Foto: Jacklyn Ann

Die Pick-up-Artist-Szene erobert das Internet und das Rhein-Main-Gebiet. Männer lehren einander, wie sie Frauen so schnell wie möglich rumkriegen. Nicht selten auf Kosten der Einvernehmlichkeit. Welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollten.

„Pascal bestellt zwei große Bier, ohne mich anzusehen. „Frauen wollen keine Entscheidungen treffen.“ … Breitbeinig sitzt er betont entspannt an dem kleinen Tisch. Er sieht mir lange in die Augen, redet, gestikuliert, berührt flüchtig meine Hände. Es wirkt wie zufällig, und das soll es wohl auch. Doch jede Berührung ist gesteuert.“

In der Allgemeinen Zeitung berichtet Nadine Schwarz von ihren Erfahrungen mit Pascal, einem Pick-up-Artist. Ich empfinde tiefen Respekt und auch Dank für die Journalistin. Sie hat dieses Date auf sich genommen und über die Maschen der Aufreißer berichtet. Dabei hat Pascal mehr als eine Grenze bei Nadine überschritten. Dafür ist er die Hauptperson in ihrem Artikel.

Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich in den Foren der Community umgeschaut. Die Wortwahl der Mitglieder ist aggressiv, sexuell aufgeladen und soll Selbstbewusstsein vermitteln. „Geile Titten“, „Vögeln“ und „Fick“ stehen neben „Seduction“ und „Attraction“. Die Profilfotos zeigen meist Schauspieler und typische Rollenklischees wie Mann zu sein hat. Für mich sieht das aus wie ein Spielplatz zum Angeben und Posen für kleine Jungs.

Die männliche Community geilt sich am eigenen Erfolg und denen der Mitglieder auf. Wie Backrezepte tauschen sie Tipps und Tricks aus, wie sie von einem „Hot Babe“ die Nummer bekommen. Wenn sie nicht weiter wissen nach dem ersten Date, holen sie sich Rat à la FAQs im Forum. Oberstes Ziel bleibt FC (Fuck Close), Sex.

Widerlichkeiten zum Abhaken

Dafür werden alle Widerlichkeiten aufgeboten, die man sich vorstellen kann. Er beantwortet keine Frage direkt. Er reizt sie und stachelt sie zum Werben um ihn an. Macht sie nicht mit, zeigt er ihr die kalte Schulter. Schnell berührt er sie, geht weiter, testet seine Grenzen aus. Eine abwehrende Haltung empfindet er als Herausforderung. Er bestellt, er zahlt, er nimmt ihr die Entscheidungen ab. Er schleppt sie an drei verschiedene Orte. Nach dem dritten Date gibt es schließlich Sex. Ein Kompliment? Fehlanzeige. Sie soll sich schließlich anstrengen. Ein Nein akzeptiert er nur im äußersten Fall. Bis dahin probiert er alles.

Ein Date mit einem männlichen Pick-up-Artist findet nicht auf Augenhöhe statt. Auch wenn dies ebenso für weibliche Artists gilt, ist es nicht das Gleiche. Die Zurschaustellung der Männer und ihrer Erfolge bei Frauen, deren Nein sie in ein Ja „verwandelt“ haben oder die sie ganz ohne Zustimmung rumgekriegt haben, beweist es deutlich. Für den einen ist es eine Verabredung, für den anderen ein Wettbewerb, eine Trophäenjagd, ein Stern in der Community-Bewertung, Zielerreichung. Wenn die Erwartungen und Voraussetzungen derart unterschiedlich sind, zieht einer den Kürzeren. Und das ist meist die Frau.

Brauchen wir neue Regeln für Dates?

Brauchen wir heute neue Verhaltensregeln für Dates, um nicht als Nummer 23 in einer endlosen Liste zu landen? Die Frage macht mir Angst. Warum können sich Frauen und Männer nicht einfach treffen und eine nette Zeit miteinander verbringen? Was Essen und Trinken gehen, Tanzen, Kino. Und wenn es passt und es beide wollen, ein Kuss zum Abschied oder Sex. Scheinbar nicht. Viele erfolgreiche Dates (FC) zu haben, spielt eine große Rolle und beeinflusst das Ansehen. Mein Studium, mein Praktikum, mein Job, meine Dates. So wird gesellschaftlicher und persönlicher Erfolg gemessen.

Wenn sie sich auf ein Date einlässt, heißt das nicht, dass sie nicht mehr mitbestimmt. Jede* hat Rechte und Pflichten bei einer Verabredung. Jede* kann tun, wozu sie* Lust hat. Jede* hat die Grenzen und Wünsche des anderen* zu respektieren. Jede* kann jederzeit das Date beenden. Jede* kann entscheiden, das Spiel mitzuspielen oder nicht. Wenn ihr* Ziel Sex ist, sollte sie* dies im Laufe das Abends, spätestens jedoch vor dem Sex klären. Ich habe es ausprobiert und bisher hat es geklappt. Das verlangt Mut, ja, und kann dazu führen, dass man am Ende doch allein nach Hause geht. Aber so viel Ehrlichkeit muss drin sein, damit nicht nur einer* auf seine* Kosten kommt. (Eine Orientierung für gleichberechtigte Dates folgt unten.)

Gibt es ein weibliches Pendant?

Die Gemeinde betont immer wieder, dass es ja auch eine weibliche Community gibt – die Cats. Also gleiches Spiel nur mit anderen Protagonisten*? Auftreten und Sprache sind ähnlich, nur pink hinterlegt. Beim Thema Beziehung (LTR = Long Term Relationship) steht die Dominanz (Alphaness) im Mittelpunkt. Beim Lesen der Beiträge im Lady’s Room tauchen ganz schnell die typischen Rollenbilder auf. Der Mann, der weiß, was er will, sich nimmt, was er will, und der frau sagt, was er will, scheint der Traummann zu sein. Sie wollen also einen männlichen Pick-up-Artist. Falls sich hier wirklich auch Frauen austauschen, bedienen sich sowohl die männlichen als auch die weiblichen „Künstler“ stereotyper Rollenbilder und Klischees. Nicht weil Frauen und Männer so sind. Sondern weil sie wollen, dass Männer und Frauen genau so sind. Das macht ein Date, eine Beziehung und die ganze Welt einfacher. Und wenn’s nicht klappt, ist die* Schuldige schnell gefunden.

Die Mitglieder sind eine dankbare Konsumgruppe und eifern einem ästhetischen Idealbild nach. Sedution Workshops, Make-up, Kleidung, Fitness, Nahrungsergänzungsmittel, Körperästhetik, Schmuck. All das gehört zur notwenigen Verpackung eines Pick-up-Artists und dient der Selbstbestätigung. Die Community diskutiert darüber, ob ein toller Körper eine Leistung ist. Ob das Gegenüber die sechs Stunden Training die Woche am Körper ablesen kann. Ob eine attraktive Person es leichter hat. Zum einen muss also jeder „Künstler“ für seinen* Erfolg etwas investieren. Zum anderen erwartet er von den Dates ebensolches.

Ausdrucksweise und Verhalten entlehnen sich dem Business-Englisch und repräsentieren neoliberales Gedankengut. Es gibt nur noch Herausforderungen zu meistern, Aufgeben ist persönliches Versagen, die Selbstoptimierung ist oberste Lebensmaxime. Der Artist* lernt nie aus und nimmt am Silver Edition Workshop teil. Für die nächste Challenge, für das nächste Hot Babe. Damit gibt es nicht nur ein Opfer bei dieser Aufreißmasche. Der Artist* ist die perfekte Projektionsfläche für Medien, Konsum und Körperkult und hechelt dem propagierten Idealbild nach. Das Date merkt schnell, dass hier was nicht stimmt. Der Artist* ist sich seiner Opferrolle nicht bewusst.

 

Ich schlage dir vor, folgende Fragen vor jedem Date ehrlich zu beantworten:

  1. Warum will ich mich mit der Person verabreden?
  2. Was will ich erreichen?
  3. Was erlaube ich der Person?
  4. Was mache ich mit?
  5. Wann sage ich nein?

Während dem Date solltest du darauf achten:

  1. Beantwortet dein Gegenüber deine Fragen direkt?
  2. Fühlst du dich herausgefordert und gereizt?
  3. Stellt die Person Gegenfragen?
  4. Berührt sie dich (zufällig) übermäßig viel?
  5. Bestimmt die Person über den Verlauf und den Fortgang des Dates?
  6. Fühlst du dich wohl/unwohl?
  7. Bemüht sich der andere um dich oder musst du dich um ihn bemühen?

 

Foto: Jacklyn Ann

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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8 Kommentare

  1. […] eingelassen, und es vor allem so lange durchgehalten hat. Constanze hat sich Gedanken gemacht, was die Verbreitung von PUA-Techniken für normales Daten bedeutet. Auf kleinerdrei berichtet eine ehemalige Kellnerin über ihre Erfahrungen mit einem […]

  2. Inga says:

    Dez 30, 2014

    Antworten

    Was mir irgendwie Angst macht, wenn ich über Pick-up-Artists lese, dass ich vermutlich bis vor Kurzem ein leichtes Opfer für sie gewesen wäre. Ich frage mich, woher das kommt? Ist es auch Sozialisation, dass viele heterosexuelle Frauen das Arschloch dem netten Kerl vorziehen? Egal. In jedem Fall sollte noch mehr über Pick-up-Artists und ihre Maschen berichtet werden, damit wir mit mehr Verstand an die Partnerwahl herangehen. Mir hätte eine solche Aufklärung einige Fehltritte erspart, glaube ich.

  3. Josef says:

    Jan 3, 2015

    Antworten

    „Ausdrucksweise und Verhalten entlehnen sich dem Business-Englisch und repräsentieren neoliberales Gedankengut.“
    Das müsste man vielleicht noch genauer erklären. Klar, der Kram kommt aus den USA, aber was zum Teufel hat das mit volkswirtschaftlichen Strömungen zu tun?

    • Constanze says:

      Jan 5, 2015

      Antworten

      Lieber Josef,

      Danke für Deinen Beitrag. Das war an der Stelle scheinbar nicht offensichtlich. Neoliberalismus ist aus unserer Sicht nicht nur eine Strömung in der VWL, sondern spiegelt sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens wieder: im Bildungssystem, im Sozialsystem, auf dem Arbeitsmarkt. Die Selbstoptimierung des Individuums zur Erfüllung gesellschaftlicher Normen steht im Mittelpunkt. Anstatt eines bedingungslosen Rechts auf gesellschaftliche Teilhabe ist dieses nur mit einer Gegenleistung in Form von Erfolg und Aufstieg möglich. Sozialleistungen gibt es nur bei Gegenleistung und Mitwirkung auf dem Arbeitsmarkt, Engagement erfolgt nicht mehr nur aus sozialen Aspekten, sondern dient der Lebenslaufoptimierung. Die Pick-Up-Artists tun dies mit ihrem* Verhalten und ihren* Körpern. Der Körper wird dem Idealbild entsprechend geformt und präsentiert. Das Trainieren des Verhaltens auf Erfolg – ohne die Möglichkeit eine Niederlage als mögliches Ergebnis einzuberechnen – entsprechen neoloberalen Gedankengut. Eine Niederlage gilt als persönliches Versagen und blendet die Gesellschaft aus. Nur wer sich optimiert, hat Erfolg beim Daten. Das Thema kann noch weiter vertieft werden. Doch an dieser Stelle ist dafür leider kein Platz.

  4. Maria says:

    Aug 16, 2015

    Antworten

    Sehr schwierige Thematik.
    Dieser Artikel vertritt eine etwas andere Meinung zu dem Thema, auch aus der feministischen Szene stammend. Hier wird Pick-up verteidigt.
    https://struwwelpetra.wordpress.com/2015/08/16/hallo-welt/

    Bin mir da selbst unschlüssig.
    Ansich ist es voll ok, sex zu wollen.

  5. […] gibt sie leider immer noch: Pick-up-Artists! Das große Kotzen geht in die nächste Runde, diesmal direkt vor der eigenen Haustür, wo der AStA […]

  6. lord_shortoim says:

    Feb 4, 2016

    Antworten

    geiler artikel!

    das selbstbewusstsein eines pickupers kann man genau so schnell wieder zerficken, wie er es sich aufgebaut hat. denn es ist ein falsches bewusstsein. er kennt keine beziehung, keine freundschaft, keine sexualität. tief in seinem inneren weiß er: er ist nichts weiter als ein kleinder pisser. sein vater hat ihn überfordert oder verlassen und seine mutter hat ihn verhätschelt. frei nach den sozialen zwängen seiner elterngeneration. daher die ganze aufmachung, die ganze mühe um etwas, was sich nicht zu haben lohnt: macht. die meisten typis, die da mitmachen, sind zu dumm, um das überhaupt erst zu erkennen. zu erkennen, dass es nicht um sex geht bei dem shit und nicht um dating oder sowas wie – echt schwierig dieses wort in diesem zusammenhang zu gebrauchen – „kunst“, geschweige denn darum, frauen näher zu kommen. es geht um macht: narzisstisches spiel eines mit der realität nicht abgeglichenen riesenegos von einem kleinen mops, das auf uralte banalitäten zurückgreift, die seit jahrtausenden in zwischenmenschlichen begegnungen gelten. zwing einen menschen auf die knie und du wirst sein meister. so hat man(n) feuchtfröhlich über die letzten paar jahrtausende gut die hälfte der bevölkerung in schach gehalten. und die andere hälfte beugte sich dem imperativ, herrschen zu wollen. ein wohlgemerkt im aussterben begriffener machtmechanismus, das letzte jahrhundert der sogenannten „männlichen herrschaft“ hat geschlagen, bald wundern wir männer uns über die peinlichen artgenossen, die vor paar jahren noch so dumm waren, und dachten pickup artist spielen sei sinnvoll.

    dieses spielen bedarf keiner herausragenden intellektuellen leistung, die meisten der pickupspacks sind wirklich nicht die schönsten und erst recht nicht solche, die eine authentische person herausgebildet haben, sonst würden die sich der sekte ja nicht anschließen. die glaubensgemeinschaft der pickupdullis fußt auf einem sogenannten „falschen selbst“, das auf ihrem mickrigen persönchen aufgeblasen mit einem kleinen nadelstich zum platzen gebracht werden kann. nicht nur, dass man sie in handumdrehen mit den eigenen waffen schlagen kann: kalte schulter zeigen, dominante körperhaltung, keine aufmerksamkeit schenken, nichts fragen, nicht zuhören, ruhe bewahren, kontern… ach, gern auch mal in die fresse hauen, so ein fäustchen beruhigt manchmal, apropos ruhe. man muss sich nicht unbedingt auf das picküppige spiel einlassen, um ihnen zu zeigen, wer sie wirklich sind und an diesem von ihnen (auch vor sich selbst) wohl gehüteten geheimnis, das auch ihr wundester punkt ist, anzuknüpfen: nämlich niemand.

    — alex —

    • Femstern says:

      Feb 9, 2016

      Antworten

      Danke für dein Lob und deinen ausführlichen Kommentar, Alex. Sicherlich hast du in mancherlei Hinsicht Recht. Ich möchte dich dennoch bitten, in Zukunft auf Beleidigungen zu verzichten und sachlich zu bleiben, damit wir eine angenehme Diskussionskultur aufrecht erhalten können. In unserer Netiquette haben wir festgehalten, worauf wir bei Austausch und Diskussionen Wert legen: http://www.femstern.de/netiquette/

Antworte darauf!

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