notthatkindofgirl1Lena Dunham ist streitbar. Und das gleich vielfach – ihre Person, ihre Serie „Girls“ und ihr kürzlich veröffentlichtes Buch „Not That Kind of Girl“. Da sind sich Feministinnen, aber auch Menschen, die mit Feminismus so gar nichts am Hut haben wollen, einig. 

 

Nach 262 Seiten bin ich ein wenig ratlos. Nicht, weil ich nicht verstehe, was ich gelesen habe, sondern weil es mein Gehirn vor die schwere Aufgabe stellt, es einzuordnen. Ich habe mich auf dieses Buch gefreut. Ich mag „Girls“. Ich weiß, dass ich mich mit diesem Bekenntnis in der feministischen Blogger*szene in gefährliches Fahrwasser begebe. Ich habe Girls gesehen, mir Gedanken darüber gemacht, und ich habe auch die Kritik an der Serie wahrgenommen und mir Gedanken über diese gemacht.

Die (feministische) Kritik in der Kurzversion: Die Protagonisten* sind zu weiß, zu privilegiert, die Probleme sind keine richtigen Probleme, die Hauptfigur unerträglich narzisstisch. Einiges davon wurde zurecht geäußert, Dunham nahm es dankbar an und versuchte konstruktiv mit der Kritik umzugehen, andere Perspektiven in die Serie einzubauen.

Auf die Idee, dass der Darstellung objektiv fragwürdiger Problemlagen privilegierter weißer Mittelklasse-Mittzwanziger in der Serie durchaus eine kritische Note unterliegt, kamen die wenigsten. Es gibt zu wenig Serien, die die Geschichte von People of Colour erzählen, zu wenig Serien, die die Geschichte von nicht ganz so hippen und privilegierten jungen Menschen erzählen, und es gibt zu wenig Serien, die vom Leben von Frauen erzählen und nicht von deren Schuhen und Männern. Teils bekam man den Eindruck, dass Lena Dunham nun für all die Probleme verantwortlich gemacht wird, die es im Fernsehgeschäft gibt. Junge Frauen, die sich öffentlich positionieren, sind eben eine dankbare Zielscheibe. Die Tatsache, dass Girls eine der wenigen Serien ist, die eine ganze Riege weiblicher Charaktere mit einer greifbaren Persönlichkeit als Hauptdarsteller hat, die nicht nur der Männer wegen ihren Platz in der Serie haben, ging dabei oftmals unter.

(Not) that kind of Girl?

Wem Girls unter anderem nicht zusagt, weil es zu zentriert auf Lena Dunham ist, der wird auch an „Not That Kind of Girl“ wenig Freude haben, denn es ist sehr persönlich. Es ist keine stringente Biografie, es ist kein Sachbuch, es ist kein Roman. Not That Kind ist eine lose Sammlung von Memoiren in Form von Essays, Listen und tagebuchartigen Einträgen. All dies folgt keinem roten Faden, weder thematisch noch chronologisch. Lena Dunham erzählt ihre Geschichte und die ist intim. Es geht um diffuse Ängste schon im Kindesalter, psychische Probleme, die Bindung zur Familie, Freundschaft, sexuelle Erfahrungen, Beziehungen, das Verhältnis zum eigenen Körper und das Arbeiten im professionellen Umfeld.

Nach dem Lesen frage ich mich: Ist Lena Dunham entgegen des Titels vielleicht doch that Kind of Girl? That Kind of Girl wie du und ich? Ich denke, sie ist es. Wahrscheinlich wird sich jede Frau, die Erfahrungen mit Sexualität, Diskriminierung oder der Beziehung zum eigenen Selbst bewusst wahrgenommen hat, in mindestens einer von Dunhams Memoiren wiederfinden. Sie ist privilegiert, sie wächst in einer New Yorker Künstlerfamilie auf, wird in einem progressiv-liberalen Umfeld sozialisiert und darf viele Freiheiten und Möglichkeiten genießen. Aber das feit sie nicht davor, erst lernen zu müssen, was etwa einvernehmlicher Sex bedeutet, was eine gesunde Partnerschaft ist, dass Talent, Engagement und gutes Handwerk keine Garantie sind, um im Beruf ernstgenommen zu werden. Und auch nicht davor, dass man trotz all des Selbstbewusstseins nicht immun davor ist, die Kekspackung, nur von Schuldgefühlen begleitet, leer essen zu können.

Kein Manifest

Gerade darin liegt die große Stärke ihres Buches. Not That Kind of Girl ist kein explizit feministisches Manifest. Es enthält keine Analyse gesellschaftlicher Machtstrukturen, keine Handlungsempfehlungen, keine Agenda. Aber das braucht es auch nicht. Die Botschaft hat ihre Stärke in der Erzählform und der Ebene, auf der sich Leser* und Autorin begegnen. Gesellschaftliche Probleme und Strukturen werden durch Dunhams Erfahrungen so glasklar, dass es gar keiner gesonderten Analyse bedarf, sie schwingt mit. Es ist ein wenig, als würde man einer guten Freundin zuhören, die erzählt, was sie bisher erlebt hat. Man hört zu, kann sich problemlos in sie hineinversetzen, erzählt von ähnlichen Erlebnissen. So in etwa lässt einen auch das Buch zurück – bereichert und mit dem Gefühl, nicht allein zu sein.

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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