Jennifer LawrenceDie FemSterne waren im Kino: „Joy – Alles außer gewöhnlich“ so der unbescheidene deutsche Titel des gesehenen Films. Er erzählt einen beachtlichen sozialen Aufstieg endlich mal mit einer weiblichen Protagonistin.

Der Kinovorhang öffnet sich: Vor einer kargen Kulisse stehen sich zwei Frauen mit toupierten Haaren in glitzernder Abendrobe gegenüber, aber schauen und reden seltsam aneinander vorbei. Die eine gibt sich theatralisch verzweifelt, die andere reicht ihr unterkühlt eine Waffe. „Du bist so stark, Danica“, jammert die Verzweifelte und nimmt die Pistole entgegen.

Kurz glaube ich, in einem Art-House-Film gelandet zu sein, und ein bisschen artsy kommen die immer wieder kurz eingeblendeten Szenen aus einer Soap Opera rund um die selbstsichere und hochmutige Danica (Susan Lucci) tatsächlich daher. Allerdings sehen wir sie von nun an nur noch auf einem kleinen Röhrenfernseher vom Bett einer Frau mittleren Alters aus. Denn Joys Mutter (Virginia Madsen) scheint nichts anderes mehr zu tun, als diese Serie zu schauen, seit Joys Vater (Robert de Niro) sie verlassen hat. Deshalb ist sie auch keinerlei Hilfe für ihre Tochter, die mit zwei kleinen Kindern, der Großmutter und ihrem Ex-Mann unter einem bereits mit einer Hypothek belasteten und ziemlich maroden Dach lebt.

Die schrullige und stressige Familie

Im ersten Teil der Filmbiographie „Joy“ (Regie: David O. Russell) erleben wir den Alltag einer Frau in ihren Zwanzigern, die sich um alles und jeden kümmert, aber sich selbst dabei vergisst: Joy (Jennifer Lawrence). Eine stressige Situation folgt der anderen – Joys Vater zieht in den Keller ein, nicht ohne vorher in einem Anfall von Jähzorn das Porzellan seiner Ex-Frau zu zerschmeißen, Joys Arbeitgeber am Flughafen verkündet ihr, dass sie von nun an die Nachtschicht übernehmen muss, ihr Sohn wird krank, im Zimmer der Mutter bricht ein Rohr und das Geländer vorm Haus gibt den Geist auf. Dies alles und noch einiges mehr geschieht in einer Dichte, dass man es schon beim Zusehen kaum ertragen kann. Aber Joy bleibt cool.

Dabei hatte sie in ihrer Kindheit immer davon geträumt, eines Tages Erfinderin zu werden. Denn Erfindungsreichtum sei eine ganz besondere Macht, verkündet sie ihrer neidischen Stiefschwester in einer Rückblende in die Kinderzeit – und einen Prinzen brauche sie dafür auch nicht. Letzteren braucht sie zum Glück tatsächlich nicht, sonst hätte der Film auch ein ganz schaurig kitschiger Liebesfilm werden können. Gelegenheiten dazu hätte er einige gehabt, aber erfreulicherweise zeigt er nur eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen einer Frau und ihrem Ex-Mann und eine professionelle Freundschaft zwischen einer Frau und ihrem Geschäftspartner. Denn als Erwachsene beginnt Joy, ihren Traum wahr zu machen und wird Erfinderin: Sie entwirft einen sich selbst auswringenden und maschinenwaschbaren Wischmop, den in den USA bekannten „Miracle Mop“.

Von der Tellerwäscherin zur Millionärin

An dieser Stelle beginnt der zweite Teil der Geschichte – denn eigentlich ist „Joy“ drei Filme in einem: anfangs eine schrullig-lustige Screwball-Komödie über den Alltag einer nervigen Familie, dann das typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär- oder in diesem Fall Von-der-mittellosen-Hausfrau-zur-Millionen-schweren-Wischmop-Erfinderin-American-Dream-Gewäsch und zum Schluss die Wendung vom übernetten Naivchen hin zur toughen Business-Frau, die sich die Haare abschneidet und mit Sonnenbrille bewaffnet erfolgreich mit einen langfingrigen Cowboyhut-Texaner feilscht.

Leider lässt der Film in seinem dramaturgischen Anspruch insbesondere im letzten Teil stark nach. Allzu klar ist dem Zuschauer, dass alles auf ein Happy End hinausläuft, und allzu abgedroschen ist die beschriebene Wendung und das symbolhafte Stilmittel, dass sich die Protagonistin in einem Anflug von Selbstbewusstsein die Haare abschneidet. Dennoch ist „Joy“ kein Film wie jeder andere, denn wenn es bei solchen Selfmade-Geschichten ausnahmsweise mal um eine Frau geht, heiratet sie in der Regel am Ende den Prinzen (Aschenputtel, Schneewittchen) oder zumindest einen (ultra-)reichen Typen (Pretty Woman, Bridget Jones). Chapeau, dass Joy dies nicht tut, sondern selbst einfach zu einer ultrareichen (nicht nur sympathischen) Matriarchin wird.

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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