femtastisch1Peitschenhiebe, fliegende Steine und Beschimpfungen für Frauen auf dem Dratesel – die private Freiheit auf Rädern.

Da richtet Karl Freiher von Drais aber was an. Der Erfinder des Laufrades macht durch öffentliche Schaufahrten auf seine Erfindung aufmerksam und erhält für seine Draisine oder auch Veloziped am 12. Januar 1818 in Baden das Großherzogliche Privileg. Erfolg hat Karl Freiher von Drais mit seiner Erfindung nicht. Das Rad braucht einige Jahre, viele Verbote und medizinische Bedenken bis die Radelgebeisterung das Deutsche Kaiserreich erreicht. Radfahren ist ein Oberschichten- und vor allem ein Männerprivileg. Laufmaschine, Hochrad und Dreirad sind für Frauen nicht geeignet. Schon wegen der schweren, langen Röcke und der engen Korsetts ist Radfahren für Frauen ein Problem. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Anfeindungen. Zu Beginn der 1890er Jahre gibt es Damenmodelle mit tiefem Einstieg und passende Kleidung. Frauen tragen knielange Röcke und Unterbeinkleider, um die Oberschenkel zu bedecken, eine Neuerung sind weit geschnittene Hosenröcke.

Das Rad bringt Frauen Bewegungsfreiheit, da sie das Haus und damit die Aufsicht der Familie verlassen können. Eine Anstandsdame kann in der Regel nicht folgen. Fahrende Frauen gelten als Bedrohung der „natürlichen Ordnung“, stellen sie doch das Geschlechtergefüge in Frage. Die Frau übernimmt den passiven Teil der Beziehung und kümmert sich um das Haus. Mit dem Rad eignet sie sich jedoch männliche Eigenschaften an: Aktivität, Energie, Kraft, Tapferkeit und das Wirken nach außen in die Gesellschaft. Sie widersprechen damit der allgemein anerkannten medizinischen Vorstellung vom schwächlichen und schutzbedürftigen Wesen der Frau. Zur Frauenbewegung im Kaiserreich halten die Radlerinnen Abstand – auch um nicht noch weiter zu provozieren. Ihre Freiheit haben sie auf dem Rad, nach dem Absteigen finden sie sich wieder in ihre Rolle als Mutter und Hüterin des Heims ein. Dennoch überschreiten sie mit ihrer persönlichen Emanzipation gesellschaftliche Hürden und untergraben sie. Sie tragen dazu bei, dass sich das Frauenbild langsam ändert.

„Sofort sammelten sich Hunderte von Menschen, eine Herde von Straßenjungen schickte sich zum Mitrennen an. Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spießrutenlaufen, sodass man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich alle Scheußlichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war. Eigentümlich war dabei, dass am rüdesten und gemeinsten sich nicht die unterste Volksklasse benahm, sondern der Pöbel in Glacéhandschuhen und, zur Schande meiner Landsmänninnen muss ich das leider sagen, Frauen, die ihrem Äußeren nach besseren Ständen angehörten. Ausrufe wie „Pfui, wie gemein!“ war ungefähr das Mildeste, was man zu hören bekam.“

/Amalie Rother 1897

 

 

*in, *innen, *r, *ren, *er, *eren, *n und *en – wann immer ihr dieses Sternchen seht, ist jede und jeder gemeint.


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