czarnyprotestPolen hat eine der restriktivsten Abtreibungsgesetzgebungen ganz Europas. Letzte Woche wurde im polnischen Parlament ein Gesetzesentwurf behandelt, der eine weitere Verschärfung vorsieht. Diese käme einem totalen Abtreibungsverbot gleich.

Auf den ersten Blick könnte es ein Trauerzug sein. Doch die bunten Transparente und Megafone passen nicht. In ganz Polen haben sich am Wochenende Menschen versammelt, um gegen einen neuen Gesetzesentwurf zu demonstrieren. Gekleidet sind sie in schwarz, denn sie trauern dennoch – um ihre Rechte. Was die Menschen am Wochenende in zahlreichen Städten Polens zusammenführte, ist die geplante Verschärfung des Abtreibungsrechts. Im Netz sammelt sich der Protest unter dem Hashtag #czarnyprotest (schwarzer Protest). Verschiedene Frauenrechtsorganisationen und die linke Partei Razem (dt.: Gemeinsam) organisieren die Proteste, die weiter wachsen. Für nächsten Montag rufen Aktivistinnen und Aktivisten unter dem Hashtag #czarnyponiedzialek (schwarzer Montag) zu einem landesweiten Frauenstreik auf.

Die jetzige Gesetzeslage erlaubt Schwangerschaftsabbrüche, nur wenn die Schwangerschaft Resultat einer Vergewaltigung oder Inzest ist, eine schwerwiegende Behinderung des Fötus festgestellt wird oder bei Gefährdung des Lebens der Mutter. Für illegale Abtreibungen sieht das Gesetz jetzt schon Haftstrafen von bis zu zwei Jahren vor.

Im polnischen Parlament wurden letzte Woche konkurrierende Gesetzesentwürfe behandelt, die aus Petitionen von Bürgerorganisationen hervorgingen. Der Entwurf der Frauenrechtsorganisation „Ratujmy Kobiety“ („Retten wir die Frauen“) sah eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts vor und wurde abgelehnt. Der zweite Entwurf der Pro-Life-Organisation „Stop Aborcji“ (Stoppt Abtreiungen)*, unterstützt von der katholischen Kirche und konservativen und rechten Parteien, wurde mit einer Mehrheit von 267 Stimmen und 154 Gegenstimmen im von der nationalkonservativen PiS-Partei (Partei Recht und Gerechtigkeit) dominierten Unterhaus des polnischen Parlamentes in der ersten Lesung angenommen. Der nächste Schritt ist die Bearbeitung im Justiz- und Menschenrechtssausschuss. Der Gesetzesentwurf sieht vor, lediglich die Gefahr für das Leben der Mutter als einzig legitimen Abtreibungsgrund anzuerkennen. Zudem soll eine illegale Abtreibung statt mit zwei Jahren nun mit fünf Jahren Haft bestraft werden, auch anwendbar auf die Ärzte und weiteres medizinisches Personal, die die Abtreibung durchgeführt haben.

Zwang zur Illegalität

Offiziell wurden 2014 in Polen 1812 Abtreibungen durchgeführt. Die Dunkelziffer ist höher, Schätzungen rangieren zwischen 80.000 und 200.000. Da die Voraussetzungen für eine legale Abtreibung schon jetzt streng sind und viele Ärzte legale Abtreibungen aus Gewissensgründen ablehnen, sind viele Frauen gezwungen, andere Wege zu gehen.

Eine Option ist es, sich im Ausland der Prozedur zu unterziehen. Vor allem in Kliniken in Grenznähe, in der Slowakei, Tschechien oder Deutschland, arbeiten polnische Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Diese Option steht jedoch nur Frauen offen, die sie sich finanziell leisten können. Ein Abbruch kostet bis zu 400 Euro. Im Jahr 2015 betrug der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst in Polen 3.899 polnische Złoty, das sind ca. 900 Euro. Ist das nötige Kleingeld nicht vorhanden, bleibt nur der Weg in die Illegalität.

Frauen ≠ Inkubatoren

Befürworter von rechtlichen Verschärfungen argumentieren häufig, dass Schwangerschaftsabbrüche der Frau körperlichen und seelischen Schaden zufügen. Menschen, die so argumentieren, müssen in einer anderen Welt leben, wenn sie nicht sehen, wie zynisch diese Argumentation ist. Illegale Abtreibungen sind tatsächlich gefährlich für Frauen, der Erfolg des Eingriffs ist nicht sicher und Komplikationen häufig. Doch sind es gerade die Pro-Life-Anhänger, die Frauen dieser Gefahr aussetzen, indem sie ihnen sichere und legale Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs verwehren. Denn eine Frau, die sich für eine Abtreibung entschieden hat, wird sich nicht von einem Gesetz abhalten lassen. Eine Frau zu zwingen, ein Kind auszutragen, welches sie nicht will, ist ein barbarischer Akt. Eine solche Praxis lässt sich wahlweise im Mittelalter oder den Dystopien von Margaret Atwood und Lois Lowry verorten, im Hier und Jetzt sollten wir sie jedoch längst überwunden haben. Eine Rednerin brachte es bereits bei einer Demonstration im April auf den Punkt, als die Pläne der Gesetzesinitative bekannt wurden:

„Eine Abtreibung ist immer eine Entscheidung, kein Muss. Aber eine Geburt unter so einem Gesetz ist immer ein Zwang.“

Vor allem ärmere Frauen werden durch die Gesetzeslage in die Illegalität gedrängt und dadurch einem höheren Risiko ausgesetzt, strafrechtlich verfolgt zu werden, gesundheitliche Schäden durch illegale Schwangerschaftsabbrüche davonzutragen oder gar ihr Leben zu riskieren. Dass diese Klassendimension des Konflikts von den Anhängern der Verschärfungen nicht gesehen wird ist – um in dem von ihnen oft bemühten biblischen Sprachduktus zu bleiben – sündhaft.

Dystopische Zustände

Krystyna Kacpura, Geschäftsführerin von Federa, der Vereinigung für Frauen und Familienplanung, schreibt in einem Gastartikel für den britischen Guardian, es sei, als wären die polnischen Frauen aus einem langen Traum erwacht:

„It is as if Polish women have woken up from a long dream. We had grown accustomed to our abortion law (the wealthy merely paid for the plane tickets and medical procedures needed to work around it) and everyone seemed to accept it as a measure to keep the peace in our predominantly Catholic country. But even Catholic women are appalled at the move by the Law and Justice party to restrict our already limited reproductive rights.“

Das Symbol von „Ratujmy Kobiety“ ist ein Kleiderbügel, ein Gegenstand, den viele bei der Demonstration dabeihaben. Kleiderbügel werden für illegale Abtreibungen genutzt. Sie stehen als Symbol dafür, was Frauen erleiden müssen, denen alle Optionen genommen werden. Wer sich ehrlich und wahrhaftig um die Gesundheit und das Wohlergehen von Frauen sorgt, muss sich für sichere und legale Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs einsetzen. Denn Frauen sind Menschen und keine Inkubatoren. Der Körper einer Frau gehört nur ihr selbst, er dient keinem höheren Gut, er ist der Gesellschaft/dem Staat/der Nation nichts schuldig, und die Autonomie über ihn dürfen weder Staat noch Kirche besitzen. Ist Letzteres nicht der Fall, sind wir weit näher an der Realität zahlreicher Dystopien, als uns lieb sein kann.

 

 

* Ich verlinke die Seite hier nicht, da auf der Startseite drastisches Bildmaterial dargestellt ist. Wer den Namen googlet, findet die Seite problemlos.

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


Voriger BeitragHappy Fertility Day! Nächster BeitragProtest gegen die "Demo für Alle"

1 Kommentar

  1. Rene says:

    Okt 6, 2016

    Antworten

    Danke für den Artikel. Die Proteste zeigen Wirkung. Ein kleines Zeichen der Hoffnung!

Antworte darauf!

Name required

Website