BH

Bild: Body Talks Ausstellung, Museum für Kommunikation Frankfurt

Wir haben die Ausstellung „Body Talks – 100 Jahre BH“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt besucht. Ob sie sich lohnt? Lest selbst.

 

„Das Ergebnis war herrlich. Ich konnte mich frei bewegen, ein beinah nacktes Gefühl.“

Am 3. November 1914 lässt sich die junge Amerikanerin Mary Phelps Jacob den ersten Büstenhalter patentieren – Grund genug für das Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main, dem Kleidungsstück eine Ausstellung zu widmen.

Es ist kalt und nicht wenige von uns FemSternen sind übernächtigt an diesem Sonntagmorgen. Mit dem Zug machen wir uns von Darmstadt auf den Weg zum Frankfurter Museumsufer. Gleich vorweg: Bei mir sind hohe Erwartungen im Gepäck, denn schon die Gestaltung des Ausstellungsflyers hat bei mir für pure Begeisterung gesorgt. Am Museum gleich der nächste optische Burner: Im Fenster des Museums formen unzählige mintgrüne Spitzen-BHs die Zahl 100. Nächster Pluspunkt von meiner Seite.

Der Realitycheck: Was kann die Ausstellung?

Neben einigen Dauerinstallationen ist dem BH-Geburtstag ein recht kleiner Bereich des Museums für Kommunikation gewidmet. Nach einem ersten Blick in den Raum denke ich: Huch, hier sind wir ja nach zehn Minuten schon wieder raus. Diese Vorhersehung tritt zum Glück dann doch nicht ein. Zwar ist der Raum für die Ausstellung recht klein, aber die Informationen sehr kompakt und, again, very spielerisch inszeniert.

Doch eins nach dem anderen: Ziel der Aussteller ist es, den BH als Kommunikationsmedium darzustellen. Eine innovative, aber auch herausfordernde Herangehensweise. Im Mittelpunkt steht laut Flyer „das Zusammenspiel von Kleidungsstück und dem gesellschaftlichen Blick auf die weibliche Brust“. Umgesetzt wird das Ganze in einem rasanten Schnelldurchlauf durch 100 Jahre.

Kurzer Schreck zu Beginn: Unreflektierte Lobeshymnen auf den BH

Als wir reinkommen, ist das Erste, was uns in die Augen sticht, eine Wand mit Kommentaren zum BH. Hier kommen etwa die Besitzerin eines Dessousladens und eine Mutter zu Wort. Manche dieser Zitate rufen bei mir und auch den anderen FemSternen Beklemmungen hervor, weil der ein oder andere doch sehr unreflektiert und leider ungewollt sexistisch ist – wohlgemerkt von jungen, modernen Frauen.

Das „Herzstück“ der Ausstellung, mittig im Raum aufgestellt, ist eine Konstruktion, die von ihrer Optik an einen Kleiderständer erinnert. Daran aufgehängt wie Wäschestücke sind Plakate mit Infos zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Hier finde ich den ein oder anderen äußerst spannenden Einblick in die jeweiligen zeitgenössischen Denkweisen, meist anhand von Presseausschnitten. So erfahre ich etwa, dass Ärzte lange Zeit Frauen von Fahrradfahren abrieten, da sich dies negativ auf ihre Fruchtbarkeit auswirken könne.

Ein paar Stellwände rahmen dieses Infokarussell ein, die aufgeteilt in zusammengehörende Zeitabschnitte die wichtigsten Zäsuren und Entwicklungen aufgreifen. Zu jeder dieser Zeitspannen gibt es eine abwechslungsreiche Zusammenstellung von Filmmaterial, Bildern und Exponaten. Hier hätte ich mir manchmal etwas ausführlichere Informationen, mehr Überblicksdarstellungen und eine durchschaubarere Raumführung gewünscht – chronologisch bin ich teilweise völlig falsch unterwegs gewesen. Ein besonderes Schmankerl sind die zwischengeschalteten Vitrinen mit echten Büstenhaltern aus den einzelnen Zeitabschnitten.

Wechselvolle Geschichte: Von der Befreiung vom Korsett zur politischen Last

An dieser Stelle werde ich euch nicht mit der Wiedergabe von historischen Einzelheiten langweilen. Es soll ja kein Spoiler Alert sein, denn ein eigener Besuch der Ausstellung ist lohnenswert. Aber was mir wirklich nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist, ist die bemerkenswert wechselvolle Geschichte des BHs, die mir so nicht bewusst war: Gestartet und erfunden wurde der BH als Befreiungsmoment der Frau aus dem Korsett! Was also von der jungen Erfinderin als Befreiungsgeschichte gedacht ist, hat in den 1970er Jahren plötzlich politisch einen ganz anderen Beigeschmack. Der BH gilt nun wiederum als ein Symbol für die Unterdrückung der Frau, die ihn nicht selten aus Protest öffentlichen verbrennt.

Der ironische Clou on top of it all: Brüste öffentlich zu zeigen, wird im Zuge dieses Protests allgegenwärtig und alltäglich. Dies führt wiederum dazu, dass die Industrie nun Brüste als Werbemittel und Verkaufsstrategien für sich entdeckt, was bis heute anhält.

Alles in Allem eine sehenswerte und aufschlussreiche Sache. Wären wir hier bei „the Review“ würde ich 4 von 5 (Fem)Stars vergeben. Nettes Programm für einen Sonntagnachmittag, aber nur noch bis 15. Februar 2015!

 

Foto: Museum für Kommunikation Frankfurt

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. maria says:

    Feb 8, 2015

    Antworten

    das erste was ich mache wenn ich nach hause komme, ist den bh auszuziehen. das ist wie ein aufatmen, ich empfinde den bh als lästig, er schnürt gerade da ab wo man atmet. ich verstehe gar nicht, wie sich so ein „gestell“ um die brust überhaupt entwickeln konnte. leider fühlt man sich ohne bh in der öffentlichkeit auch unwohl, deshalb trage ich ihn nur noch wenns wirklich nötig ist, im sommer und beim sport. ohne lebt es sich viel besser :)

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