Die Parallelen sind unübersehbar. Beide sind außerhalb ihrer fanatischen Anhängerschaft extrem unbeliebt, bei beiden ist die Hirn-Tastatur-Schranke dauerhaft außer Betrieb und beiden würde man gerne ihr Twitter-, respektive Facebook-Passwort zum Wohle der Allgemeinheit wegnehmen. Die Rede ist von Donald Trump und Hans Mohrmann.

Hans Mohrmann ist Kandidat der AfD Darmstadt für die Oberbürgermeisterwahl am 19. März. Wie es sich für die AfD gehört (ob das oberste Parteidirektive ist?), macht Mohrmann nicht mit inhaltlichen Vorschlägen von sich Reden, sondern durch verbale Entgleisungen. Diese verpackt er im besten Pseudo-Intellektuellen-Geschwurbel. Oft versehen mit lateinischen Phrasen, um die eigene intellektuelle Überlegenheit zu verdeutlichen, strotzen sie nur so vor logischen Fehlschlüssen. Seine Texte würden sich bestens für eine Materialsammlung eignen, um Studenten in Seminaren zur Wissenschaftstheorie zu erklären, wie man aber wirklich, wirklich, wirklich auf gar keinen Fall argumentieren sollte, sofern das Bedürfnis besteht, ernst genommen zu werden.

Für den ersten Aufruhr sorgte ein Facebook-Post von Mohrmann, in dem er die Abschaffung des Frauenwahlrechts forderte, da Frauen Heulsusen sein, die kein Blut sehen können etc. Eine genaue Exegese seiner älteren Veröffentlichungen findet ihr hier. Nachdem der Post zurecht medial die Runde machte, entfernte Mohrmann ihn und erklärte, der Text sei zwar unangemessen, allerdings auch Satire. Aha, der frauenfeindliche Beitrag einer Person, die bei einer Wahl für eine frauenfeindliche Partei antritt, ist völlig offensichtlich Satire. Wieder was gelernt.

Heulsusen-Exegese

Eine Erklärung bzw. eine sehr detaillierte Interpretationsanleitung zum „Heulsusenpost“ veröffentlichte Mohrmann kürzlich auf seinem Blog zur OB-Wahl. Hier wird deutlich, wie Mohrmann mit Kritik umgeht.

Auf den Vorwurf des Sexismus reagiert Mohrmann mit einer bewussten Uminterpretation des Begriffs, um den Vorwurf ad absurdum zu führen und dann scheinbar geständig zu erklären: „Versteht man als Sexisten eine Person, der das Vorhandensein von Unterschieden zwischen Frauen und Männer feststellt, als Sexisten, dann, nun ja, bin ich wohl Sexist.“ Absolutes Lehrbuchmaterial! Die bewusste Missinterpretation eines Argumentes/Begriffs (hier Sexismus) wird genutzt, um den Vorwurf abzuschwächen und die eigene Position zu stärken. Mensch Hans, du musst dir gar nicht die Mühe machen, dir alles so zu erdichten, wie es dir passt, der Duden hilft dir gerne! Dieser definiert Sexismus als „Vorstellung, nach der ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts“.

Das im Diskurs um Frauenrechte so beliebte „Ich habe eine Frau und Töchter (die studieren sogar!), die finden mich nicht scheiße, also KANN ich gar nicht frauenfeindlich sein“-Argument findet sich selbstverständlich auch. Quasi ein argumentum ad hominem in umgekehrter Richtung und selbstreferentieller Form. Ein logischer Fehlschluss, denn die eigenen persönlichen Umstände sind bestenfalls anekdotische Evidenz und sagen nichts darüber aus, wie valide und robust ein Argument ist.

Im gleichen Blogbeitrag bedient sich Mohrmann übrigens auch der unter Populisten sehr verbreiteten, rassistischen Naturkatastrophen-Rhetorik, wenn er davon redet, dass die „Migrationskrise“ „Vergewaltiger, Mörder und Terroristen“ ins Land spülen würde.

Schlechte Gesellschaft und fragile Männlichkeit

Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin fordert Mohrmann mit Referenz zu Carl Schmitt den Ausnahmezustand. Eine wunderbare Idee – sofern man keine Skrupel hat intellektuelle Wegbereiter des Naziregimes ganz salopp zu Rate zu ziehen, wenn es um innenpolitische Fragen geht.

Den Beschluss des Senats der Universität Greifswald, nicht länger den Namen Ernst Moritz Arndts zu tragen, findet Mohrmann passenderweise auch eher nicht so gut.

Am 21. Januar veröffentlichte Mohrmann einen Post anlässlich des Women’s March on Washington. Selbst holt er jedoch nur zu einem Rundumschlag gegen die Frauenbewegung (bei ihm: „die dümmste Frauengeneration, die jemals auf dem Erdenrund wandelte“) aus. Scheidung, Mutterschaft ohne Ehe und sexuelle Selbstbestimmung sind in seiner Polemik Ursache für die angebliche Armut und Einsamkeit von „modernen Frauen“, die verstoßen und schutzlos sind. Obwohl die Rhetorik Mohrmanns hier schon reicht, um das bisher von ihm präsentierte Frauenbild zu unterstützen, möchte ich es mir nicht nehmen lassen, auch hier noch auf einen logischen Fehlschluss in Mohrmanns „Argumentation“ (wenn man es denn so nennen kann) aufmerksam zu machen. Für Mohrmann gibt es lediglich zwei Szenarien: Eine konservative Familien- und Ehegesetzgebung macht Frauen glücklich, eine liberale führt Frauen ins Verderben. In der Realität jedoch gibt es weitaus mehr – ist für Populisten aber eh viel zu komplex.

Wenn Frauen also arm und einsam und schutzlos sind, wer passt da perfekt ins Bild? Richtig, der starke Mann als Retter. Seltsam, dass er hier fehlt. Denn in Mohrmanns Beiträgen stellt er immer wieder die Relevanz von starken Männern heraus (siehe auch die Keulenträger im „Heulsusenpost“). Das ist nicht verwunderlich. Antiquierte, diskriminierende Frauenbilder gehen oft eins zu eins mit fragiler Männlichkeit einher.

Mohrmann ad portas

Mohrmann ist klar politisch rechts einzuordnen. Doch was tun wir nun? Persönlich halte ich es für vergebene Liebesmüh sich wie eine Springteufelin jedes Mal mit ihren fanatischen Anhängern im Netz zu streiten, sobald sich die Berufsprovokateure zu Wort melden. Ein sachlicher Austausch ist mit eingefleischten AfD-Fans ohnehin nur in den seltensten Fällen möglich.

Potenzielle Wählerinnen und Wähler, die noch nichts über Mohrmanns Frauenbild wissen, müssen jedoch unbedingt informiert werden. Hierfür bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Das Bündnis für Solidarität und Vielfalt hat sich im Herbst des letzten Jahres gegründet, ruft regelmäßig zu Protesten gegen die AfD auf und entwickelt unabhängig davon Vorstellungen einer solidarischen Stadtgesellschaft für alle. Auch die Facebook-Gruppe Pink Women – Darmstädter(innen) gegen die Diskriminierung von Frauen ist als Reaktion auf Morhmanns verbale Ergüsse entstanden. Losgelöst davon, wie man persönlich zu der politischen Pinkwelle steht, ist breiter kollektiver Widerstand unabhängig der Farbwahl jetzt wichtig.

Am 19. März wird in dieser Stadt der Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin neu gewählt. An dritter Stelle des Stimmzettels (!) wird der Name eines Mannes stehen, der sein Frauenbild aus den allerdunkelsten Ecken der 50er-Jahre zusammengestückelt hat. Es ist ernst, die nächsten Wochen zählen. Lasst ihn uns dorthin zurückschicken, wo er herkommt: raus aus der Öffentlichkeit und zurück in seine eigene Welt, in der er mit seinen fanatischen Freunden weiterhin ganz privat und wirr über Religion, lateinische Aphorismen und die eigene fragile Männlichkeit fabulieren bzw. jammern kann.

 

Explizit keine Leseempfehlung:

  1. Seine Facebookseite. Erster Stopp um ganz ungefiltert die neuesten Gedanken und Kommentare des H.M. zu lesen. Wegen Schnelllebigkeit und großem verfügbaren Pool an teilbarem Material wäre eine funktionierende Hirn-Tastatur-Schranke hier ohnehin nur von nachgelagerter Bedeutung.
  2. Sein Blog zur OB-Wahl. Hier lässt H.M. die Öffentlichkeit an solchen Gedanken teilhaben, die nicht Produkt eines „Oha-ein-Post-gegen-linksgrünversiffte-Gutmenschen“-Teilen Reflexes ausgelöst wurden. Lesevergnügen: begrenzt.
  3. Für Fortgeschrittene: den Angaben seiner Facebook-Seite zufolge betreibt Mohrmann noch einen Blog mit schwer katholischem Einschlag, in dem es aber irgendwie doch um alles geht. Zwar ist dieser stillgelegt, von diesem Blog aus gelangt man jedoch schnell auf aktuellere Nebenblogs mit ähnlichem Inhalt. Auch hier hält sich das Lesevergnügen in Grenzen.

Foto: Jonathan Eyler-Werve,  used under CC BY / detail

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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