AllaboutagirlÜber einen Roman, den alle Teenager lesen sollten.

Disclaimer: Wir haben diesen Roman von seinem Verlag vorab als Rezensionsexemplar geschickt bekommen. Aber hey, für ein Buch im Wert von 14,99 Euro und ein T-Shirt lassen wir uns nicht bestechen.

 

tl;dr

„All About a Girl“ von Caitlin Moran ist ein famoser Entwicklungsroman mit einer furiosen Protagonistin, den alle Teenager lesen sollten!

 

Spieglein, Spieglein

Johanna Morrigans Familie hat keinen Spiegel zuhause. Sie erreicht ihre Pubertät, ohne zu wissen, wie sie eigentlich aussieht. Als sie einen Schreibwettbewerb gewinnt und ihr Gedicht im Fernsehen vortragen soll, sieht sie ihr Gesicht und ihren Körper zum ersten Mal in den Bildschirmen im Fernsehstudio – und findet sich schrecklich hässlich. Hier könnte das Buch „All About a Girl“ von Caitlin Moran eigentlich anfangen, weil dieser Blick auf die Monitore der initiale Fehler, quasi die Erbsünde der Protagonistin ist. Ab hier fühlt sie sich beschissen und glaubt, an sich unbedingt etwas ändern zu müssen. Stattdessen aber beginnt der Roman ein paar Wochen früher mitten bei der nächtlichen Masturbation. Auch kein schlechter Anfang.

„All About a Girl“ ist eigentlich ein typischer Coming-of-Age-Roman, ein Jugendbuch, in dem wir Leser den Hauptcharakter dabei begleiten, wie er erwachsen wird. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, waren da Benjamin aus „Crazy“, Holden Caulfield aus „Der Fänger im Roggen“, Tom Sawyer und Huckleberry Finn – und erst kürzlich habe ich Maik und Tschick in Wolfgang Herrndorfs Roman bei ihrer Reise begleitet. Sie alle entwuchsen in großen Romanen ihrer Kindheit und sie alle sind männlich. Ich hatte massive Probleme, mich mit diesen Protagonisten zu identifizieren. Sie mussten sich in der Regel vor Gleichaltrigen für nichts schämen. Benjamin aus „Crazy“ etwa masturbiert gemeinsam mit Mitschülern vor der Mädchendusche. Für mich eine absolut undenkbare Situation. Eine Protagonistin wie Johanna hätte mir gewiss gezeigt, dass meine Gefühle und meine Lust normal sind, und die Scham, die mich in meiner Teenagerzeit so viel begleitet hat, mir eigentlich von der Gesellschaft auferlegt wurde. Denn wer sagt eigentlich, dass Mädchen ihre Sexualität nicht öffentlich zeigen dürfen?

Johanna macht es einfach. Nach der Fernsehshow, in der sie ihr Gedicht vorgetragen hat, beschließt sie, sich einfach neu zu erfinden – nicht mehr die zu sein, die sie ist, sondern eine junge Frau namens Dolly Wilde, die einen Zylinder trägt, billigen Schnaps trinkt, für ein großes Musikmagazin schreibt und allen von ihren sexuellen Eskapaden berichtet. Das einzige Problem: Sie hat eigentlich noch gar keinen Sex, obwohl sie sich geradezu danach verzehrt.

Wie man ein Mädchen baut

Im Englischen heißt der Roman „How to Build a Girl“ – wie man ein Mädchen baut. Ein viel treffenderer Titel als „All About a Girl“, denn der ist ziemlich nichtssagend. Auch das deutsche Buchcover lässt zu wünschen übrig. Der Verlag „carl’s books“ hätte sich für das Titelbild immerhin die Mühe machen können, ein dickeres Mädchen zu finden, das die Johanna darstellt. Dieser dünne Oberarm und dieser schmale Unterschenkel passen einfach nicht zu dem, wie die Autorin sie beschreibt.

„Ich bin ein käsebleiches Mädchen mit Mondgesicht und viel zu kleinen Augen. Meine dünnen Haarsträhnen haben die Farbe einer toten Maus. Ich bin alles andere als schön. Und ich bin dick. Ich bin so stämmig und bleich, dass ich aussehe wie eine weiße Kühl-Gefrier-Kombination vom Discounter, die jemand auf die Bühne geschoben und der er aus reiner Bosheit ein gequältes Kindergesicht aufgemalt hat.“

Das sind die Gedanken, die Johanna durch den Kopf gehen, als sie auf besagter Fernsehbühne steht. Doch dann fängt sie sich wieder und redet sich ein, dass sie als Schriftstellerin „Herzen, Seelen und Wörter“ interessieren und nicht „Speck und Eitelkeit“.

„Jetzt muss ich nur noch herausfinden, inwiefern das stimmt. Ich werde beweisen, dass meine Hässlichkeit unwichtig ist. Irgendwann.“

Mangelware weibliche Charaktere

Dieser Zwiespalt begleitet sie durch das gesamte Buch. Während in ihr drin alles unzufrieden und ängstlich ist, mimt sie nach außen die Starke und Unverletzbare – eigentlich etwas, das in unserer Gesellschaft mehr von Männern verlangt wird. Johanna hat es aber als Weg für sich entdeckt, um in einer Männerdomäne zu bestehen und erfolgreich zu werden: dem Musikjournalismus. Und sie schafft es mit dieser Taktik auch, sehr schnell zum Liebling der Leser ihrer Zeitschrift zu werden.

Allerdings führt das dazu, dass andere weibliche Charaktere Mangelware sind. Leider. Eine Freundin hätte Johanna gewiss nicht geschadet. Immerhin gibt es ihre etwas ältere und vermeintlich coolere Cousine, die immer wieder die Initialzündung für Johannas Entwicklungsschritte ist, und auch ihre Mutter lehrt sie vieles und versucht sie zu schützen. Während der Vater zwar die präsentere Bezugsperson, aber ein Versager und nicht zuletzt ein Grund dafür ist, dass ihre Familie bitterarm in einer Sozialsiedlung in Wolverhampton lebt. Ihr wichtigster Freund aber ist ihr schwuler Bruder, der nie als schwul bezeichnet wird, weil es unserer liebenswerten Protagonistin einfach scheißegal ist.

Trial and Error

Auf ihrem Weg zur Selbstfindung erlebt Johanna allerdings auch einige Dinge, die ihr nicht gelingen. Sie übernimmt etwa in ihrer Affäre mit einem älteren Journalisten die devote Rolle bei SM-Spielchen, um ihm zu gefallen – aber ohne dass es ihr gefällt. Und sie schreibt nur gehässige Rezensionen neuer Alben, weil sie damit beliebter bei den Lesern ist, als wenn sie sich als Fan outen würde. Aber immer sobald sie begreift, dass sie sich gerade auf dem Holzweg befindet, beginnt sie von Neuem. Prinzip Trial and Error. Und das ist für mich die wichtigste Botschaft des Romans: Wir arbeiten unser Leben lang an uns und nicht selten ist es die Einsicht, wie wir NICHT sein wollen, die uns weiterbringt.

Johanna für ihren Teil wird noch in zwei Folgeromanen weiter an sich arbeiten. Bleibt nur zu hoffen, dass es Caitlin Moran gelingt, ihre Protagonistin weiterhin mit so viel Leidenschaft und Identifikationspotenzial auszustatten. Ich bleibe dabei.

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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