Foto: Donnie Ray Jones, Ein kleines Mädchen in pinkfarbenem Body und pinken Schuhen hält einen Stock in die Kamera, als ob es ein Schwert wäre

Pink ist nicht nur eine Farbe. Warum Rebecca Angst um Leib und Seele ihrer Tochter hat.

Ein unvergessliches Erlebnis, letzten Winter im Sportgeschäft: Ich suche mit meinen beiden Jungs Skihelme aus und diskutiere gerade mit dem Dreijährigen, ob ihm das unbedingt gewollte, pinkfarbene Modell nun passt oder nicht. Ich stelle ihm frei, die Farbe auszusuchen, aber zugegeben: Ich sorge mich, ob er nach der ersten Hänselei im Skikurs eventuell den viel zu teuren Helm irgendwann verschmähen könnte.

Nebenan steht ein gleichaltriges Mädchen am Ständer für Schlupfmützen. Sie dreht und wendet eine blaue Mütze und fragt schließlich ihre Mutter: „Mama, kann ich die hier haben?” Die Antwort werde ich nie vergessen: „Spinnst du?! Blau ist für Jungs, ich kaufe dir nur Rosa.” Traurig hängt das Mädchen die blaue Mütze wieder an den Ständer und nimmt das gleiche Modell in Pink. Derweil muss ich ziemlich dämlich aussehen, denn meine Kinnlade hängt ungefähr bei den Knien.

Hauptsache, das Kind hat warme Ohren

Die Mutter dieses Mädchens handelt nicht böse, sie bewegt sich einfach in dem Rahmen, den ihr die Gesellschaft für die Erziehung ihrer Tochter vorgibt. Die Farbe der Schlupfmütze ist egal, könnte man sagen, Hauptsache, das Kind hat warme Ohren. Dass aber die Farbgebung der Dinge inzwischen bestimmt, mit welchen Inhalten ein Kind – ob Junge oder Mädchen – umgeben wird, welche Spiele es spielt und welche Träume und Ziele es verfolgt, das ist Realität. Die Fakten liegen schon lange klar vor uns und mir war im folgenden Auszug aus dem neuen Buch von Anke Domscheit-Berg auch nur sehr wenig unbekannt. Zum Beispiel:

[…] Fernsehmädchen und -frauen haben Körper, die physisch überhaupt nicht erreichbar und „definitiv nicht normal” sind. Ihre Taillen sind dünner als die von Barbie. Bei einigen hätte nicht einmal eine Wirbelsäule Platz. Mehr als die Hälfte hat Beinlängen, die es in der realen Welt nicht gibt. Man könnte argumentieren, dass es ja schließlich um Fantasiefiguren gehe und nicht um Dokumentarfilme, aber der Vergleich mit den Jungencharakteren ernüchtert sofort.

Denn nicht einmal sechs Prozent von ihnen haben einen Körper, der physisch unrealistisch ist. 81 Jungen haben also Identifikationsfiguren, die zumindest was ihre Körper betrifft, mit ihnen vergleichbar sind. Es gibt darunter eine hohe Vielfalt, dicke und dünne, lange und kürzere. Für jeden Jungentyp ist etwas dabei.

Ich habe Angst um meine Tochter

Die Unterschiede noch einmal so schön aneinandergereiht zu lesen, war für mich ein Schlag in die Magengrube. Warum? Ich habe Angst um meine Tochter, die gerade fünf Monate alt ist, aber die schon als Baby anders behandelt wird als ihre großen Brüder. Fremde aber auch Freunde sagen nicht wie bei den Älteren damals: „Was für ein süßes Baby”, sondern: „Du wirst einmal eine Hübsche” oder: „Du wirst einmal den Männern den Kopf verdrehen.” Weil sie recht fröhlich und ausgeglichen ist, heißt es, wie „brav” sie doch sei; ganz anders als Jungs angeblich. Es sind Kleinigkeiten, aber sie fallen mir auf.

Ich habe Panik, dass mein Mädchen irgendwann versuchen könnte, so auszusehen, wie die verhärmten Teenager in „Germany’s Next Topmodel”. Dass sie schon im Grundschulalter hungern und bei den ersten Körperveränderungen in der Pubertät von Schönheitsoperationen träumen könnte.

Ich habe Angst vor mir selbst

Ich habe aber nicht nur Angst vor den äußeren Einflüssen, sondern auch vor mir selbst. Während ich mich in der Rolle als „Jungsmama” sehr sicher gefühlt habe, ziehe ich mein Verhalten jetzt mehr in Zweifel: Mein Umgang mit der Bohrmaschine ist bescheiden und obwohl ich in der Schulzeit zu den Klassenbesten in Mathe und Physik gehört habe, wählte ich am Ende einen „weichen” Beruf. Ich koche gerne und lasse kaum jemanden in der Küche helfen. Bin ich doch ein Rollenklischee?

Ich werde mich laufend selbst beobachten müssen: Was bin ich meiner Tochter für ein Vorbild? Zu welchem Verhalten werde ich sie ermuntern, welche Talente werde ich fördern? Und nicht zu vergessen: Was werde ich ihren Brüdern vermitteln? Es sind viele kleine Mosaiksteine, winzige Entscheidungen wie die Farbe der Schlupfmütze, die am Ende das große Bild ergeben. Es wird sicher nicht leicht werden: Die uns umgebende Normierung ist erstickend und wird gefühlt immer enger (Stichwort: Lego Friends). Ich bin kein Fan von Verboten und frage mich daher, wie wir uns als Gesellschaft aus dieser selbst gewählten Plastikidee von Frausein und Mannsein befreien können. Ideen?

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Rebecca Sandbichler. Was sie sonst umtreibt, lest ihr auf ihrem Blog „Textkletten”.

Foto: Donnie Ray Jones

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. Rene says:

    Mai 5, 2015

    Antworten

    Bringt die „Farbproblematik“ auf den Punkt. Es geht ja auch weiter mit Symbolen/Bildern. Mädchen: Pferde, Prinzessinnen, Schmetterlinge. Jungs: Dinosaurier, Robotter, Fußball.

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