nichtwahl.jpgWas bedeutet es, wenn eine Kandidatin, die Obama als bisher bestausgebildete Person bezeichnet, die für das Amt je kandidierte, gegen den bisher unqualifiziertesten Kandidaten verliert?

Für mich persönlich war es das erste Mal, das mich ein Wahlergebnis fast zu Tränen gebracht hat. Okay, ich gebe zu, es sind wirklich Tränen geflossen und zwar als ich die Concession Speech von Hillary Clinton am Tag nach der Schmach im Livestream angesehen habe.

Aber zurück zur Frage, was das nun bedeutet. Amerikanischen Wählern müsste es einmal mehr vor Augen halten, dass das System irgendwie nicht ganz passt. Zum fünften Mal wird jemand Präsident, der nicht die Mehrheit der Stimmen gewinnen konnte.

Für Hillary – kann ich mir vorstellen – muss es natürlich die schlimmste Erniedrigung überhaupt sein.

Für die Medien muss es wohl die Erkenntnis bedeuten, dass etwas, was man sich überhaupt nicht vorstellen kann, dennoch durchaus so passieren kann. Sie waren ja alle so überrascht von dem Ergebnis. Die Medien, die als vierte Gewalt gelten und laut Wikipedia „in einer demokratischen Gesellschaft einen wesentlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf politische Entscheidungen“ haben. Kann es vielleicht sein, dass eben diese Medien sich mittlerweile durch die Digitalisierung so verändert haben, dass sie die Meinung der Öffentlichkeit trotz aller zur Verfügung stehender Instrumente gar nicht mehr einschätzen können? Stichwort „liberal bubble“ und siehe Brexit.

Niederlage für alle Frauen

Und für Frauen? Klar, Politik wird nicht nur aus der Perspektive „Mann sein“ oder „Frau sein“ gemacht, trotzdem ist dieser Wahlausgang meiner Meinung nach eine schlimme Niederlage für Frauen. Was bedeutet die Nichtwahl von Hillary für die Frauen? Beim Verarbeiten und Nachdenken über den Wahlausgang kamen mir sofort Assoziationen und Gefühle von Bewerbungsgespräch-Situationen in den Kopf, die jeder Frau auf der ganzen Welt (in der Frauen als Bewerberinnen antreten können) so passieren könnten: Gut ausgebildete, motivierte Frau versus Schwätzer. Und wer wird am Ende genommen? Nur dass es in diesen Situationen eine kleine Personengruppe ist, die die Entscheidung fällt, und nicht ein ganzes Land.

Die Niederlage einer Frau, die 30 Jahre in ihre politische Karriere gesteckt hat, um gegen einen Kandidaten zu verlieren, der mehr durch verbale rassistische und sexistische Entgleisungen als durch politisches Geschick auf sich aufmerksam gemacht hat, macht mich wütend.

Tiefverwurzelter Sexismus als eine Ursache

Für mich offenbart der Wahlausgang tiefliegende und sehr komplexe Problematiken in der amerikanischen Gesellschaft – diese existieren aber ganz bestimmt nicht nur exklusiv dort. Ein Teilbereich davon ist der institutionalisierte und stark verbreitete Sexismus. Dann nehmen wir lieber den letzten Idioten, dem glauben wir immer noch mehr als einer Frau.

Amerika hat jetzt also einen Präsidenten, der im Verdacht steht, eine 13-Jährige sexuell missbraucht zu haben, gegen den weitere unzählige Anzeigen wegen sexueller Gewalt vorliegen und der für alle Welt hörbar mit „Pussy-Grabbing“ geprahlt hat. Wie kann es sein, dass er jetzt trotzdem Realität ist, dieser Präsident?

Viele Ursachensucher bringen das Argument ins Spiel, dass es keine Wahl gegen eine Frau, sondern nur ein Ausdruck von Politikverdrossenheit war. Das mag vielleicht irgendwie auch stimmen, trotzdem muss man sich aber die Frage stellen: Wäre Hillary Clinton ein Mann gewesen, hätte Donald Trump dann auch gewinnen können? Und hätte sich eine Frau solche verbalen Entgleisungen leisten können und immer noch Präsidentin werden können? Ich würde mal behaupten: nein.

„Endlich sagt’s mal einer“

Mir scheint es so, als hätte Trump gerade wegen seiner verbalen Entgleisungen gewonnen (was mich noch wütender macht). Nicht weil die Menschen das, was er sagt, unbedingt toll und erstrebenswert finden, sondern DASS er es sagt. Es ist ja anstrengend, sich ständig um sprachliche Political Correctness in allen Bereichen zu bemühen. Könnte es nicht vielleicht sein, dass es für einige einfach zu kompliziert geworden ist, sich mit den ganzen Rechten von Minderheiten auseinanderzusetzen und was man alles sagen darf und was nicht? Scham über eigene Gefühle und Ängste, die man hat, etwas Falsches zu sagen oder zu denken, das mag natürlich keiner gerne. Und jetzt kommt da also so ein Trump und nimmt den Leuten die Scham. Er redet einfach unzensiert und das kommt gut an in einer Welt, die vielen zu komplex sein mag. Die ganzen Hater in den sozialen Medien gehen ja schließlich auch wählen. Und das können nicht so wenige sein, wenn unter gewissen Themen sogar die Kommentarfunktion gesperrt wird.

Gegenstimmen sind jetzt wichtig

Trump wurde gewählt. Es gibt Menschen, die ihn trotz seiner Verfehlungen als Repräsentanten für sich ausgesucht haben. Das kann nur eins heißen: dass das, was auf dem Weg der tatsächlichen Gleichberechtigung der Frau erreicht wurde, keinesfalls selbstverständlich ist. Es ist keine Entwicklung, die kontinuierlich voran geht, nur weil das Wissen um die Werte existiert, vergleichbar mit der Aufklärung. Für mich ist jetzt vor allem wichtig, Gegenstimmen zu haben. Wie beim alltäglichen Sexismus. Es nicht einfach hinnehmen oder stehen lassen, nur – nein, sogar gerade weil es auf der „Weltbühne“ passiert. Angela Merkel hat es ja schon vorgemacht. Es ist umso wichtiger für Werte in Sprache und Taten einzustehen. Nicht verstummen, weiter und umso stärker für das eintreten, was wir vielleicht allzu naiv für gegeben und erkämpft gehalten haben.

Was es noch bedeutet zum Schluss in Hillary Clintons Worten aus ihrer Concession Speech:

And to the young people in particular, I hope you will hear this. I have, as Tim said, spent my entire adult life fighting for what I believe in. I’ve had successes and I’ve had setbacks, sometimes really painful ones. Many of you are at the beginning of your professional, public, and political careers.

You will have successes and setbacks, too. This loss hurts, but please, never stop believing that fighting for what’s right is worth it. Nothing has made me prouder than to be your champion.

Now, I know we have still not shattered that highest and hardest glass ceiling, but someday, someone will, and hopefully sooner than we might think right now.

And to all the little girls who are watching this, never doubt that you are valuable and powerful and deserving of every chance and opportunity in the world to pursue and achieve your own dreams.“

 

Foto: Gage Skidmore

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger BeitragProtest gegen die "Demo für Alle" Nächster Beitrag#Sinnvollschenken – dem Kind, nicht dem Geschlecht

1 Kommentar

  1. Berta.B says:

    Nov 14, 2016

    Antworten

    Es ist wirklich erleichternd, mal etwas darüber zu lesen, dass der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl etwas – wenn nicht gar sehr viel – damit zu tun hatte, dass eine Frau gegen einen Mann angetreten ist! Ich kriege nämlich langsam die Krise, weil dieser Aspekt hier in Deutschland komplett ignoriert wird. Es ist immer was anderes schuld: Der drohende 3. Weltkrieg (Droht der uns nicht auch bei einem impulsiven-unkontrollierten Trump?) Clintons Verstrickung mit Saudi-Arabien (Welches Land macht eigentlich keine Geschäfte mit den Saudis?) Clintons Verhalten in einem Fall von Sexueller Gewalt, als sie den Täter verteidigte und vor Gericht das mutmaßliche Opfer lächerlich gemacht haben soll (Ja scheiße. Aber da war sie noch recht jung – und es hat doch den Anschein, als hätte sie inzwischen dazu gelernt. Trump rühmt sich damit, selbst sexuelle Gewalt auszuüben). Undsoweiterundsofort…

Antworte darauf!

Name required

Website