i_want_you_by_efkieWenn Moritz in seinem Bekanntenkreis erzählt, dass er überzeugter Feminist ist, erntet er verwunderte Blicke. Über ein Wort, dessen männliche Form zu selten ist.

Sowohl beruflich als auch privat lasse ich mir kaum eine Gelegenheit entgehen, meine feministische Gesinnung zu propagieren. Gerne erzähle ich dazu auch, dass ich mich deshalb vor nicht allzu langer Zeit einem „feministischen Bloggerkollektiv“ angeschlossen habe, wie ich es gerne nenne, wenn ich meine politische Haltung besonders bedrohlich und subversiv illustrieren möchte.

Und es funktioniert: Zwar kann ich mich damit – zum Glück! – nicht zum Enfant terrible machen, aber immerhin: Einen flüchtigen Blick der Verblüffung gönnt mir mein Gegenüber meist schon. Die Frage, wie sich meine vorwiegend männliche Geschlechtsinszenierung mit dem Wort Feminismus verknüpfen lässt, bleibt unhörbar unausgesprochen, ist aber auf dem Gesicht des anderen nachgerade abzulesen.
Und hier geht es los: Warum?

Allein der Fakt, dass es als besonders gilt, wenn sich ein Mann als Feminist bezeichnet, ist bemerkenswert. Denn wenn man sich als weiße oder bürgerliche Person als Antirassist_in oder als Sozialist_in bezeichnet, bewirkt das keineswegs Überraschung.

Auf die Tatsache, dass das verwunderlich ist, werde ich noch zurückkommen, aber zunächst zeigen die Beispiele auch, warum es möglich ist, sich als Mann als Feministen zu verstehen: Sowohl dem Antirassismus als auch dem Feminismus geht es darum, dass alle Menschen jeweils unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht dieselben Rechte und wenn möglich auch dieselben Chancen haben sollten.

Gleichberechtigung ist ein hohes Gut

Es geht um einen dieser abstrakten Begriffe, der neben Freiheit, als eine der großen Leitideen der Moderne zu verstehen ist: Gleichheit. Die daraus erwachsene Gleichberechtigung ist ein hohes Gut unserer heutigen Gesellschaften und ein starker Motor für Umstürze und Umbrüche. Sich auf die Gleichheit aller Menschen zu berufen, wenn man der Ansicht ist, männliche Wesen sollten weibliche in ihrem Kampf um Ressourcen aller Art unterstützen, ist also keineswegs naiv, romantisch oder verklärt, sondern vielmehr ein Kampf um ein Prinzip, das bisher stets hinter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Allein dafür lohnt es sich, feministisch aktiv zu werden.

Darüber hinaus hat die Emanzipation von Frauen bereits in recht kurzer Zeit dafür gesorgt, dass sich das Verständnis vom Geschlechterverhältnis fundamental verändert hat. Dazu gehört auch, dass Männer und Jungs nun Gefühle, Affekte, Handlungen und Verhaltensweisen haben dürfen, die vorher Frauen vorbehalten waren und die die herrschende männliche Gesellschaft deshalb abwertete. Auch männliche Menschen sind also durch die feministische Bewegung freier geworden. Das ist größtenteils der Arbeit von Frauen zu verdanken. Kaum auszumalen, was passiert, wenn jetzt auch noch Männer anfangen, beim Projekt Feminismus mitzumachen!

Auch Männer werden unterdrückt

Auch wenn bereits viel passiert ist, bleibt an dieser Stelle noch viel zu tun. So paradox es klingt, auch Männer sind oft Opfer der männlichen Herrschaft. Es ist furchtbar anstrengend, stets der männlichen Geschlechterrolle zu entsprechen und immer stark sein zu müssen oder nur einen Bruchteil der eigenen Gefühlswelt zeigen zu dürfen. Noch dazu sind Männer sehr viel häufiger Opfer körperlicher Gewalt als Frauen, die Täter sind jedoch meistens auch männlich.

Die herrschenden Strukturen unterdrücken folglich nicht nur Frauen, sondern auch andere Männer. Sie werden durch diese männlich geprägten Strukturen angehalten, untereinander um Männlichkeit zu kämpfen, sodass sich jene gut unterdrücken lassen, die als unmännlich oder weiblich gelten, wovon neben Frauen in besonderem Maße schwule Männer und Transgender betroffen sind.

Männlicher Feminist zu sein, heißt deshalb auch, den absurden Kampf um Männlichkeit aufzugeben und sich auf einen einzulassen, dessen Ziel automatisch auch die Emanzipation von Männern aus repressiven Strukturen beinhaltet. Das erklärt wohl auch, warum so viele meiner – doch recht gebildeten – Bekannten verwirrt sind, wenn ich mich als Feminist bezeichne.

Dass Männer keineswegs bereits emanzipiert sind, lässt sich zum Beispiel daran absehen, dass nur jeder fünfzigste Vater sein Recht auf Elternzeit in Anspruch nimmt. Oder an der Banalität, dass zwar Frauen mittlerweile selbstverständlich Hosen tragen, Männer jedoch gar nicht erst daran denken, im Rock oder Kleid ihren Alltag zu bestreiten (von einigen Schotten und deren Fans abgesehen).

Das veranschaulicht recht gut, dass die geltende Herrschaft noch immer männlich ist. Ein Feminist ist also zugleich ein emanzipierter Mann, der Geschlechterrollen kritisch hinterfragt und sich die Freiheit nimmt, aus ihnen auszubrechen. Leider scheinen die meisten Männer in Deutschland und in anderen Teilen der Welt sich bisher konsequent zu weigern, ihre möglichen Lebensstile zu vervielfältigen.

Sexismus hat viele Gesichter

Aber es ist auch Vorsicht geboten: Zu schnell kann sich das männliche Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen in sein Gegenteil verkehren. Etwa dann, wenn sich dadurch das Bild der schwachen Frau, die auf die Unterstützung eines Mannes angewiesen ist, verfestigt. Oder das Bild der Frau als Opfer. So ehrenwert die Absichten sein mögen, damit ist nicht nur keiner Frau, sondern niemandem geholfen.

Deshalb sollten Männer auf Gentleman-Gehabe verzichten, wenn sie sich als Feminist bezeichnen wollen. Denn nur eine schwache Frau braucht einen Gentleman. Es handelt sich dabei bloß um eine besonders hinterhältige Form des Sexismus. Frauen wiederum sollten sich in ihrem eigenen Interesse den kavaliermäßigen Bad Boy abschminken sollten.

Feminist oder Feministin zu sein, heißt aber auch, Frauen nicht zu schonen. Vor allem dann nicht, wenn sie sich selbst sexistisch verhalten. Etwa wenn Frauen über andere Frauen als Schlampen reden, nur weil sich eine Frau das Recht nimmt, mit so vielen Männern Sex zu haben, wie sie möchte.

Schonen Männer diese sexistischen Frauen, weil sie denken, sich in ‚Frauensachen‘ nicht einmischen zu dürfen, machen sie sich zu Verbündeten: Sie handeln selbst sexistisch, weil sie das, was Frauen untereinander übereinander sagen nicht ernst nehmen. Wenn das nicht sexistisch ist, was dann?

Auch darf der Einsatz gegen die Unterdrückung von Frauen nicht dazu führen, die Stellen zu übersehen, wo Männer gegenüber Frauen tatsächlich schlecht wegkommen. Das gilt zum Beispiel bei Kindesentzug oder ungewollter Elternschaft. Auch eine Verrohung gegenüber Gewalt an Männern ist der Sache wohl kaum dienlich. Unabhängig davon, von wem die Gewalt ausgeht. Feministisch eingestellten Männern müsste es aber leichter fallen, sich auch in diesen Punkten emanzipieren zu können.

 

Zum Weiterlesen:

 

Foto: Ewa Swiatecka

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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3 Kommentare

  1. Rene says:

    Mrz 14, 2016

    Antworten

    Ich habe das Gefühl, dass hier Selbstinszenierung mit dem Label „Feminist“ betrieben wird. Zudem auch widersprüchlich. Wie verträgt sich eine vorwiegend männliche Geschlechtsinszenierung mit der nicht gewollten Anstrengung des Kampfes um Männlichkeit? Befremdlich ist auch, dass der Feminist um die Interessen von Frauen weiß: „Frauen wiederum sollten sich in ihrem eigenen Interesse den kavaliermäßigen Bad Boy abschminken.“ Woraus begründet sich der Anspruch?

    • Moritz says:

      Mrz 15, 2016

      Antworten

      Hey Rene, das ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt den du da mit der Selbstinszenierung ansprichst. Letztlich gilt das ja für alle Sachen mit einem guten Zweck: Entweder man hängt es nicht an die große Glocke und dann bekommt es niemand mit und niemand kann sich dann davon inspirieren und anstecken lassen oder man tut es doch, dann können sich andere davon inspirieren lassen, aber dann hat man das Problem sich den Vorwurf der Selbstinszenierung ausgesetzt zu sehen (wohlgemerkt oft ja auch nicht unberechtigt). Momentan wäre mir einfach lieber, Männer würden ihre feministische Gesinnung etwas mehr öffentlich machen, natürlich nur, wenn sie auch tatsächlich feministisch leben.
      Die „vorwiegend männliche Geschlechtsinszenierung“ soll ausdrücken, dass es niemals eine rein männliche oder weibliche Geschlechtsinszenierung gibt, dass sie also nur Ideale sind, denen man sich durch Inszenierung versucht zu nähern. Sie sind also keineswegs auf die Anatomie zurückzuführen, sondern auf die Gesellschaft. Sich einzugestehen, dass die eigene männliche Geschlechtsinsezenierung nicht perfekt ist, ist also bereits ein Zugeständnis dafür, den Kampf um Männlichkeit zu beenden. Außerdem ist es aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen wenn überhaupt nur sehr schwer möglich, sich geschlechtlich nicht zu inszenieren. Evtl. wäre das Ziel eine Männlichkeit, die niemand anderen unterdrückt, wie auch immer die aussehen mag.
      Niemand weiß um die Interessen der „Frauen“. Auch Feministinnen nicht. Dafür sind diese Gruppe und ihre Lebensentwürfe einfach zu vielseitig. Letztlich weiß jeder nur über die eigenen Interessen Bescheid (und da sind wir uns oft schon nicht ‚einig‘). Das mit dem „kavaliermäßigen Bad Boy“ bezog sich auf den benevolenten Sexismus, der hinter Gentelman-Gehabe steckt. Aber klar, falls eine Frau damit umgehen kann und glücklich damit ist, spricht auch da wenig dagegen. Falls…

  2. Nikolas Scholz says:

    Mrz 17, 2016

    Antworten

    Ich find das gut. Danke an den Autor. Ich hoffe, es bewegt sich ordentlich was weiter in der Richtung in nächster Zeit. Und um mich auch mal gleich zu inszenieren und Werbung zu machen: Ich bin ein veganer Feminist, Legalisierungsbefürworter, Freidenker. Und kann das alles jedem anderen Menschen nur empfehlen ;)

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