fertilityday_headerAm 22. September begeht Italien den „FertilityDay“ – ein idiotischer Tag, finden Valeria und Rene.

Wie begeht man einen „Tag der Fruchtbarkeit“? Statt Blumen, netter Worte und Geschenke Verzicht auf Verhütungsmittel? Dazu blumige Worte wie „Schatz, meine Zeit läuft ab.“ Oder: „Wir dürfen nicht nur an uns denken.“ Klingt unrealistisch. Aber: Diesen Tag gibt es wirklich, in Italien. Initiiert vom Gesundheitsministerium soll am 22. September verstärkt über Möglichkeiten der Familienplanung informiert werden. Das klingt an sich nicht verwerflich. Zum einen gibt es viele kuriose Ehren- und Feiertage, sei es der Tag der männlichen Körperpflege oder der Tag der schlechten Wortspiele. Zudem gibt es auch in Deutschland und überall in Europa nützliche und wichtige Informations- und Hilfsangebote rund um den Themenkomplex Kinder und Familie.

Fruchtbarkeit als ein Gemeingut wie Wasser

Problematisch ist allerdings die begleitende Twitter-Kampagne unter dem Hashtag #FertilityDay. Sie bewirbt den Tag mit eindeutigen Sprüchen und Bebilderungen, welche ihn auf eine Kernaussage reduzieren – auch wenn die Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin es bestreitet: Bekommt Kinder! Vor allem erinnert sie Frauen daran, dass ihre Fruchtbarkeit endlich und keine Frage individueller Selbstbestimmung sein sollte („La fertilità è un bene comune.“). Fruchtbarkeit ist demnach genauso ein Gemeingut wie Wasser, wie wir dem Bild mit dem tropfenden Wasserhahn entnehmen können.

Wieder einmal sorgen sich Politiker* um das Wohl der Nation. Auch hier in Deutschland kennen wir die Diskussionen zur Genüge. Wir wollen keinen Aufguss altbekannter allgemeiner Argumente präsentieren. Kurz erwähnt sei nur die mediale Berichterstattung hierzulande. Für Süddeutsche, Zeit, FAZ und Co ist die Intention plausibel, nur die Bebilderung fragwürdig. Einmütig definieren sie die geringe Geburtenrate als Problem. Ihnen zufolge ist nur die hohe Arbeitslosigkeit der jüngeren Generation Schuld am mangelnden Nachwuchs. Das reduziert das Problem auf dreiste Weise und verhindert alternative Argumente im Zusammenhang mit Nachwuchs, Gleichstellung und gesellschaftlicher Entwicklung. Ärgerlich ist insbesondere die Ignoranz gegenüber der spezifischen Situation von Frauen in Italien.

Warum ist eine große Nachwuchszahl eigentlich wichtig?

Von dieser Kampagne fühle ich mich nämlich doppelt beleidigt. Einerseits als Frau, weil die Initiative des Gesundheitsministeriums die Frauen auf ihre Gebärmütter und damit auf die Fortpflanzung reduziert. Das bekommt man in Italien überall zu spüren. Prominentes Beispiel lieferte der Kommunalwahlkampf 2016. Musste sich Meloni, die Bürgermeisterkandidatin für Rom, anhören, sie könne den Job eh nicht richtig ausfüllen als Mutter und solle sich ihren Pflichten als jene widmen. Trauriger, normaler sexistischer Alltag.

Andererseits als Italienerin, weil diese Kampagne direkt mit der demagogischen Propaganda des Faschismus assoziiert werden kann. Mussolini sagte: „Die Anzahl ist Macht.“ Eine hohe Nachwuchszahl sollte die italienisch-faschistische Hegemonie sichern helfen. Der Hinweis auf das Gemeingut der Fruchtbarkeit lässt diese Analogie nur allzu leicht zu. Meiner Meinung nach eine unsägliche Entgleisung der Ministerin eines konstitutionell antifaschistischen Landes.

Abgesehen davon, frage ich mich, wie nützlich diese Kampagne im 21. Jahrhundert ist – im Hinblick auf die vielfältigen Informationen, über die Frauen und Männer zum Thema verfügen. Wir brauchen kein Plakat, das eine junge Frau mit einer Sanduhr zeigt, welches an die Darstellungen eines mittelalterlichen Totentanzes oder eines holländischen Stilllebens und seine Anspielung auf die Vergänglichkeit („memento mori“) erinnert. Und wenn eine Frau sich bewusst entscheidet, kein Kind zu bekommen, zugunsten der Karriere, der Freiheit, oder aus jedem anderen Grund? Warum sollte die Fruchtbarkeit keine Frage individueller Selbstbestimmung sein, sondern ein Gemeingut der Gesellschaft? Eine Frage, die im Konglomerat aus Kirche, Sozialisation und Machokultur in Italien schwerer zu stellen ist als in Deutschland.

Wer keine Arbeit und kein Zuhause hat, bekommt keine Kinder

Zudem: Keine Frau wird schwanger werden, nur weil sie auf Plakaten zu sehen bekommt, dass ihre fruchtbare Zeit abläuft. Das wissen viele Frauen ohnehin nur zu gut. Viel lieber sollte sich die Ministerin Gedanken machen, wie eine Infrastruktur zu schaffen ist, die Freiheiten auch mit Kindern ermöglicht. Sie sollte nicht ignorieren, dass viele Frauen in Italien nur mit 40 oder mehr Jahren schwanger werden, weil sie keine Alternative haben. Ohne einen festen Job, ohne eine Wohnung – immer weniger Leute können sich alleine einen Mietvertrag leisten und sind deswegen gezwungen, in einer WG zu wohnen – haben Frauen andere Sorgen und Probleme, als an Kinder zu denken.

Was dann wirklich erstaunlich ist, ist die juristische Ambivalenz Italiens. Einerseits gibt es Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze. Andererseits ist die Frage nach Familienplanung und Schwangerschaft keine verbotene Frage in einem Bewerbungsgespräch. Ich weiß, auch in Deutschland wird diese Frage oft gestellt. In Italien gibt es aber gar keine praktischen Schutzmöglichkeiten vor dieser Frage. Eine Antwort, die auch nur die Möglichkeit in einer entfernten Zukunft offen lässt, ist eine falsche. Viele Arbeitgeber sichern sich durch „Schwangerschaftsklauseln“ im Arbeitsvertrag zusätzlich ab. Zeigt eine Frau ihre Schwangerschaft an, endet das Arbeitsverhältnis. Natürlich eine illegale Praxis. Frauen genießen während der Schwangerschaft und im „Mutterurlaub“ formal Kündigungsschutz. Einschüchterung, befristete Verträgen, viele Sonderregelungen führen aber dazu, dass sich viele Frauen nicht trauen, ihren Anspruch durchzusetzen. Rechtsbeistand ist teuer und eine wirksame betriebliche Mitbestimmung bzw. starke Gewerkschaften gibt es nicht.

Absurd ist diese Kampagne nicht zuletzt in einem Land, wo es nur wenige sozialstaatliche Hilfen für Mütter gibt. Kinderkrippen und Kindergärten gibt es so gut wie gar nicht. Die, die es gibt, sind teuer. Also bleibt für die meisten Frauen nur, zu Hause zu bleiben. Der Zwang vergrößert sich, wenn auch die familiäre Infrastruktur fehlt. Hier verlässt sich der italienische Sozialstaat auf familiäre Solidarität, obwohl die Arbeitsbedingungen längst einseitig auf Entgrenzung und Flexibilität ausgelegt sind.

Von wegen bella Italia

Vor diesen spezifisch italienischen Hintergründen ist der Fertility-Day lächerlich und erbärmlich. Dass die Twitter-Kampagne im September aufgrund massiven Onlineprotestes gestoppt wurde, macht ein bisschen Mut. Der Tag mit begleitenden Aktionen und Veranstaltungen ist trotzdem nicht aus der Welt. Uns macht dieser dumme Tag traurig und wütend. Es ist verrückt: Frauen, die keine Kinder möchten, werden konfrontiert mit konservativen, an Faschismus erinnernden Mutterkult. Für Frauen mit Kinderwunsch, aber gleichzeitig mit Ansprüchen an ökonomische und individuelle Freiheit, ist es nahezu unmöglich, diesen Wunsch zu erfüllen. Bella Italia? Definitiv nicht bei diesen Fragen.

 

Foto: Collage aus Bildern des italienischen Gesundheitsministeriums

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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3 Kommentare

  1. Constanze says:

    Sep 26, 2016

    Antworten

    Das ist echt eine Frechheit. Frauen müsse4n Kinder bekommen, dürfen aber selber zusehen, wie sie Job und/oder Familie unter einen Hut bekommen. der Staat fühlt sich ja nicht genötigt zu unterstützen. Männer kommen in der Kampagne auch nicht vor. Ihr Soll ist scheinbar mit der Befruchtung getan. mehr müssen sie nicht tun und können sich danach auch noch aus den Staub machen oder den Job kassieren, den ihre Kollegin wegen den Kindern verliert. ich bin echt sauer. mal sehen, wann es so was auch hier in Deutschland gibt. Ich gehe nun aber mal meiner Pflicht nach und lass mir ein Kind machen.

  2. Rene says:

    Sep 26, 2016

    Antworten

    Liebe Constanze, danke für deinen Kommentar. Aber: Männer kamen vor. Ihre abnehmende Fruchtbarkeit wurde durch eine braune Bananenschale symbolisiert. Leider hat das Gesundheitsministerium bevor die Kampagne ganz aufgegeben wurde auch das noch verschwinden lassen.

    Fehlende soziale Infrastruktur in Italien hat auch einen anderen frauen- und Migrationspolitischen Effekt. Sorge und Pflege wird oft illegal durch eingewanderte Frauen geleistet… So entstehen wiederum Abhängigkeits- und Missbrauchsverhältnisse. Wir könnten noch viel schreiben!

  3. […] und keine Inkubatoren. Der Körper einer Frau gehört nur ihr selbst, er dient keinem höheren Gut, er ist der Gesellschaft/dem Staat/der Nation nichts schuldig, und die Autonomie über ihn dürfen weder Staat noch Kirche besitzen. Ist Letzteres nicht der Fall, […]

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