5528045794_ea66c0fc19_bReligion und Glaube sind nicht unbedingt Verbündete im Kampf um Gleichstellung und Emanzipation. Dies beweist mal wieder das Samstagsessay in der Süddeutschen Zeitung. Allerdings hat der nichts mit den klassischen Religionen zu tun.

Ich habe Evangelische Theologie studiert. Nicht weil ich religiös oder gläubig bin. Sagen wir, mir hat noch ein Nebenfach gefehlt und dieses war NC-frei. Allerdings hat mich das Studium ab der ersten Vorlesung gepackt. Ich wusste damals nicht einmal, dass die Bibel aus dem Neuen und dem Alten Testament besteht. Also habe ich es durchgezogen. Bis hin zur Bibelkundeprüfung. Für mich ist es bis heute eine ungemeine Bereicherung, um gewisse Zusammenhänge in Politik, Kunst, Geschichte und Philosophie zu verstehen. Bis heute bin ich nicht gläubig und stehe den Kirchen kritisch gegenüber. Allgemein nehmen in Europa Religiösität und die Kirchenmitgliedschaft ab. Dennoch beobachte ich irritiert und fassungslos eine sich gleichzeitig pandemisch ausbreitende neue Glaubensrichtung, die sich in den Köpfen der Menschen fest. Einer ihrer vielen Vertreter* ist Marc Beise, Wirtschaftsjournalist der Süddeutschen Zeitung.

Herr Beise ist ein Verfechter der Wirtschaftsgläubigkeit. Der Wirtschaft und dem Staat muss es gut gehen. Wie das geht? Indem anständig in das deutsche Bildungssystem invesitiert wird. Er bemängelt zu Recht, dass Deutschland viel zu wenig Geld für frühkindliche, berufliche und universitäre Bildung ausgibt. Mit dem Thema befassen sich weder die G7-Staatchefs, noch ist es ein populäres Wahlthema. Erst recht nicht in einer Gesellschaft, die immer älter wird und sich eher um die Rente sorgt. Er glaubt, dass mit dem Kita-Streik der vergangenen vier Wochen diese Thema ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt ist und sich vielleicht was ändert. Drittmittelprojekte, humane Studiengebühren, von Unternehmen gesponsorte Lehrstühle und Kooperationen an Schulen sind für Marc Beise ein guter Anfang. Die Firmen werden wenigstens aktiv, wenn der Staat „weniger mutig“ agiert.

Wir handeln wirtschaftsorientiert

Für mich reiht sich der Artikel in eine lange Liste von Scheinargumenten nach dem Motto „Wem nützt es?“ Schon im Studium, ich studierte auch VWL, musste ich mir anhören, dass es dem Menschen besser geht, wenn die Wirtschaft floriert. Verstärkt hat sich dies mit den Reformen der Agenda 2010 von der damaligen Bundesregierung rund um Gerhard Schröder. „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Der Mensch steht schon lange nicht mehr im Mittelpunkt von Politik, Reformen und Staat. Dreh- und Angelpunkt ist die Wirtschaft. Sie ist der einzig legitime Gradmesser, an dem alles ausgerichtet ist. Deutschland muss mehr Geld in Bildung investieren, damit die Unternehmen wettbewerbsfähig sind. Frauen sollen – wenn es denn nun sein muss – in Führungspositionen, weil sie besser führen. Wir sollten – wenn es denn nun sein muss – mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber nur die gut Ausgebildeten. Die deutschen Unternehmen klagen schließlich über den Fachkräftemangel in bestimmten Berufen und Branchen. Deutschland muss mehr ausländische Studierende an die eigenen Hochschulen locken und nach dem Studium auch hier behalten. Deutsche Unternehmen wollen schließlich ihr Wissen nutzen. Im Ausland haben sie nichts von den guten Absolventen*.

Amen.

Für die Jünger* der Wirtschafsgläubigkeit zählen nur noch ökonomische Argumente. Christliche Ethik, Moral, der Kategorische Imperativ – so unzureichend und veraltet sie in der heutigen Welt auch erscheinen mögen – dienen nicht mehr als Leitfaden für individuelles und kollektives Handeln. In den Tempeln der Wirtschaftsgläubigen beten die Anhänger* Börsenkurse, BIP-Wachstumsraten, Umsatzzahlen und die Arbeitslosenquote an. Die Offenbarungen der Wirtschaftsweisen und großen Wirtschaftsinstitute werden wie die Enzykliken der Päpste als unumstößliche Wahrheiten gefeiert. Nur was der Wirtschaft dient, ist auch gut.

Der Mensch findet sich darin nicht wieder. Er* hat der Wirtschaft und dem Arbeitgeber* zu dienen. Bildung ist keine persönliche Angelegenheit mehr, sondern eine wirtschaftspolitische. Es gibt demnach kein Recht auf Bildung, sondern eine Pflicht zur Weiterbildung. Ganz nach dem Motto „fördern und fordern“. Die Erzieherinnen* (es sind ja fast nur Frauen) und Sozialarbeiter* erheben begründete Forderungen, weil es ja der Wirtschaft dient, so Herr Beise. Ich sehe das bei Weitem nicht so. Gerechtigkeit ist ein großes Wort. Beim Kita-Streik geht es aber genau darum. Es geht nicht um den gerechten Lohn, den gibt es nicht. Es geht darum, was jedem* einzelnen* und der Gesellschaft Arbeit wert ist. Und das hat viel mit Gerechtigkeit zu tun. Anhand dessen, was Kita-Mitarbeiter* zur Zeit verdienen, lese ich einen geringen Stellenwert ihrer Arbeit heraus. Hinzu kommt, dass dies Frauenberufe sind. Die sind tradionell schlecht bezahlt. Selbst zwischen den Geschlechtern im selben Beruf gibt es deutliche finanzielle Unterschiede. Gleiches Geld für gleiche Arbeit erscheint Medien, Parteien und dem Gesetzgeber logisch und erstrebenswert. Doch zielen sie dabei auf industrielle Branchen ab. Bei denen sieht man ja die wirtschaftliche Bedeutung sofort.

Streik als Emanzipation

Der Kita-Streik der ver.di betont nicht den wirtschaflichen Mehrwert der Erzieherinnen* und Sozialarbeiter*. Er betont das Individuum. Der Mensch hat ein Anspruch und Recht auf gerechte Bezahlung, die den Wert der Arbeit wiederspiegelt. Als Grundlage muss der gesellschaftliche Wert stehen. Fast jeder verbringt als (Klein-)Kind und/oder später als Elternteil mit Erzieherinnen* und Sozialarbeitern* einen elementaren Teil seines* Lebens. Es ist eine prägende Zeit für jeden* einzelnen* verbunden mit Kindheitserinnerungen und Erfahrungen als Eltern. Dies ist der Grundstein für unser Zusammenleben, für Freundschaften, für das individuelle Leben. Was ist uns dies wert? Doch wohl mehr als eine Teilzeitstelle in einer unteren Entgeltgruppe.

Organisiert euch!

Der Kita-Streik ist ein emanzipatorischer Streik und wird Auswirkung darauf haben, wie hoch der Stellenwert von „Frauenarbeit“ in unserer Gesellschaft bemessen wird. Egal wie wichtig diese Arbeit ist, solange sie mies bezahlt ist, ändert sich auch nichts am Ansehen. Oder: Erst wenn ein Beruf gut bezahlt wird, üben ihn auch vermehrt Männer aus. Frauen, organisiert euch! Nur so lassen sich gemeinsame und gesellschaftliche Forderungen aufstellen und durchsetzen. Die streikenden Erzieherinnen* und Sozialarbeiter* haben dies erkannt. Sie tun dies mit ihrer* zuständigen Gewerkschaft, weil sie so nicht alleine, sondern handlungsfähig sind. Frauen, organisiert euch über die Berufe und Branchen hinweg! Nur so haben wir den Wirtschaftsgläubigen etwas entgegen zu setzten.

 

Foto: Cassady Lancaster

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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