Foto: Patrick JankeSänger und Rapper Cro wurde gestern gleich zwei Mal mit der Einslive-Krone ausgezeichnet. Wofür? Für frauenfeindliche Texte.

„Manchmal träum‘ ich nur von dir. Bitte sag‘: Was muss ich tun, dass du mich hörst? Denn ich wär‘ heut‘ so gern bei dir.“ Bis hierher singt Cro ein nettes Liebeslied mit eingängiger Melodie und tanzbarem Beat. Ich wundere mich nicht, dass Teenager ihn toll finden. Dieser modische, aber geheimnisvolle Typ hinter der Pandamaske könnte doch genau der Eine sein. Und scheinbar sucht er ja ebenfalls nach der Einen, wie er in diesem Lied singt. Und dass sie irgendwo da draußen ja sein muss. Jede* kann sich angesprochen fühlen. Was ein genialer (und so unfassbar neuer) Schachzug dieses Künstlers!

Doch dann: „Und ich glaub‘, ich fänd‘ es cool, wenn du mir gehörst.“ Da hört es bei mir auf. Denn ich will niemandem gehören. Vielmehr darf ich sogar niemandem gehören. Das ist mein Menschenrecht. Aber ich als Mitt-Zwanzigerin habe mich mit so was auch schon viel auseinandergesetzt und bin nicht mehr so formbar wie die meist jungen Cro-Fans, die reihenweise in Ohnmacht fallen, wenn er die Bühne betritt.

Dennoch hat Cro für das Lied mit diesem Inhalt und für sein aktuelles Album „Melodie“ gestern gleich zwei Mal den großen Radiopreis Einslive-Krone bekommen. Und ist damit öfter ausgezeichnet worden als alle anderen Künstler. Werden andere Menschen als Frauen in Liedern Nominierter diskriminiert, boykottieren Künstler solche Veranstaltungen und/oder die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert die Lieder. Warum in diesem Fall nicht?

Warum werden sexistische Lieder nicht indiziert?

„Es ist ja nur dieser eine Satz.“ Stimmt nicht. In Cros erstem großen Hit „Easy“ singt er etwa davon, wie er eine Frau schwängert, an deren Namen er sich nicht mal erinnert, dann abhaut und sie allein lässt. Nicht ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, sie zu erschießen. Warum? Weil sie ihn heiraten will. Alles „easy“.

Gleichzeitig inszeniert er sich immer wieder als den reichen Typen, der sich jede Frau leisten kann, Frauen hingegen als diejenigen, die sich von ihm aushalten lassen.

„Sie will Kreditkarten und meinen Mietwagen
Sie will Designerschuhe und davon ganz schön viel haben
Manolo Blahnik, Prada, Gucci und Lacoste
Kein Problem dann kauf‘ ich halt für deine Schuhe gleich ein ganzes Schloss“
(aus „Einmal um die Welt“ von Cro)

Ganz abgesehen davon, dass er Frauen als „Bitches“ bezeichnet, von einem „Lastwagen Frauen“ singt oder davon schwärmt, wie ein Model ihn auf der Rückbank seines Autos flachlegt – undsoweiterundsofort. Fast in jedem seiner Lieder finden sich zweifelsfrei sexistische und frauenfeindliche Aussagen.

„Sicherlich meint er es gar nicht so.“ Kann sein, wir sind ja alle Opfer unserer Sozialisation. Umso wichtiger, dass wir darauf aufmerksam machen, denn sonst sozialisieren Sänger wie Cro nämlich unsere Kinder – egal wie sehr wir sie in unserer Erziehung zur Emanzipation befähigen. Denn Cros eingängige Melodien dudeln überall aus den Lautsprechern. Als Hintergrundmusik im Fernsehen, im Supermarkt, während wir in der Schlange stehen, und im Radio sowieso. Ein Beispiel: Bei einer vierstündigen Autofahrt von West nach Ost hörte ich kürzlich insgesamt vier Cro-Lieder, jeweils bei einem anderen Radiosender, weil der Empfang schlecht geworden war.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen spielen seine Musik, wie wir spätestens gestern lernen mussten – schließlich gehört Einslive zum WDR und wird damit von uns allen finanziert, die wir Rundfunkbeiträge bezahlen. Und es gehört gewiss nicht zum Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, frauenfeindliche Texte in die Welt zu spielen!

Wir können unsere Kinder vor solchem Einfluss nicht bewahren, wenn wir sie nicht einsperren wollen. Es gibt demnach keinen Grund, warum Cros Lieder nicht indiziert werden sollten.

Nenn‘ dich doch einfach Feminist, Cro

Und schlimmer noch: Cro ist bei Weitem nicht der einzige Künstler seiner Art. Die Debatte um das Lied „Blurred Lines“ von Robin Thicke und Pharrell Williams lief doch gefühlt erst gestern. Ein ebenso eingängiges Lied mit einem noch schlimmeren Text. Und solche Beiträge wie diesen könnte man auch über viele andere vermeintliche Künstler schreiben. Cro hat gerade nur das Pech, meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. Wobei es ihm vermutlich auch scheißegal wäre, er könnte sich ja einfach selbst zum Feministen küren, wie Williams es getan und damit tief in die Trickkiste gegriffen hat. Wenn das nicht alle Gegenstimmen verstummen lässt!

 

Foto: Patrick Janke

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. Constanze says:

    Dez 7, 2014

    Antworten

    Vielen Dank für den Artikel. Leider wird viel Mist in nette Musik verpackt und keiner merkt es, weil alle mitträllern. Das ist nicht nur bei Cro so, aber er ist nun mal in aller Munde. Ich kann mich nich an die Diskussion um Frei Wild erinnern. Da gab es keine Aufregung wegen der Aufregung.

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