Foto: Antonia LangÜberall begegnen uns heute Menschen, die auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Eigentlich ein Thema, dessen Relevanz auf der Hand liegt, dachte Autorin Nadia. Doch wenn Frau sich an einem solchen Stand engagiert, bekommt sie so einiges zu hören.

Es ist ein kalter Novembertag. Ich stehe in der Einkaufsstraße und verteile Informationsbroschüren und sammle Spenden für Frauenhäuser. Meine Finger sind schon leicht blau angelaufen. Doch das ist nicht das Traumatischste, was ich heute erlebe. „Ich habe meine Frau noch nie geschlagen und werde es auch niemals tun!“, sagt ein Mann mit Bart und Wintermantel und hält abwehrend die Hände in die Luft. Er ist nicht der Erste, der das heute zu mir sagt. Nachdem vorbeigehende Männer ihre Unschuld durch so einen Vortrag beweisen, schlendern sie im Anschluss weiter mit ihren Weihnachtseinkäufen durch die Stadt. Erstaunlicherweise fühlt sich scheinbar auch eine beachtliche Anzahl Frauen schlichtweg nicht betroffen. Sie sind halt nicht „so eine, die sich von ihrem Partner unterdrücken lässt.“

Die Spitze

Beide Reaktionen rufen bei mir eine Mischung aus Wut und Unverständnis hervor. Glauben diese Frauen wirklich, dass sie immun gegen häusliche Gewalt sind? Jede vierte Frau im Alter zwischen 16 und 85 Jahren erlebt in Deutschland körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Beziehungspartner*, weltweit ist es laut Angaben der WHO sogar jede dritte. Das bedeutet, dass wir alle täglich sowohl Opfern als auch Tätern begegnen. Allein diese Tatsache erzeugt bei mir ein Gefühl der Betroffenheit.

Viel verhängnisvoller finde ich allerdings die stark verkürzte Definition von Gewalt, die dem zugrunde liegt. Medien stellen die meist weiblichen Opfer häuslicher Gewalt bevorzugt als verängstigte und emotional aufgewühlte Frauen dar. Auch ein blaues Auge oder andere sichtbare Spuren physischer Gewalt gehören in diesem Zusammenhang seit Langem zum Repertoire von Regisseuren und Fotografen.

Der Eisberg

Doch auch wenn solche Anzeichen physischer Gewalt sehr plastisch sind und sie völlig zu Recht bei uns alle Alarmglocken auslösen, machen wir es uns doch zu leicht, wenn wir unseren Blick allein darauf fokussieren. Gewalt ist zum einen nicht nur körperlich, sondern umfasst auch eine psychische Komponente, die in der öffentlichen Darstellung oft ausgeblendet oder zumindest vernachlässigt wird. Formen psychischer Gewalt reichen dabei von Eifersucht über ökonomische Kontrolle bis hin zur Abschottung von der Außenwelt.

Häusliche Gewalt ist außerdem nicht nur eine Tat, ein Übergriff oder ein Ereignis. Sie umfasst vielmehr auch die Strukturen und Dynamiken, innerhalb derer solche Übergriffe passieren und die letztere erst möglich machen. Häusliche Gewalt hängt somit auch in einem nicht unerheblichen Maße mit struktureller Gewalt zusammen, da sie bestehenden Machtverhältnissen entspringt und diese gleichzeitig verstärkt.

Eben jene Faktoren sind es auch, die Frauen oft in solche Beziehungen geraten und verharren lassen. So kann etwa die wirtschaftliche Abhängigkeit von einem Partner eine Frau dazu bringen, länger in einer Gewaltbeziehung zu bleiben. Innerhalb solcher Beziehungen wird die Abhängigkeit dann in der Regel zementiert oder gar verstärkt.

Indem wir unseren engen und punktuellen Blick auf das Thema Gewalt in Partnerbeziehungen öffnen, können wir uns auch stärker der Frage nach Warnzeichen und Risikofaktoren widmen. Solch ein Vorgehen ist meiner Meinung nach notwendig, weil es uns erlaubt, ein realistischeres Bild des Problems der häuslichen Gewalt zu bekommen und letztendlich auch Fortschritte im Bereich der Prävention zu machen.

 

Foto: Antonia Lang

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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