaftlicher Entwicklu…. Ärgerlich ist insbesondere die Ignoranz gegenüber der spezifischen Situation von Frauen in […]

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