IMG_0055Vor allem Mütter exponieren in jüngster Zeit ihr vortreffliches Leben in sozialen Netzwerken. Doch hinter der vermeintlichen Perfektion liegt einiges im Argen, findet Inga.

Emma wie sie drei Kerzen auf einer riesigen Torte auspustet, Emma schlafend auf altrosa, bügelglatter Bettwäsche, Emma vor einem Turm aus Holzklötzen, Emma in den High Heels ihrer Mutter und Emma wie sie Gemüse schnippelt. Mein Smartphone-Display zeigt mir die kleine Emma täglich in neuen bunten Situationen, dabei kenne ich sie nicht mal. Ich folge lediglich ihrer Mutter bei Instagram.

Und ihr Account verrät mir einiges – vor allem aber immer wieder, dass meine elterlichen Fähigkeiten im Vergleich zu wünschen übrig lassen. Denn jedes Foto ist makellos: Emmas Kleider sind modisch, ihr Zimmer ist immerzu blitzeblank, das Spielzeug aus Holz, das Essen kerngesund.

Natürlich zeigen diese Bilder immer nur Ausschnitte und sind nicht selten sogar bearbeitet. Neben der Couch ein Berg ungebügelter Wäsche? Dann verändern wir halt den Winkel der Kamera. Die Augenringe erzählen von der schlaflosen Nacht? Einfach ein Skin Smoothing Filter darüber. Emma war nur mit einem Schokoriegel zu beruhigen? Wir posten einfach den Quinoasalat von heute Mittag.

Doch die Fotos verbreiten eine gefährliche Botschaft: Dieses vermeintlich perfekte Leben ist nachahmenswert. Und neben Instagram stellen auch noch tausende Blogs und Facebook-Pages sie zur Schau. Da verwundert es nicht, dass laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) mehr als 84 Prozent der zwischen 20- und 39-Jährigen finden, dass man bei der Erziehung von Kindern viel falsch machen kann und sich Eltern deshalb sehr gut informieren sollten. Ein gutes Viertel meint sogar, dass Eltern ihre Bedürfnisse ganz denen ihrer Kinder unterordnen sollten.

Perfektionismus auf der To-Do-Liste

Sicher ist, immer mehr von uns eifern den Instagram-Müttern nach. Und da wundern wir uns, dass die jüngste Studie der Zeitschrift „Eltern“ ergeben hat, dass 73 Prozent der Mütter und 56 Prozent der Väter heute größeren Druck als früher empfinden. Und das nicht etwa wegen beruflichem Stress, sondern vor allem wegen der eigenen gewaltigen Ansprüche. Und nicht nur das: 74 Prozent der Mütter und 65 Prozent der Väter finden obendrein, dass sie diesen Ansprüchen häufig oder gelegentlich nicht gerecht werden. Gleichzeitig sind 62 Prozent der Befragten überzeugt, dass die gesellschaftlichen Erwartungen gestiegen sind.

Vielleicht gründet das alles auch in unseren eigenen Minderwertigkeitskomplexen. Was haben unsere Eltern immerhin alles falsch gemacht und wie verkorkst sind wir geworden! Unsere Kinder sollen bloß nicht die eigenen schlechten Erfahrungen machen müssen.

Oder sind wir etwa wirklich nur so eitel, allen zeigen zu müssen, dass bei uns alles wie geschmiert läuft? Wenn es bei Instagram nicht rein um Oberflächlichkeiten geht, weiß ich auch nicht. Soziale Netzwerke sind erfunden worden, damit ihre Mitglieder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Ein Like ist der Ritterschlag, ein neuer Follower die Krönung, ein Share die Heiligsprechung der Neuzeit. Jeder soll wissen, wie beliebt wir sind.

Mehr Schein als Sein

Und da sind wir dann doch wieder bei den Minderwertigkeitskomplexen. Denn wir suchen diese Bestätigung sicherlich auch, weil wir insgeheim wissen, dass eben doch nicht alles so toll ist, wie wir es gern hätten. Zum Beispiel wenn es um die Rollenverteilung geht. Wo zum Teufel ist eigentlich Emmas Vater? Warum sehe ich nie Bilder von ihm oder schaue gar seinen Instagram-Account an?

Weil der Vater bei der Arbeit ist. Der Studie des BiB zufolge leben 28,5 Prozent der Befragten das Modell des männlichen Alleinverdieners, obwohl sie es ablehnen. Gründe kann es dafür viele geben: Ob nun die Kinderbetreuungssituation, die Arbeitswelt an sich (Stichworte Teilzeitarbeit, Wiedereinstieg und Lohnunterschiede), das viel beschriene Phänomen des „Maternal Gatekeeping“, die Gleichstellungspolitik oder alles auf einmal.

Ich bin mir allerdings sicher, dass sich die Konsequenzen durch die Omnipräsenz solcher Familienmodelle in sozialen Netzwerken verschärfen. Wenn wir immer und überall nur Mütter mit ihren Kindern sehen statt der Väter, sind es auch die Frauen, an die wir vor allem hohe Qualitätsansprüche stellen. Das bestätigt auch die BiB-Studie. Ein Beispiel: Über drei Viertel der Befragten vertreten die Ansicht, dass Mütter nachmittags Zeit haben sollten, um ihren Kindern beim Lernen zu helfen. Und was ist mit den Vätern?

Ich will gar nicht spekulieren, was hinter den perfekten Instagram-Bildern noch im Argen liegt. Aber ich bin überzeugt: Hinter jeder Kamera herrscht einmal Chaos. Und wir machen all die Fotos nicht für unsere Kinder, sondern einzig und allein für uns. Instagram liefert uns die tägliche Dosis Anerkennung, damit wir nicht in Selbstzweifeln ertrinken. Dabei bemerken wir allerdings nicht, dass diese Zweifel eine Nebenwirkung der App selbst sind.
Foto: Pia Leykauf

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger BeitragKohle, Karriere, Kinder – Blinde Flecken der Gleichstellungspolitik Nächster Beitrag20. April

3 Kommentare

  1. Kathy says:

    Apr 18, 2015

    Antworten

    Diese Instagram/Blog-Welt erinnert erschreckend an die 50er. Auch ohne Retro-Filter.

  2. Anke says:

    Apr 18, 2015

    Antworten

    Stimmt schon, bei Instagram ist oft alles erschreckend perfekt, aber es kommt auch darauf an, wie man die App nutzt und wem man folgt. Bei mir finden sich zum Glück auch viele Mütter, die keine Angst davor haben ihren chaotischen Alltag zu zeigen. Ich nutze Instagram auf verschiedene Weise – z.B. zur Inspiration für neue Gerichte oder meine Wohnung. Nur Chaosbilder würden mir da nichts bringen. Vor allem nutze ich es mittlerweile aber weil ich den Austausch mit anderen Familien und Müttern toll finde. Ich habe mir schon mit mehreren Frauen privat Päckchen geschickt, wir tauschen uns durch private Nachrichten oder auch auf Facebook aus. Wenn ich in eine andere Stadt fahre, schaue ich, ob ich mich nicht mit jemandem von instagram treffen kann. Und ich sehe einfach gerne, wie andere Familien ihren Alltag verbringen, auch andere vegane Familien.
    Vielleicht ist Emmas Vater auch nie auf Bildern zu sehen, weil er das nicht möchte? Ist zumindest bei uns so, mein Mann mag es nicht fotografiert zu werden und noch weniger mag er es, wenn ich Bilder von ihm veröffentliche. Das heißt aber nicht, dass ich immer alles alleine mache.
    Aber, ich muss zugeben, ich poste auch zu selten Bilder von Wäschebergen und chaotischen Mahlzeiten. Werde ich gleich nachholen ;)
    Erschreckend finde ich übrigens bei Instagram auch wie viel privates öffentlich gezeigt wird. Man verliert schnell die Kontrolle darüber, wer die Bilder alles sehen kann, selbst wenn das Profil auf privat gestellt ist.

  3. […] Wenn sie dann nämlich bemerken, dass es diese Mutter-DNA gar nicht gibt, ist es längst zu spät. Wenn sie das Kind nicht durch die eigene Intuition ruhig bekommen, gibt kaum eine das zu, erst recht bittet sie nicht um Hilfe. Einerseits ist die Angst vor sozialer Ächtung groß, andererseits sind auch die Ansprüche an sich selbst gigantisch. Andere Mütter schaffen das alles schließlich auch mit Leichtigkeit. […]

Antworte darauf!

Name required

Website