Foto: swong95765Gestern haben die Medienfrauen der öffentlich Rechtlichen die „Saure Gurke“ vergeben. Nina weiß, wer diesen Preis für herausragend sexistische Beiträge außerdem verdient hätte.

Am Sonntag vor zwei Wochen kuschle ich mich voller Vorfreude auf den HR-Tatort in meine Wolldecke, stelle eine Schüssel Erdnüsse bereit und schalte den Fernseher ein. Vorab in den Medien als „Geniestreich“ und „Glanzstück“ der Unterhaltungskunst hochgelobt, erhoffe ich ein sonnabendliches Sehvergnügen erster Klasse. Ich bin schließlich hessenkommissartechnisch verwöhnt – erwähnt seien Andrea Sawatzkis grandiose Charlotte Sänger und Nina Kunzendorfs fulminante Conny Mey. Welche spannenden Frauen ich wohl heute abend kennenlerne?

Negativpreis für sexistische Beiträge

Jedes Jahr im Herbst tagen die Medienfrauen der Rundfunkanstalten ARD, ZDF und ORF, um die Gleichstellung der Frau in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu thematisieren. Die Journalistinnen fordern eine geschlechtergerechte Besetzung der Leitungspositionen in den Rundfunkanstalten und bekämpfen sexistische Sendeinhalte. Im Rahmen ihrer jährlichen Tagung, dem Herbsttreffen der Medienfrauen, wird die „Saure Gurke“ als Negativpreis für herausragend sexistische Beiträge im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verliehen.

Ausgezeichnet wurde dieses Jahr, genauer gesagt am vergangenen Sonntag, der Fernsehdirektor des SWR, Christoph Hauser. Er gewann die Saure Gurke für sein frauenfeindliches Sendekonzept des ARD „WM-Clubs“ vom 25. Juni. In dem Beitrag ging es – haltet euch fest – um Spielerfrauen. Wie sonst auch sollten Frauen Eingang in die WM-Berichterstattung finden?

Gesehen habe ich die Sendung nicht – WM-Club geht mir gelinde gesagt am Popöchen vorbei – aber ich kann das Niveau der Sendung durchaus erahnen. „Nichts verpasst?!“, wähne ich. Wohl schon, denn laut Urteilsbegründung der Medienfrauen „haben die Konzeptmacher keine Mühen gescheut, die Bühne – oder in diesem Fall den schlüpfrigen Steg – für ein Feuerwerk von Machosprüchen zu bereiten“.

Interessiert informiere ich mich über die Qualitätsstandards der Sauren Gurke. Sie prämiert seit 1980 Rundfunkbeiträge, in denen

  1. Frauen gar nicht vorkommen: gemessen am Thema und der gesellschaftlichen Realität, erscheinen sie nur marginal; sie sind als Statistinnen im Bild zu sehen, dürfen aber nicht sprechen; sie kommen auch im Text nicht vor; ihre Abwesenheit wird nicht thematisiert; geschlechter-demokratische Aspekte bleiben ausgeblendet; Rollenstereotype werden wiederbelebt, weitergereicht und verstärkt.

  2. Frauen über ihren Körper definiert werden: gemessen an vermeintlichen Idealen, wird ihr Körper als defizitär behandelt; ihr Äußeres wird gegen sie verwendet; „Sex sells“ wird als Marketinginstrument eingesetzt.

  3. den Zuschauer*innen überidealisierende Rollenmodelle aufgedrängt werden.

Super Sache, finde ich.

Saure Gurke 2015?!

Ich meditiere zwei Sekunden und habe einen Hot Contender für die Saure Gurke 2015. Der vom Hessischen Rundfunk produzierte Tatort „Im Schmerz geboren“, erstausgestrahlt am 12. Oktober 2014 – den ich trotz Wolldecke und Erdnüssen schon nach 30 Minuten ausschaltete. Der hat es aufgrund der zeitlichen Nähe zum diesjährigen Herbsttreffen wahrscheinlich einfach nicht mehr rechtzeitig durchs Abstimmungsprozedere geschafft, denke ich mir. Damit er auch ja nicht leer ausgeht, ergreife ich an dieser Stelle entschieden Fürsprache.

Denn „Im Schmerz geboren“ enttäuscht und die Antwort auf die eingangs gestellte Frage danach, welche spannenden Frauen ich darin wohl kennenlerne, lautet: keine einzige. Nur ein paar eindimensionale weibliche Karikaturen sind anzutreffen, die zudem irgendwie pflichtbeigesteuert wirken oder deren Leid der Charakterentwicklung der männlichen Helden dient.

Charakterkarikatur 1 ist „die Verzweifelte“, eine heiratswütige Mittvierzigerin, die dem Kommissar einige Sekunden lang hysterisch ein Frühstücksbrötchen mit Marmelade beschmieren darf. Abgelöst wird sie von Charakterkarikatur 2, der Kommissarskollegin. Als Beweis ihrer Emanzipation darf sie das Auto fahren, ansonsten richtet sie dem Kommissar aber die Krawatte und verpasst leicht schusselig laute Schussgeräusche während einer Observation.

Charakterkarikatur 3 ist die junge, frische Polizistin. Sie erscheint vollbusig und leichtbekleidet im Tank Top, darf eine unbedarfte Frage stellen und wird anschließend durch die Kommissarskollegin als die nicht nur untergebene, sondern dem Kommissar zudem schmachtend ergebene Blondine aus der Szene (und dem Film) entlassen.

Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, Bösewicht und Guter Wicht liebten einst dieselbe Frau. Rückblende in warmem Rosa zu Charakterkarikatur 4. Das Begierdeobjekt darf in ihrem Sekundenauftritt ihre nackten Brüste zeigen und die zwei Männer küssen. Da sie ja schließlich wild und frei aber redebeitragslos ist, wird szenenschließend ihr Schmetterlingstattoo zu Charakterisierungszwecken beim Wegfliegen gefilmt. Ganz großes Kino! Im Parkbankgespräch der Männer erfahren wir dann von ihrem verjährten Leid: beim Gebären des (nun erwachsenen) Sohnes ist sie verstorben und hat damit den einstmals kleinen Bösewicht charakterlich zum jetzigen Super-Bösewicht entwickelt.

Nicht in der Lage, mich mit einem einzigen Charakter des Films zu identifizieren, gebe ich wie gesagt nach einer halben Stunde gelangweilt auf. Der Film handelt und erzählt einzig und allein von Männern: Männer haben die schicken Redebeiträge und die Screen Time, wir erfahren ihre Hintergründe, hören ihre Gedanken aus dem Off, sie dürfen Monologe halten, sich gegenseitig ermorden und tolle Parkbankgespräche führen. Frauen kommen nicht vor. Wenn das keine Saure Gurke verdient hat!

 

Foto: swong95765

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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