Smarties; Foto: Maja KowalczykDie Pille danach kann ungewollte Schwangerschaften verhindern. Doch der rezeptfreie Zugang bleibt Frauen in Not versagt. Die Debatte ist ein Paradebeispiel für patriarchische Politik, die Frauen ihr körperliches Selbstbestimmungsrecht verwehrt.

Was haben Süßigkeiten, die Pille danach und kleine Schnapsfläschchen gemeinsam? In einem Paralleluniversum, in dem Männer Kinder gebären würden, würden sie alle fröhlich ihr Dasein an der Supermarktkasse fristen, bereit, beim nächsten Samstagabendeinkauf gemeinsam mit der Tiefkühlpizza und dem Bier in die Einkaufstüte zu hüpfen. Doch dieses Paralleluniversum ist weit entfernt – sehr weit entfernt.

Das hat Gründe. Im Hier und Jetzt ist die politische Debatte um die Rezeptfreiheit der Pille danach eine sehr komplizierte. Nicht etwa, weil die medizinische Faktenlage kompliziert ist, sondern weil sich allzu oft Moral und Paternalismus dazugesellen und Argumente komplexer erscheinen als sie sind. Die personelle Menge des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU) und des gesundheitspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn tritt durch diese ausgefeilte Diskussionstaktik besonders hervor. Die Herren von der CDU vertreten in der Debatte um die Rezeptfreiheit der Pille danach die Position, dass diese nicht ohne Rezept zu bekommen sein soll, weil das medizinische Risiko von sexuell aktiven Frauen unterschätzt werde.

Fakten, Fakten, Fakten

Obgleich es sehr rührend scheint, wie wichtig Herrn Gröhe und Herrn Spahn das medizinische Wohlbefinden des vermeintlich schwachen Geschlechts ist, sind ihre paternalistischen Ratschläge zum Umgang mit dem eigenen Körper etwas, auf das Frauen im 21. Jahrhundert gut und gerne verzichten können. Die Debatte um die Pille danach ist wieder eröffnet, denn der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hat im Januar empfohlen, die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel rezeptfrei auszugeben, da keinerlei medizinische Bedenken bestehen – die gleiche Empfehlung, die er bereits 2003 ausgesprochen hat. Im November 2013 hat der rot-grün dominierte Bundesrat für die rezeptfreie Ausgabe der Pille danach votiert, im Februar und Juni dieses Jahres haben die Fraktionen der Grünen respektive Linken zwei Gesetzesanträge in den Bundestag eingebracht, in welchen sie die Rezeptfreiheit der Pille danach fordern. Doch die Gegner der Rezeptfreiheit beharren auf ihrer Position. Sie glänzen in dieser Debatte durch so stichhaltige Argumente wie „die Pille danach ist kein Smartie“ und sehen die Verschreibungspflicht als Kernvoraussetzung für einen „zügigen, diskriminierungsfreien Zugang“ zur Pille danach. Bei so viel evidenzbasierten Fakten, möchte ich es mir nicht nehmen lassen, auch ein paar zusammenzutragen.

  1. Zeit ist der entscheidende Faktor bei der Einnahme der Pille danach. Der Umweg über den Arztbesuch kann diesen Faktor negativ beeinflussen. Apotheken sind an Wochenenden und Feiertagen meist geschlossen und in vielen ländlichen Gegenden ohnehin schwer zu erreichen. Bei einem vorgelagerten Arztbesuch oder dem Vorsprechen in der Notaufnahme eines Krankenhauses geht wertvolle Zeit verloren. Umso mehr, wenn die Betroffenen nur eingeschränkt mobil und auf den öffentlichen Nahverkehr oder Eltern und Freunde angewiesen sind, um zu einer Arztpraxis oder einem Krankenhaus zu gelangen. Die Scham und Stigmatisierung, die viele Frauen in diesem Moment empfinden, und das gezwungene Offenlegen des Problems gegenüber Familienmitgliedern oder Freunden sind zusätzliche Hindernisse, die nicht akzeptabel sind.
  2. Frauen sind nicht blöd. Sie können Medikamente von Süßigkeiten unterscheiden. Sie können Beipackzettel lesen. Sie wissen, dass sie trotz Rezeptfreiheit bei Fragen oder Unsicherheit zu jedem Zeitpunkt einen Arzt aufsuchen können.
  3. Apotheker sind nicht blöd. Auch sie können Süßigkeiten von Medikamenten unterscheiden. Sie besitzen Expertise darin, über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten aufzuklären und bei Indikationen an Ärzte zu verweisen.
  4. Die Pille danach ist in 79 Ländern dieser Erde rezeptfrei erhältlich. Innerhalb der EU ist sie lediglich in Deutschland, Polen und Italien verschreibungspflichtig. Obgleich diese Gesellschaft die katholische Kirche in Deutschland sicherlich freut, sollte sie bei allen ansatzweise emanzipatorisch und progressiv denkenden Menschen ein Magengrummeln verursachen.
  5. Ohne sexuelles Selbstbestimmungsrecht kann die Gleichstellung von Mann und Frau nicht Realität werden. Während die Gesellschaft es Männern gemeinhin zugesteht, ihre Sexualität auszuleben, beäugt sie das gleiche Verhalten bei Frauen für gewöhnlich sehr argwöhnisch. Wenn irgendetwas nicht nach Plan läuft, liegt es an der Frau, die Dinge zu regeln. Auf dem Weg, die Hürden bei der Beschaffung der Pille danach zu umgehen, psychisch mit den Regelungen des Abtreibungsparagrafen 218 StGB fertig zu werden, oder den Mut zu finden, bei der beschämenden Gesetzeslage des Vergewaltigungsparagrafen 177 StGB eine Tat zur Anzeige zu bringen, sind sie in erster Linie diejenigen, die vorwurfsvollen Fragen, Scham und herablassenden Belehrungen ausgesetzt sind. Die patriarchisch dominierte Gesellschaft gesteht Männern ihr sexuelles Wesen zu, das von Frauen bestraft sie durch unser Rechtssystem. Das ist ein Fakt. Und er ist unerträglich.

Was in dieser Debatte passiert, ist nichts anderes als die Umwandlung moralischer Argumente in medizinische. Moralische Argumente sind in einer progressiven Gesellschaft schlechte Argumente, das wissen auch Herr Gröhe und Herr Spahn. Sie wissen aber auch, dass einem Großteil ihrer Wähler Moral und ein reaktionäres Geschlechterbild wichtig sind.

Lobby, Lobby, Lobby

Doch es ist nicht nur die CDU, die sich gegen die rezeptfreie Ausgabe der Pille danach ausspricht. Auch die Bundesärztekammer und der Bundesverband der Frauenärzte raten von einer rezeptfreien Ausgabe ab. Das macht es nicht einfacher, sexistische Argumente in politischen Debatten als solche zu erkennen. Vor allem nicht, wenn sie als medizinische, also vermeintlich rationale Argumente verpackt sind. Ich frage mich daher generell: Wer profitiert von der diskutierten Regelung? Und würden wir diese Debatte genauso führen, wenn die Geschlechterrollen vertauscht wären? Von der derzeit bestehenden Regelung profitieren in erster Linie die Frauenärzte, da eine ärztliche Konsultation Voraussetzung einer Rezeptausgabe ist. Und die Frage der vertauschten Geschlechterrollen? Es ist kaum vorstellbar, in einer Gesellschaft, in der der Großteil der Machtpositionen von Männern besetzt ist, eine gesetzliche Regelung zu debattieren, die das körperliche Selbstbestimmungsrecht von Männern einschränkt. Aber wahrscheinlich würde es sowieso nie zu einer Debatte kommen, da die Regelung überhaupt nicht konfliktreich wäre, wenn Männer den Uterus hätten. Wir wären dann im eingangs erwähnten Paralleluniversum angekommen, und könnten die Pille danach bequem an der Supermarktkasse, friedlich eingebettet zwischen Kaugummis, Schnapsfläschchen und Kondomen erstehen.

 

Stefanie Lohaus, Chefredakteurin des Missy Magazine, hat eine Petition zur Rezeptfreiheit der Pille danach initiiert, unterzeichnen könnt ihr hier.

Foto: Maja Kowalczyk

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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2 Kommentare

  1. […] den ersten 178 Seiten erklärt Wizorek anschaulich, was etwa die Probleme mit der Verschreibungspflicht der Pille danach, mit geschlechtsspezifischen Babyklamotten und sexualisierter Gewalt sind. Oder warum, wer sich […]

  2. […] die Pille danach und kleine Schnapsfläschchen gemeinsam?“ fragt Stefanie Lohaus in ihrem Plädoyer für die Rezeptfreiheit der Pille. „In einem Paralleluniversum, in dem Männer Kinder […]

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