Foto_femEin seltsamer Wind weht durch dieses Land. Die ARD verhüllt Angela Merkel. Man redet über die Gleichbehandlung von Frauen und Homosexuellen. Öffentlich. Allen voran die Politiker* der Union. Da kann doch was nicht stimmen.

Vor dem wohlwollend gemeinten Hinweis, die Gesellschaft müsse sich überlegen, wie sie mit Leuten umgeht, die nun in unser Land kommen und Frauen und Homosexuellen mit Vorbehalten begegnen, kann mensch sich derzeit nicht retten. Es sind vornehmlich politische Entscheiderinnen und Entscheider, die diese Sätze in alle möglichen Fernsehkameras nudeln.

Sie sind die Ablöse/Wegbegleiter/Brüder und Schwestern der vielen besorgten Bürger, die sich in den sozialen Netzwerken die Finger mit der Frage wund tippen, „warum man die Asylanten mit Geld überhäuft und die Obdachlosen/deutsche Kinder/deutsche Omas/das deutsche Volk verhungern lässt??!!!!11elf“

Feminismus à la CSU

Ironischerweise sind sie diejenigen, die seit geraumer Zeit dafür sorgen, dass alle Menschen, die nicht weiß, männlich und heterosexuell sind, sich bitteschön erst mal hinten anzustellen haben. Sie sind vornehmlich Anhängerinnen und Anhänger der CDU/CSU und entdecken gerade ihr Herz für Feminismus, weil sie ihn als Instrumentarium für billigen Populismus nutzen wollen. Die Vorstöße dieser neuen Ad-hoc-Frauenbewegung rangieren irgendwo zwischen stark irritierend und ekelerregend heuchlerisch.

So lässt die Arbeitsgruppe Frauen der bayerischen Landtagsfraktion der CSU etwa verlauten, den Flüchtlingen müsse ein modernes Frauenbild beigebracht werden. Die CSU, die in feministischer Szene vor allem für ihren vehementen Kampf für das Betreuungsgeld bekannt ist. Deren Vorsitzender, die feministische Ikone Horst Seehofer, 1997 im Bundestag dagegen stimmte, dass künftig auch Vergewaltigungen in der Ehe einen Straftatbestand darstellen. Der Schutz der Familie, Markenkern der CSU, wird währenddessen kurioserweise bedeutungslos, wenn es nicht um „deutsche Familien“, sondern um Flüchtlinge geht, die ihre Familien nachholen wollen.

Religiöse und weltliche Männervereine

Viele Religionen geben unterschiedliche Regeln und Verhaltensweisen für Frauen und Männer vor und akzeptieren keine Lebensweisen, die nicht mit Heteronormativität konform gehen. Religionen sind menschengemacht und spiegeln die patriarchalen Machtverhältnisse wieder, die wir aus den anderen Sphären unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens kennen. Aus diesen und anderen Gründen sollte allen Religionen mit dem gleichen Maß an Misstrauen und Rationalität begegnet werden, der ihnen gebührt. Denn Religion ist längst keine Privatsache mehr, wenn ihre Normen auch unser Leben im öffentlichen Raum bestimmen. So, wie es etwa die katholische Kirche tut, die wir steuerlich subventionieren und die den Unionsparteien nicht allzu fern steht.

Eine Institution, die für sich in Anspruch nimmt, im Privatesten Vorschriften für Menschen zu machen, von deren Lebensrealität sie nicht weiter entfernt sein könnte. Eine Institution, die vergewaltigten Frauen die Pille danach verwehrt, deren hochrangige Vertreter unbehelligt von arbeitenden Frauen als „Gebärmaschinen“ reden und das Modell des Zwei-Verdiener-Haushalts als „ideologischen Fetisch“ bezeichnen können. Eine Institution, die für den Schutz des Lebens eintritt, sofern es nicht um das Leben schwangerer Frauen geht. Eine Institution, die mit gesellschaftlichem Wandel schwer tut und allenfalls für inkrementelle Weiterentwicklungen bekannt ist. Die Haltung zur Pille danach etwa hat sich nach der heftigen Kritik etwas gelockert. Ein Präparat, das mit der Absicht eingesetzt werde, die Befruchtung zu verhindern, sei in bestimmten Fällen vertretbar. Nicht jedoch ein solches, das verhindere, dass sich eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter einniste. Geschenkt, denn die Pille danach ist unwirksam, sobald eine Befruchtung stattgefunden hat.

Fortschritt und Beschränktheit

Man mag es als Fortschritt feiern, dass alte Männer in langen Gewändern, die aus reiner Gewohnheit über seelisches und körperliches Befinden von jungen Frauen entscheiden, es fast geschafft haben, sich auf den fachlichen Stand eines Beipackzettels zu bringen. Man kann es aber auch einfach nur peinlich finden, vor allem wenn man die erläuternde Erklärung des Erzbistums Köln liest:

„Bisher wurde oft davon ausgegangen, dass die nidationshemmende Wirkung das zentrale Wirkprinzip der Präparate sei, die als „Pille danach“ bezeichnet werden. […] Das ist offenbar nicht mehr Stand der Wissenschaft.“

Richtig. Seit gefühlt 1892. Ebenso scheingütig kommt die Ansage des Papstes daher, im Heiligen Jahr (und nur dann) allen Priestern zu erlauben, Abtreibungen zu vergeben (das dürfen nicht alle). Dieses barmherzige Angebot mag unter anderen Päpsten nie denkbar gewesen sein, offenbart aber vor allem eins: „An der ideologischen Beschränktheit ändert sich nichts.“ (Ambros Waibel, taz)

Wenn Frau Klöckner sich also das nächste Mal darüber beschwert, dass ein Angehöriger einer anderen Glaubensgemeinschaft ihr nicht die Hand geben will, möchte sie doch bitte jemand daran erinnern, dass ihre konservativen Brüder, kirchlich und weltlich, sich zwecks Regulierung am liebsten an ihren Uterus und ihre Lohnsteuerkarte ketten würden. Wenn sich die Union ernsthaft mit Fragen der Gleichstellung auseinandersetzen möchte, soll sie dies tun. Dann aber bitte sachlich differenziert und mit einer großen Portion Selbstreflexion. Am einfachsten wäre es, sie fängt im eigenen Laden damit an. Wenn sie Frauenrechte weiter in Sippenhaft für ihre billige rechtspopulistische Rhetorik nutzen will, sollte sie keinen Dank erwarten – vor allem nicht von denen, für die sie zu sprechen meint.

 

Zum Weiterlesen:

http://diestoerenfriedas.de/deutschland-das-land-der-frauenrechte-oder-warum-nicht-die-fluechtlinge-die-vermeintliche-gleichberechtigung-in-diesem-land-bedrohen/

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/feminismus-fluechtlinge-dare-the-impossible

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/debatte-um-fluechtlinge-deutsche-werte-manipuliert-kolumne-a-1055770.html

 

Foto: Benjamin Eichler

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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3 Kommentare

  1. constanze says:

    Okt 18, 2015

    Antworten

    Ich habe in Berlin vor ein paar Tagen eine Unterhaltung verfolgt, in der sie und er sich auf ihre christlichen Grundwerte beriefen und deswegen nur afrikanischen Christen Asyl in Deutschland geben wollen. Alles andere passt ja nicht hier her. Nicht nur Kirchen und religiösgefärbte Parteien haben eine ganz konkrete Vorstellung davon, welche Menschen nach Deutschland kommen sollen und welche nicht. Auch Nichtgläubige, „aufgeklärte“ Akademikerinnen* besinnen sich plötzlich einer Tradition, die nichts mit ihrem Leben zu tun hat und die sie vor einigen Monaten warscheinlich noch als überholt oder für sie nicht maßgeblich abgetan haben. „Man/frau ist ja kein Rassist, aber…“ Ganz ungeniert haben die beiden darüber geredet, dass frau/man die AfD ja NOCH nicht (auf Bundesebene) wählen könne. Aber bald… Ich habe mich leider nicht getraut sie nach ihren christlichen Wurzeln und den zehn Geboten zu befragen oder ihnen den Hinweis zu gebne, dass die AfD perfekt zu ihnen passt. Das sind keine besorgten Bürgerinnen*, sondern Rassistinnen*, die sich unter dem Mantel von Tradition und Religion verbergen.

  2. […] mit der äußerlichen Abweichung der Täter vom durchschnittlichen Westeuropäer zusammenzuhängen. Das kennen wir bereits. Es ist höchst problematisch, die Fälle der Silvesternacht in Verbindung mit der Herkunft der […]

  3. […] People who opposed feminism before suddenly are fighting for the rights of women. This is not a new phenomenon; right-wing parties were using these arguments before when they were criticizing Angela Merkel’s recent policy on refugees. […]

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