AufschreiMit ihrem Buch „Weil ein #aufschrei nicht reicht“ schafft Anne Wizorek einen gelungenen Wegweiser durch den Feminismus für Newbs.

Erst vor wenigen Tage hatte mich nachts auf dem Heimweg von einem Konzert ein fremder Mann bis in den Innenhof verfolgt. „Bleib stehen! Du bist so schön!“, hatte er gesagt. Zuerst ignorierte ich ihn, dann rannte ich. Später schrie ich, er solle abhauen. Als ich am 25. Januar 2013 kurz nach dem Aufstehen den Hashtag #aufschrei bei Twitter entdeckte, steckte diese Erfahrung noch tief in meinen Knochen. Ich las die vielen vielen Tweets, die einige Frauen über Nacht geschrieben hatten. Klar, es ging hier mehr um Alltagssexismus. Aber auch davon konnte ich ein Lied singen. Nie war der Wunsch in mir intensiver, dass das ein Ende haben muss.

Ich bin also nicht ganz unvoreingenommen an die Lektüre des Buchs „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute“ von Anne Wizorek herangegangen. Nein, ich habe mich ehrlich gesagt diebisch darauf gefreut.

Ob es den Erwartungen standhalten konnte? Auf jeden Fall. Weniger wegen des Inhalts, sondern weil meine Erwartung vor allem war, dass der öffentliche Diskurs erneut angeregt wird. Bedauerlicherweise musste die Autorin aber erneut einen Shitstorm über sich ergehen lassen. Nicht zuletzt auf Amazon ergoss sich Häme über ihr Werk. Das zeigt leider wieder einmal eindrucksvoll wie wichtig solch ein Engagement ist.

Aber auch inhaltlich kann das Buch was. Wer allerdings einen weiteren #aufschrei erwartet, liegt falsch. Statt nur Missstände aufzuzeigen und sie für sich selbst stehen zu lassen, liefert Anne Wizorek Lösungsvorschläge. Im ersten Teil des Buchs fasst sie in sieben Thesen grob die Themen zusammen, die den „Feminismus von heute“ beschäftigen. Der zweite Teil gibt konkrete Handlungsempfehlungen für diejenigen, die sich einsetzen möchten. Eine Struktur, die vor allem eine Zielgruppe anspricht, die sich bislang noch nicht allzu viel mit Feminismus beschäftigt hat. Und das ist meiner Meinung nach eine große Stärke des Buchs.

„Du willst es doch auch!“

Auf den ersten 178 Seiten erklärt Wizorek anschaulich, was etwa die Probleme mit der Verschreibungspflicht der Pille danach, mit geschlechtsspezifischen Babyklamotten und sexualisierter Gewalt sind. Oder warum, wer sich gegen Sexismus einsetzt, beispielsweise auch automatisch gegen Homophobie kämpft. Um nur wenige ihrer Punkte zu nennen. Das alles untermauert sie mit schlüssiger Argumentation, belegt es bis ins Detail mit Zahlen und Studien und macht darauf aufmerksam, unter welchen Hashtags es auch im Internet diskutiert wird.

Leider schreibt sie dabei aber oft sehr emotional aufgeladen und zynisch, was zwar mehr als verständlich ist, aber Öl ins Feuer der Kritiker gießt. Ein „True Story“ oder ein „Fun Fact“ weniger hätte den ersten Kapiteln gut getan. Es tut mir fast weh, das zu sagen, weil es einen ekligen Beigeschmack von Victim Blaming hat: Doch es würde uns Feministen* oft nicht schaden, uns in Diplomatie zu üben. Nicht dass sich unsere Gegner stets besonders salonfähig ausdrücken! Keine Frage. Doch wir sollten so geschickt sein, ihnen den Wind aus den Segeln ihrer Alles-männerhassende-Furien-Argumentation zu nehmen, indem wir so sachlich wie möglich bleiben.

An sich ist ihre Sprache aber zeitgemäß und kurzweilig (was manchem Amazon-Rezensenten* offenbar gegen den Strich geht), und auch der Sarkasmus lässt im Lauf des Buchs nach. Überhaupt wissen wir ja auch längst, dass Wizoreks Geschichten tatsächlich „true Stories“ und die Fakten tatsächlich alles andere als lustig sind.

„Willst du auch?“

In der zweiten Hälfte wagt Anne Wizorek zuerst einen Rückblick auf den #aufschrei und auf ihren feministischen Werdegang generell. Und das macht sie so persönlich und ohne Scham, dass mein Respekt für sie von Wort zu Wort wächst und ich mich gleichzeitig immer besser mit ihr identifiziere. Sie schreibt darüber, wie sie sich selbst sexistisch verhielt, Victim Blaming betrieb und sich nicht einmischte, wenn es nötig gewesen wäre. Aber auch darüber, wie sie erkannte, dass sie sich nicht schämen muss, wenn sie sexuelle Bedürfnisse auslebt, ohne gleich eine feste Beziehung zu führen. Sie bricht mit Tabus, die längst keine mehr sein sollten. Dafür ein lautes Chapeau!

Nach einem kurzen Abstecher in die Geschichte des Feminismus generell, wird es dann so richtig konkret. Du hast keine Ahnung, wo du anfangen sollst zu kämpfen? Dann lies Teil 2, Kapitel 12 und 13 dieses Buchs! Ich zitiere nur einen Teil der Überschriften:

1. Lerne, deine Kämpfe deinen eigenen Ressourcen angemessen auszuwählen.
2. Pflege dich. Suche dir einen Ausgleich, nimm dir bewusst Auszeiten und viele davon.
3. Bau dir ein Netzwerk aus Gleichgesinnten.
4. In diesem Sinne: Such dir Hilfe in deinem Netzwerk und nimm sie an.
5. Es gibt viele große Baustellen, doch Babyschritte tun es auch.
6. Humor und Kunst sind deine ewigen Verbündeten.
Los geht’s!“

Dann zählt sie konkrete Projekte auf, die leicht zu unterstützten sind, und skizziert, wo wir uns überall über feministische Themen informieren und mit welchen Medien wir wie arbeiten können. Und auch Männer sollen mitmachen. Das alles mündet in einem Plädoyer für eine „Willst du auch?“-Kultur. In der ein „Du willst es doch auch!“ nicht mehr als normal gilt. In der nicht eine schief sozialisierte Gesellschaft über ein Individuum entscheidet. In der wir jedem* (!) anderen* Empathie entgegenbringen.

Gut gebrüllt, Anne Wizorek!

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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1 Kommentar

  1. […] Partei dagegen einnahm. Nicht zu sprechen von seinen wahllos eingeladenen Gästen. Wie die #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, die dem Geschehen bei “hart aber fair” gemeinsam mit Anton […]

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