Frauenabteile in der U-Bahn Tokyo

In der U-Bahn sind sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung, Frauen haben eine eigene Sprache und Abtreibungen sind gängiger als die Pille – doch auch Frauen ziehen immer häufiger Karriere Ehe und Familie vor. Auf ihrer dreieinhalbwöchigen Rucksacktour durch Japan lernt Autorin Isa ein Land voller Widersprüche kennen.

„Du bist alleine unterwegs?“ Diese Reaktion ist ein ständiger Begleiter auf meiner Reise durchs ferne Japan. Die erste Lektion ist deshalb schnell gelernt: Selbständigkeit und individuelle Lebensgestaltung sind Werte, die in der japanischen Gesellschaft keinen hohen Stellenwert besitzen. Erst recht nicht für Frauen. Der erste Blick erfüllt ein Klischee, das man von Japan kennt. Frauen sollen „kawai“ (süß, niedlich) und „kirei“ (hübsch) sein. Auf der Straße äußert sich das unter anderem durch den aus Film und Fernsehen bekannten kindlichen und besonders weiblichen Schulmädchenlook. In der Gesellschaft äußert sich dies durch die dem Mann untergeordnete Stellung.

Schon in der Sprache manifestieren sich geschlechterspezifische Unterschiede. Ein Bekannter, der seit drei Jahren in Japan lebt und arbeitet, erzählt mir, dass die japanische Sprache nicht nur aus drei verschiedenen Schriftzeichensystemen besteht, es existiert außerdem eine typisch männliche und eine explizit weibliche Ausdrucksweise. Zu dem von Frauen erwarteten Verhaltensstil gehört also auch, dass sich ihre Sprache und Aussprache von denen der Männern unterscheiden. Ich bin des Japanischen nicht mächtig, kann also dazu keine eigenen Erfahrungswerte wiedergeben. Jedoch sagt mein Bekannter mir, dass Frauen zum einen besonders häufig Höflichkeitsformen verwenden und es sogar spezielle „Frauenworte“ gibt.

Meinem Reisespaß tun diese neuen Erkenntnisse erst mal keinen Abbruch. Die japanische Kultur ist faszinierend und bietet viele interessante Details. Es gibt überall was zu entdecken und zu erkunden, selbst ein Gang in den Supermarkt ist ein Abenteuer. Mein persönliches Highlight ist Koyasan. Dieser Tempelberg, der als bedeutendstes Zentrum für die Schule des Buddhismus und als Wiege des Shingon-Buddhismus gilt, ist wohl einer der schönsten Flecken, die ich jemals gesehen habe. Vor allem der rund zwei Kilometer große Friedhof hat es mir angetan. Interessanter Fakt: Bis 1873 hätte ich auf dem als heilig geltenden Ort als Frau keinen Zutritt gehabt. Noch heute gibt es Bereiche, die nur Männer betreten dürfen.

 „Chikan“ – Übergriffe in japanischen U-Bahnen

Zu einer Japanreise gehört natürlich auch eine Fahrt mit der Tokioter U-Bahn. Jeder kennt sicher die Bilder von übervollen Waggons und Menschen, die von innen an die völlig beschlagenen Fensterscheiben gedrückt werden. In der Rushhour kommt es dann tatsächlich ab und zu vor, dass nachfolgende Fahrgäste oder Bahnangestellte einfach die Menschenmasse weiter in den Waggon reinschieben und drücken, um Platz für mehr Personen zu machen. Für Frauen (in seltenen Fällen auch für Männer) kann diese Situation dazu führen, dass Mitfahrer das Gedränge für sexuelle Übergriffe nutzen. Das Phänomen ist so weit verbreitet, dass die japanische Sprache für diese Form der sexuellen Belästigung sogar einen eigenen Begriff bereithält: „Chikan“. Das heißt auf Deutsch so viel wie „Sittenstrolch“ oder „Perverser“. In U-Bahnen wird auf Schildern ausdrücklich davor gewarnt.

Neben den übervollen Bahnen stellt sich insbesondere als Problem heraus, dass viele der betroffenen Frauen viel zu beschämt sind, um etwas zu erwidern. Die Männer wiederum fassen dies als ausdrückliche Einladung weiterzumachen auf. Nachdem das Ergebnis einer Studie zutage brachte, dass etwa 64 Prozent der Frauen zwischen 20 und 30 von den Übergriffen betroffen waren, führte Japan im Jahr 2005 Abteile nur für Frauen ein. Insbesondere zur Rushhour werden die Frauenabteile eingesetzt. Neben Japan sind mir derartige Maßnahmen nur aus Mexiko und Brasilien bekannt.

Japan bei Gleichstellung weit hinten

Frauen JapanMit Japanern*, denen ich auf meiner Reise begegne, rede ich häufig über meine Arbeit. Dass ich einfach mal für dreieinhalb Wochen Urlaub machen kann, nach meiner abgeschlossenen Doktorarbeit nicht noch am selben Tag direkt eine Stelle antrete, das ist für sie äußerst verwunderlich, die sie nicht selten erst um 22 Uhr Feierabend machen können – einen mit den Kollegen trinken zu gehen, gehört in Japan mit zum Arbeitsalltag dazu. Den Leistungsdruck empfinde ich in Japan als besonders hoch, gepaart mit den starren hierarchischen Strukturen wirkt sich dies besonders benachteiligend für berufstätige Frauen aus.

Im Gender Gap Report von 2014, zu dem das World Economic Forum 142 Länder untersuchte und in eine Rangliste einordnete, befindet sich Japan auf Platz 104. Japan liegt damit, was die Geschlechtergleichstellung betrifft, hinter Ländern wie Bangladesch, Ghana oder Mexiko. Zum Vergleich: Deutschland belegt in der Studie Platz 12.

Der Report wurde 2006 vom World Economic Forum eingeführt. Er misst das Ausmaß der Geschlechterdisparität in wirtschaftlicher Beteiligung und Chancengleichheit (Gehälter, Beteiligungsniveau und Zugang zu Führungspositionen), Bildung (Zugang zu grundlegender und höherer Bildung), politischer Mitwirkung (Vertretung in Entscheidungspositionen) sowie Gesundheit und Lebenserwartung (Geschlechterspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung).

Erklären lässt sich der abgeschlagene Rang mit der Situation für japanische Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Laut der Zeit arbeiten nur rund 62 Prozent der Japanerinnen, was deutlich weniger ist als in vergleichbaren Ländern. Zwar sind Japans Frauen sehr gut ausgebildet, aber das bringt ihnen angesichts mangelnder Aufstiegsmöglichkeiten und politischer Teilhabe oft wenig. Für die gleiche Arbeit werden Frauen außerdem geringer entlohnt als Männer. Vereinbarkeit von Karriere und Kind ist in Japan gleich Null.

Wie mir eine Gastgeberin erzählt, gilt in Japan das ungeschriebene Gesetz, dass man als Arbeitnehmer* erst dann das Büro verlassen kann, wenn der Chef oder die Chefin bereits gegangen ist. Wer vorher geht, kommt nicht weit. Gleiches gilt für das Thema Urlaub, den man nur nehmen kann, wenn der oder die Vorgesetzte dies auch tut. Besonders für Frauen mit Kindern ist eine Karriere und Mutterschaft darum unvereinbar.

Oder wie ein japanisches Sprichwort sagt „Die Ehe ist das Grab der Frau“, denn von Verheirateten wird ein Kind erwartet. Angesichts dieser starren gesellschaftlichen Vorstellungen entscheiden sich laut Guardian viele junge Japaner* darum bewusst gegen eine Partnerschaft oder Ehe. Wieder einmal hat die japanische Sprache ein Wort für dieses Phänomen, der Singletrend wird als „sekkusu shinai shokogun“, das Keuschheits-Syndrom bezeichnet. Doch auch hier zieht meist die Frau den Kürzeren, denn unverheiratete Frauen gelten nicht als vollwertige Teile der Gesellschaft.

Pille in Japan erst seit 1999

Ich kippe beinahe aus allen Latschen, als ich in einem Gespräch mit einem Ortskundigen erfahre, dass die Pille in Japan erst im Jahr 1999 eingeführt wurde. Japan war bis dahin neben dem Vatikan der einzige Staat, der die Pille als Verhütungsmittel verboten hat.

Die Hauptgründe dafür liegen in kulturellen und gesellschaftlichen Vorbehalten. Die meist männlichen Parlamentarier haben Zulassungsanträge stets abgelehnt. Verhütung wurde weiter als Männersache, die Pille als unmoralische westliche Mode angesehen. Weiter lancierten Gegner Bedenken, dass durch die Pille Aidserkrankungen steigen könnten. Bis heute hat die Pille in Japan noch immer einen schlechten Ruf und nur wenige Abnehmerinnen. Nur rund drei Prozent der Frauen nehmen die Pille. Das Kondom bleibt weiter das Verhütungsmittel Nummer 1 der Japaner. Gängiger als die Pille sind offenbar auch Abtreibungen, weil Ärzte mehr daran verdienen.

Das alles lässt mich mit widersprüchlichen Gefühlen und Fragezeichen im Bauch zurück, als ich meine Heimreise antrete. Ich habe eine hochtechnisierte Industrienation mit streng hierarchischer Gesellschaftsgliederung und jahrtausendealter Familientradition kennengelernt. Doch was es als Reiseland besonders reizvoll macht, bringt vor allem für Frauen bis heute viele Benachteiligungen mit sich.

 

Fotos: Isa

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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5 Kommentare

  1. Constanze says:

    Dez 16, 2014

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    Ich kenne vor allem das Wort „Büroorchidee“. Japanische Frauen arbeiten zur so lange bis sie endlich erlöst und geheiratet werden. sie sind also nur eine Zierde für das Büro. Heiraten ist das große Ziel. das wird schon Mädchen vermittelt. Ganze Animee- und Mangaserien handeln davon.

    • Romy says:

      Dez 16, 2014

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      Zitat aus dem Artikel: „Frauen sollen ‚kawai‘ (süß, niedlich) und ‚kirei‘ (hübsch) sein.“ Ich finde, diesen Vermittlungsjob übernehmen die Animee- und Mangaserien auch ganz fleißig.

  2. Anne says:

    Dez 16, 2014

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    Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel über Japans Jugend gelesen, die depressiv und überwiegend arbeitslos und mit wenig Hoffnung auf die Zukunft vor sich hin vegetiert: http://www.zeit.de/2014/24/japan-jugend-sex
    Dein Artikel komplettiert das Bild einer Gesellschaft, in der die Alten das Sagen haben. – Die alten Männer. Hoffentlich finden die Jugendlichen und Frauen einen Weg, aus diesem Irrsinn auszubrechen. Sehr interessanter Artikel jedenfalls!

  3. Romy says:

    Dez 16, 2014

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    Danke für den tollen Einblick! Vor ein paar Jahren habe ich mal eine wunderschön gefilmte Reisedokumentation über Japan geschaut und die schloß mit dem Hinweis, Japan sei „modern, aber nicht westlich“. Die Lage der Frau wurde in dem Bericht jedoch nicht explizit aufgegriffen. Im Nachhinein verstört mich so eine Aussage, denn Gleichberechtigung der Geschlechter (und Generationen) ist doch ein universeller, nicht explizit „westlicher“ Wert. (Ich nehme an, die Abgrenzung als nicht-westlich bezog sich insbesondere auf die streng hierarchische Gesellschaftsordnung und Familientradition. Und eine „moderne“ Gesellschaft schließt für mich auch mehr ein als Hochtechnisierung u.ä.)

  4. JapanTraveler says:

    Dez 22, 2014

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    Best article in this blog so far!

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