Foto: Calvin Smith

Constanze hat in Russland eine zweite Heimat gefunden. Doch so vieles läuft dort schief. Über eine Hassliebe.

Mein Verhältnis zu Russland ist widersprüchlich. Zum einen verehre ich die russische Literatur und Kunst. Geschichte und Kultur tropfen nur so aus dem Land. Ich habe schöne Erinnerungen an Moskau und St. Petersburg und wunderbare Freunde dort gefunden. Zum anderen bin ich immer wieder geschockt über politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Land. Besonders die Situation von sexuellen Minderheiten besorgt mich. Anlässe dafür gibt es genug.

Führerschein nur für gesunde Menschen

Die BBC berichtet, dass Russland Transsexuellen das Autofahren verbieten möchte. Es gibt eine Liste mit „Erkrankungen“, die eine Führerscheinprüfung unmöglich machen. Auf dieser Liste befindet sich auch Transsexualität und Travesti – neben „zwanghaftem Diebstahl“, „krankhaftem Glückspiel“ und einer Körpergröße unter 1,50 Meter. Als Begründung führt die Regierung die vielen Verkehrsunfälle an. Die eigentlichen Gründe für die vielen Unfälle werden ausgblendet. Da kommt die Ankündigung von Präsident Putin, dass sich der Wodka verbilligt, gerade recht.

Mit dem Ende der Sowjetunion hat Russland enorme gesellschaftliche und politische Veränderungen vorgenommen – auch um sich an Europa anzunähern. 1993 wurde das Verbot von homosexuellen Beziehungen aufgehoben (in Deutschland erst 1994), ein Jahr vorher galt Lesbischsein nicht mehr als Persönlichkeitsstörung und seit 1999 Homosexualität nicht mehr als Geisteskrankheit. Zu Sowjetzeiten waren dies Tabuthemen und Homesexuelle galten als Perverse. Ein Gesetz zum Schutz homosexueller Beziehungen gibt es bis heute nicht. Die Gay-Parade in Moskau wird Jahr für Jahr verboten und ist das Ziel gewaltbereiter Nationalisten und Orthodoxer.

Das Führerscheinverbot ist eine weitere Marginalisierung sexueller Minderheiten in Russland und reiht sich ein in eine seit einigen Jahren zunehmende Diskriminierung von Homosexuellen und LGBT. Seit dem Juli 2013 ist es verboten, sich im Beisein Minderjähriger positiv über „nicht-traditionelle sexuelle Orientierung“ zu äußern. Der Gesetzgeber definiert mit seiner Einteilung in „traditionell“ und „nicht-traditionell“ sexuelle Handlungen als normal und nicht normal und verhindert wirkungsvoll Aufklärung unter Jugendlichen, da das Thema mit ihnen nicht besprochen werden darf.

Russisch-Orthodoxe Kirche gegen die „Krankheit“

Russland ist als Rechtsnachfolger der Sowjetunion Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und erkennt die Menschenrechtscharta an. Als Mitglied des Europarates ratifizierte Russland auch die Europäische Menschenrechtskonvention. Zu einem kompletten Verbot von Homosexulität ist es daher noch nicht gekommen (der sexuelle Kontakt eines Erwachsenen zu einer 16- oder 17-jährigen Person ist aber nicht verboten). Der Russisch-Orthodoxen Kirche gehen die staatlichen Bemühungen nicht weit genug. Denn Homosexualität sei nicht nur eine schwere Sünde sondern auch eine „schwerwiegende Krankheit“ für deren Heilung gebetet werden müsse.

Der verstorbene Patriarch Aleksij II forderte gar die Beteiligung an den internationalen Menschenrechtsverträgen zu überdenken, vor allem die EU-Grundrechtscharta. Mit dem Verbot jeglicher Diskriminierung und der beruflichen Gleichstellung von Frauen und Männern, mische sich der Staat in innerkirchliche Angelegenheiten ein. Der derzeitige Patriarch Kyrill warnt vor der Anerkennung homosexueller Ehen. Denn damit begebe sich ein Volk auf den „Weg der Selbstzerstörung“. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wird sich dafür einsetzten, dass dies in Russland nie geschehen werde. Zugleich beendete sie die Beziehungen zu Kirchen, die die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt haben.

Staat und Kirche Hand in Hand

Die Nähe von Kirche und Staat in Russland ist eng. Abhängig ist der Staat aber von der Kirche nicht. Wenn es ihm also gelegen kommt, ziehen sie am selben Strang. Da Homosexualität (noch) nicht verboten werden kann, propagieren Politik und Kirche ein traditionelles, orthodoxes Familien- und Gesellschaftsbild. Die Frau hat sich der Kindererziehung zu widmen und in ihrer Rolle als Mutter aufzugehen. Der Mann verdient das Geld, beschützt die Familie und ist Vorbild für den Sohn. Entsprechend männlich und stark muss er erscheinen. Auch in Abgrenzung zu Homosexuellen.

Lesben können das „natürliche“ Schicksal der russischen Frau als Mutter nicht erfüllen und werden von ihren Familen ausgegrenzt. Staat und Kirche sehen sich als Beschützer der traditionellen Ehe und der traditionellen Werte. Seit einigen Jahren diskutiert die russische Politik das Demografieproblem als ob das Land aussterben würde. Auf der Jahrespressekonferenz 2007 griff Präsident Putin das Thema in Verbindung mit Homosexualität auf. Angeblich sind Homesexuelle Schuld am Bevölkerungsrückgang da sie keine Kinder bekommen. Die Argumentation ist ebenso verkürzt wie lachhaft, aber sie wirkt.

In Umfragen wird deutlich, dass Homosexualität als unmoralisch angesehen wird. Auch wenn 40 Prozent der Bevölkerung Homesexualität nicht ablehnt, will sie der Großteil aber nicht öffentlich sehen. Immer weniger Homosexuelle stehen aus Angst vor Ablehung, beruflichen Nachteilen oder gewalttätigen Übergriffen nicht zu ihrer Sexualität. Denn wer nicht erkannt wird, wird auch nicht diskriminiert.

Freiwillige folgen den Rufen der Kirche

Ein Gesetz zum Verbot von Homosexualität ist nicht nötig, solange Medien, Politik und Kirche ein orthodoxes Familienidealbild propagieren, das alle ausschließt, die nicht in das Schema passen. So wird eine gesellschaftliche Diskussion von vornherein verhindert. Solange Homesexualität als Vorbote der Apokalypse dargestellt wird, verwundert es nicht, dass sich selbsternannte Orthodoxe und Patrioten als Vaterlandverteidiger auf den Weg machen, das Land von der Krankheit zu befreien. Oft gehören sie der rechtsextremen Szene an. Sie überfallen bekannte Schwulen- und Lesbenclubs, organisieren Übergriffe auf Befürworter und Unterstützer auf Demos, begehen Morde. In den letzten beiden Jahren machten sie vor allem mit Videos von ihrem „Kampf“ aufmerksam.

Angeblich wollen sie Pädophile aufspüren, doch ihr eigentliches Ziel sind homosexuelle Männer. Die locken sie über Online-Plattformen mit falschen Profilen zu einem Treffpunkt und stellen sie vor laufender Kamera bloß. Die Opfer werden misshandelt, beschimpft und geschlagen. Sie müssen gestehen, dass sie homosexuell sind. Dann wird das Video veröffentlicht und die Meute triumphiert in den sozialen Netzwerken über ihre „Erfolge“. Für das Opfer ist das bis dahin relativ normale und sichere Leben vorbei. Einige haben sich daraufhin das Leben genommen. Den Tätern drohen so gut wie nie juristische Konsequenzen.

Besserung nicht in Sicht

Ich wage es nicht eine Prognose abzugeben, wie sich die Lage für LGBT entwicklen wird. Ich bezweifle allerdings, dass sie sich bessert. Dafür sind sie Umstände nicht gegeben. Der Staat wird immer wieder rechtliche Einschnitte, die mit allgemeinen Erklärungen begründet werden, auf den Weg bringen. Alle (relevanten) Parteien verdammen Homosexualität. Eine Zivilgesellschaft, die dies ändern könnte, ist zu schwach. Die Kirche dagegen verfügt über zu viel gesellschaftlichen Einfluss. Sexuelle Minderheiten werden in die Illegalität, aus der Gesellschaft heraus, in die Schutzlosigkeit getrieben, ohne sich wehren zu können. Die Zukunft bietet leider keine Liebesgrüße aus Moskau.

 

Weitere Informationen

Ich danke Christine, die mir ihre Magisterarbeit zur Verfügung gestellt hat.

 

Foto: Calvin Smith

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