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#flirtennachbravo

So, und nun genug mit der Sommerpause! In den vergangenen Wochen ist einiges passiert, wie etwa zahlreiche Shitstorms. Kürzlich beispielsweise der gegen die Jugendzeitschrift Bravo – denn die hatte 100 Flirt-Tipps für Mädchen formuliert, die ausdrücklicher gar nicht zeigen könnten, dass Mädchen und Frauen es in unserer Gesellschaft gar nicht richtig machen können. Denn der Bravo-Redaktion zufolge gilt es als oberstes Ziel, Jungs und Männern zu gefallen – egal, wie sehr man sich dafür verbiegen muss. Zwei nach dem Zufallsverfahren ausgewählte Punkte:

„39 Nur laute Girls fallen auf? Stimmt nicht. Wer sich ruhig verhält, wirkt geheimnisvoller und damit interessanter auf Jungs.

40 Wenn du schon die Hände in die Taschen stecken musst, dann in Deine Potaschen, nicht die vorderen. Diese Pose wirkt offener, Du stehst gerader und kommst präsenter und cooler rüber.“

Absurderweise fordert Punkt 100, dass Mädchen dabei gleichzeitig sie selbst bleiben sollen, denn „das lieben Jungs“. Daran ist so unfassbar viel falsch, dass ich mir gar nicht ausmalen mag, in welchem Hirn das entstanden ist, und noch schlimmer, welche jungen Mädchen das alles gelesen haben und was es in ihnen ausgelöst hat. Neben den vielen saulustigen Tweets zu #flirtennachbravo möchte ich euch Frau Meikes offenen Brief an die Bravo ans Herz legen, in dem sie auch viele der Flirt-Tipps zitiert – denn die Bravo selbst hat den Artikel schnellstens wieder gelöscht, als der Shitstorm losbrach. Immerhin folgte auch eine Entschuldigung – allerdings mit Bitch-Button.

Wie unter diesen Umständen Kinder großziehen?

Wenn ich das alles so lese, frage ich mich immer wieder, wie ich mein Kind dazu befähigen soll, sich selbst und andere nicht über das Geschlecht zu definieren, und ob ich das in dieser Gesellschaft überhaupt schaffen kann. Die ehrlichen Worte der Tochter Kampfstrumpf darüber, wie sie als Jugendliche lernte, dass sie als Frau keinen Spaß am Sex haben könne und dürfe, und wie stark das bis heute in ihr nachklingt, machen mir Angst, dass ich das gar nicht schaffen kann. Ebenso der Fakt, dass es so viele Gegner gegen die dringend benötigten Sexualunterricht-Reformen gibt. Höchstens Lehrer wie Guido Mayus geben mir Hoffnung.

Und dann kürzlich diese Debatte zum Hotpantsverbot, das eine Schule in Horb am Neckar ihren Schülerinnen ausgesprochen hatte. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass an der Realschule in meiner Heimatgemeinde ein vergleichbares Spaghettiträger-Top-Verbot herrschte, das keinerlei Aufsehen über die empörten Schülerinnen hinaus erregte. Was das in mir hinterließ? Das Gefühl, Jagdwild zu sein, dass sich gar nicht gut genug verstecken kann und in jedem Fall selbst schuld ist, wenn ein Schuss es trifft.

Und während wir in Deutschland über das Hotpantsverbot diskutierten, gab es auch in Marokko eine Debatte über „zu kurze“ Kleidung. Denn zwei Frauen wurden angeklagt, weil sie in der Öffentlichkeit kurze Röcke getragen hatten. Die Marokkaner nahmen das zum Anlass, dagegen zu demonstrieren und eine Petition als Ausdruck der Solidarität zu starten; außerdem erklärten sich hunderte Anwälte bereit, die Frauen zu vertreten. Das Ergebnis: Beide wurden freigesprochen und es gibt erste Forderungen, die Kläger selbst wegen verbaler Belästigung anzuklagen.

Erzählt bunte Geschichten

Ich habe mittlerweile eingesehen, dass ich mein Kind nicht in einer Traumwelt großziehen kann, aber ich kann versuchen, es zu sensibilisieren und es zu stärken. Etwa indem wir als Eltern ihm gute Vorbilder sind. Und auch indem wir ihm erklären, warum manche Menschen weniger tolerant und beispielsweise gegen die Homo-Ehe sind – faz.net hat da einen Versuch gewagt:

„Es gibt aber auch welche, die sind da noch radikaler. Die sagen: „Das ist doch nicht normal, dass zwei Männer oder zwei Frauen sich liebhaben! Das war nie normal, das wird es nie sein, und warum bekommen solche Leute überhaupt so viel Aufmerksamkeit? Bald müssen wir normalen Menschen uns wohl noch dafür entschuldigen, dass wir normal sind!“ Solche Leute glauben, dass alles, was sie für unnatürlich halten, auch unnatürlich ist. Natürlich ist aber alles, was die Natur gemacht hat. Und die Natur hat auch schwule und lesbische Menschen gemacht. Die Natur mag es nämlich bunt.“

Und weil das so ist, sollten wir viel mehr die Geschichten derer erzählen, die nicht in unsere leider heteronormative Welt passen. Wie etwa die von Kai Cheng Thom, einer Transfrau, die nicht findet, dass sie im falschen Körper geboren wurde. Oder wir lassen mal eine 50-Jährige ein Bond-Girl spielen. Oder lassen ein Plus-Size-Model die Titelseite eines Sportmagazin zieren.

Und wir zeigen die Opfer von sexueller Gewalt, wie das etwa die Sendung „Jetzt mal ehrlich“ und die anschließende Talkrunde im BR gemacht haben (hier ein Danke an Leserin Isa Julgalad für die Empfehlung). Und wir machen die Opfer von Sexismus sichtbar, etwa die Frauen, deren Füße zu sogenannten Lotusfüßen verstümmelt wurden oder all die Wissenschaftlerinnen, die eigentlich in einem Atemzug mit Galileo, Einstein und Hawking genannt werden sollten, aber einfach vergessen wurden, oder all die Regisseurinnen und was so zu ihnen gesagt wird.

Und dann, dann unterstützen wir uns auch noch gegenseitig – wie es etwa Natalie Portman vorgemacht hat, die bei einem Film über Ruth Bader Ginsburg, in dem sie die Hauptrolle spielt, darauf bestanden hat, dass eine Frau die Regie übernimmt.

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. […] #flirtennachbravo nun #sonstmerkterwas der Plattform […]

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