Foto: Stefan Franke; Ein Mann und ein Kind gehen Hand in Hand eine Einkaufstraße entlangSeit einiger Zeit bestimmt die Debatte um Zeitsouveränität und die Vereinbarkeit von Beruf und Leben die politischen Debatten. Doch dabei werden klassische Geschlechterrollen zementiert, findet Constanze.

Wir bejubeln die neuen jungen Väter. Sie nehmen sich Zeit für Familien und Nachwuchs. Endlich. Sie wollen die Zeit nach der Geburt miterleben. Das gibt es schließlich nur einmal. Und zwar zwei volle Monate lang.

Ich danke der Politik für die Elternzeit. Ich kann das Loblied auf die modernen Väter nicht mehr hören. Klar, früher musste sich kein Vater entscheiden, ob er zu Hause beim Kind bleiben will. Die Diskussion gab es einfach nicht. Heute können Eltern zumindest diskutieren, wie und ob sie die Elternzeit nehmen. Doch nur sechs Prozent aller Elternteile, die länger als zwei Monate zu Hause bleiben, sind Väter.

Eine Frage des Geldes

Mein Kollege ist ganz stolz darauf, dass er zwei Monate (gesplittet) bei der Tochter sein konnte. „Das war früher nicht möglich. Zum Glück hat sich das geändert und ich kann ein moderner Vater sein“, meint er. Er redet von Gleichberechtigung und will damit als gutes Beispiel vorangehen. Darauf ich: „Dann solltest du länger als zwei Monate nehmen.“ Hier kommt das große Aber. Aus finanziellen Gründen „lohnt“ es sich nicht für Väter länger zu Hause zu bleiben. Oder: „Das können wir uns nicht leisten.“ Elternzeit schön und gut, aber trotzdem geht die Frau nicht arbeiten. Weil sie in der Regel den schlechter bezahlten Job hat. Einen finanziellen Ausgleich gibt es nicht. Der gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und familiäre Druck auf Frauen ist so groß, dass sie sich den Männern und ihrer Berufsplanung anpassen. Dass sie die ihnen zugeschriebenen Rollen in Gesellschaft, Wirtschaft und Familie erfüllen. Die Entscheidungsfreiheit in Bezug auf die Elternmonate ist nur eine theoretische.

Eine Frage der Karriere

Die Frau hat mit dem Karriereknick zu kämpfen und muss nach dem Wiedereinstieg wieder ganz von vorne anfangen. Der Mann steigt aus Sorge um die Karriere bewusst nur zwei Monate aus. Auch wenn es durchaus attraktive Angebote in einzelnen Firmen gibt, mangelt es an männlichen Vorbildern. Oft ernten Väter verständnislose, bisweilen dumme Kommentare von Kollegen* und Vorgesetzten*, wenn sie es den Frauen gleich tun wollen. Es soll auch immer noch Firmen geben, in denen beruflicher Aufstieg und Elternzeit – egal wie lang – nicht vereinbar sind. Also gehen beide Partner auf Nummer sicher und eine* verzichtet.

Ich bin beruflich viel in namhaften und großen Unternehmen unterwegs. Regelmäßig sind Besuche dort eine Reise in die Vergangenheit. Betriebsräte* berichten von Teilzeit und Homeoffice nur für Frauen. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Leben ist für sie ein rein geschlechtsspezifisches Thema. Immerhin reden gesellschaftliche und politische Akteure heute von Beruf und Leben und nicht mehr von Beruf und Familie.

Vereinbarkeit von Beruf und Leben ist weiblich

Letzte Woche war ich zu Gast auf der Angestellten*konferenz der IG Metall. Auch da diskutieren die Mitglieder das Thema. Es ist Teil der großen Debatte um Zeitsouveränität. Doch wie bei Kirchen, Parteien und Institutionen denken sie dabei immer noch in althergebrachten Rollenbildern. Vereinbarkeit heißt Zeit für Kinder/Familie und ist weiblich. Vereinbarkeit heißt Pflege von Angehörigen und ist weiblich. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Institutionen sind immer ein Spiegel ihrer Mitglieder. Daher diskutiert die Evangelische Kirche auch ein neues Familienbild und keine alternativen Lebensmodelle. Der Erste Vorsitzende der IG Metall fasst unter Vereinbarkeit auch Engagement, Ehrenamt und Hobby. Doch es wird lange dauern, bis diese Themen in Gesellschaft, Betrieb und der Wirtschaft ankommen.

Wir brauchen mehr als Vereinbarkeit

Alle diskutieren und kleine Fortschritte zeichnen sich ab. Mir reicht das nicht. Es dauert mir einfach zu lange. Mir fehlt der wirklich Drang nach Veränderung. Mir fehlen Taten. Ich habe keine Kinder und will keine haben. Schließt mich die Debatte um Vereinbarkeit erst ein, wenn ich meine Eltern pflegen muss, weil ich eine Frau bin? Ich möchte eine nicht geschlechtsspezifische Diskussion um das Thema. Ich habe meinen Job, möchte aber dazu so viel wie möglich an Ehrenamt und Hobby machen. Ich wünsche mir politische Anreize für Eltern, die Elternzeit gleichberechtigt aufzuteilen. Ich fordere eine Verpflichtung für alle Unternehmen, jungen Eltern jeweils mindestens zwölf Monate Elternzeit zu ermöglichen. Mit finanziellem Ausgleich.

Doch vor allem fordere ich eine echte Arbeitszeitverkürzung, bei vollem Lohnausgleich. Damit wir alle nicht nur ein paar Monate, sondern wirklich was vom Leben zu haben. Wir brauchen mehr Leben und weniger Arbeit.

 

Foto: Stefan Franke

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. Kathy says:

    Mai 3, 2015

    Antworten

    Sehr schöner Artikel. Mehr Teilzeit für Frauen ist wirklich die schlechteste Lösung, vor allem wenn man an die Folgen (Rentenansprüche…) denkt. Ich stimme Dir voll zu, was wir wirklich brauchen, ist eine generelle Arbeitszeitverkürzung für alle, eine Umverteilung des absoluten Arbeitsvolumens auf mehr Erwerbstätige würde dabei noch mehr Probleme lösen.

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